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Herbstschau: Beim Galerien-Rundgang in Spinnerei Leipzig ist leichte Kost Mangelware

Herbstschau: Beim Galerien-Rundgang in Spinnerei Leipzig ist leichte Kost Mangelware

„Wer am Sonntag im strömenden Regen kam, der meinte es ernst“, resümiert Spinnerei-Geschäftsführer Betram Schultze. 2000 bis 3000 meinten es ernst. Am Samstag kamen bei traumhaftem Spätsommerwetter zwei- bis dreimal so viele zum Herbstrundgang in der Leipziger Spinnerei.

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Die Kunst überzeugt fast durchweg.

Konsumkritik muss man sich leisten können. Eigen+Art-Galerist Judy Lybke kann es offenbar. In seiner Galerie hat die Amerikanerin Christine Hill mit ihrer „Volksboutique“ Quartier bezogen und spielt ein fantastisches Spiel. In einem auf Realmaße vergrößerten Kinder-Kaufmannsladen steht sie mit historisch anmutender Schürze, verbindet Kinderspiel mit Weltwirtschaft und Psychologie – und verhandelt lässig nebenher das, worum es bei einem Galerien-Rundgang natürlich auch geht: Kommerz.

Während sich auf der Theke Reminiszenzen wie eine wunderbar-analoge Kasse finden, gibt es im Regal gar keine Waren, sondern nur Ideen. Auf Paketen steht etwa (frei ins Deutsche übersetzt) „Optionen, Optionen, Optionen, Optionen“, „Wahrheitismen“ oder „Erste Eindrücke“.

„Es ist sehr interessant, Kindern beim Spiel mit ihren Kaufmannsläden zuzusehen“, erklärt gerade die seit 20 Jahren in Berlin lebende Künstlerin, als ein kleines Mädchen sehr charmant und auch sehr insistierend fragt: „Kann man mit den Sachen spielen?“ Hill: „Ich spiele gerade damit.“ – „Meine Mama hat gesagt, man kann die Sachen rausnehmen.“ Die Künstlerin lächelt streng – und „die Sachen“ bleiben drin.

Galerien-Rundgang in Leipzig und „Gallery Weekend“ in Berlin, ein bisschen ist das wie mit der Buchmesse in Leipzig und der stressigen Schwester in Frankfurt. Hier entspannter Genuss, entspanntes Geschäft – dort Hektik pur. „Ein Berliner Journalist hat mir gerade wieder von Leipzig vorgeschwärmt“, erzählt ASPN-Galeristin Arne Linde. In der Hauptstadt stürze man sich ins Taxi, um von A nach B zu kommen und bloß nichts zu verpassen, habe der berichtet. Überhaupt: Der Lack am Berliner Image als cooles Kreativen-Zentrum scheint ziemlich angekratzt zu sein. Das legt zumindest ein Bericht im Tagesspiegel nahe, in dem es um Machtkämpfe, ein Galerie-Kartell und sehr viel Angst geht.

Sicher, auch  in Leipzig gibt es Gewinner und Verlierer, doch es zeigt sich ein anderer Geist: Zwischen den Ziegelmauern zelebriert man die Langsam- und Leichtigkeit des Seins, ob unter freundlicher Spätsommersonne am Samstag oder Regenschirmen wie gestern – ob beim Bio-Eis oder Grießbrei mit Heidelbeeren, ob mit Sekt oder Selters, ob man mit dem Fahrrad oder mit der Limousine gekommen ist. Nicht einmal Schrittgeschwindigkeit hat der „Bimbotown-Express“, der da mit muffigem Wohnzimmer-Inventar bestückt über die alten Schienen knirscht.

Spinnerei-Rundgang als Volksfest

Klar, Spinnerei-Rundgang ist und bleibt Volksfest. Leichte Kost ist jedoch Mangelware. ASPN zeigt unter anderem den Leipziger Johannes Rochhausen, der seit Jahren manisch sein eigenes Atelier malt und dem Sujet mit Kohle, Kreide und Tusche neue Leichtigkeit, ja Lässigkeit abringt. Bedrückend sind trotz oder sogar wegen ihrer Übertragung in Öl auf Leinwand Holmer Feldmanns Feldpostbriefe aus dem ersten Weltkrieg.

Dass auch beim Porzellan noch längst nicht alles gesagt ist, zeigt diesmal die Werkschauhalle, in der der Meissen-Art-Campus ausstellt. Gedimmt ist das Licht, feierlich illuminieren Deckenspots die Arbeiten von 28 Künstlern aus verschiedenen Ländern. Faszinierend heben sie, ob in Malerei oder Skulptur, den alten Werkstoff auf die Höhe der Zeit.

Foto-Rückblick: Spinnerei-Winterrundgang:

Neue Energie im Spinnerei-Gefüge verspricht der Zuzügler Queen Anne, jetzt in Halle 10 ansässig. „Wir hatten gefragt, ob wir mal bei einem Rundgang mitmachen könnten“, erzählt Carolin Modes, eine der beiden Galeristinnen, während im Hintergrund das Oberkreuzberger Nasenflötenorchester bei der Eröffnungsparty anhebt. Spinnerei-Geschäftsführer Bertram Schultze habe ihnen daraufhin die Pistole auf die Brust gesetzt: „Ganz oder gar nicht.“ Man entschied sich für „ganz“, zog vom Tapetenwerk rüber. „Bis Freitag haben wir an den Räumen gearbeitet“, so Modes. Mit Helge Hommes, 1964 in Wuppertal geboren, zeigt Queen Anne einen Autodidakten, in dessen Lebenslauf sich bereits 13 Jahre nach der Geburt der Passus „Entscheidung, Künstler zu werden“ findet. Dass diese eine gute war, zeigt die Schau, überschrieben mit „Folge mir“, in der sich Hommes mit dem Thema Bäume auseinandersetzt. Mit fingerdickem Farbauftrag hat er das Gewirr einer umgestürzten Fichte plastisch auf die Leinwand gebracht, die Äste in kleineren Arbeiten wiederum zu Abstraktionen geschrumpft.

Der Wald ruft

Faszinierend ruft der Wald auch in der Filipp Rosbach Galerie, in der Ruth Habermehl in zwischen Magie und Tümelei oszillierende Collagen unter dem Titel „Woodlands“ entführt. Mittendrin ein Satz an der Wand, der Beruhigung und Bedrohung in sich zu tragen scheint: „Wenn du dich im Wald verirrst, warte bis der Wald dich findet.“ Erheblich der Kontrast im Nachbarraum, wo Marianna Krüger, in Kasachstan geborene Schülerin von Arno Rink und Astrid Klein, sich sinnlich, wild und expressiv mit dem medialen Konzept von Weiblichkeit großformatig auseinandersetzt.

In der Galerie Kleindienst hat Corinne von Lebusa die Frage „Kannst du deine Scheisse nicht auf ein größeres Bild malen???“ auf ein kleines Bild gemalt – und da auch gleich beantwortet: „Nein du Sau.“ Dem wäre, gerade auch zu dieser Schau, einiges hinzuzufügen, was Sie, lieber Leser, ausführlicheren Einzelrezensionen in den nächsten Wochen hier entnehmen können.

Jürgen Kleindienst

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