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Herrliche Höchste Eisenbahn

Konzert im Bretschneider-Park Herrliche Höchste Eisenbahn

Ein Konzertabend, an dem alles passte: Die Band Die Höchste Eisenbahn gab am Samstag ein umjubeltes Konzert auf der idyllisch gelegenen Open-Air-Bühne des Geyerhauses im Bretschneider-Park – bei perfektem Wetter.

Helden eines Leipziger Sommerabends: Die Höchste Eisenbahn auf der Geyerhaus-Parkbühne.

Quelle: Christian Modla

Leipzig. Die Welt ist schlecht. Wankende Demokratien, Angst vor Terror, der Mann mit den gelben Haaren, Sie wissen schon. Als aber am frühen Samstagmorgen in der Filiale einer US-Burger-Kette auf dem Leipziger Hauptbahnhof tatsächlich Francesco Wilkings Stimme aus den Boxen drang, deutete sich an, was Stunden später bewiesen war: Es gibt noch Hoffnung. Selten hat man jedenfalls die Unbeschwertheit und Glückseligkeit so zu greifen bekommen, wie beim Konzert von Wilkings Band Die Höchste Eisenbahn auf der Geyserhaus-Parkbühne am Samstagabend.

Als die Kölner Vorband Neufundland spielt, herrscht vorm Eingang noch angenehmes Gewusel. Hübsche Mädchen schließen ihre schönen Fahrräder an Bäume, kleine Gruppen finden zueinander. Dazwischen, wie immer hier, ein paar Schrebergärtner, die durch den Zaun lauschen. Ein ferngesteuertes Auto zieht einen Jungen hinter sich her, es ist ein Sommerabend wie er an Sommerabendhaftigkeit nicht zu überbieten ist. Kurz nach neun tritt Die Höchste Eisenbahn mitten hinein in diese Idylle. Francesco Wilking sieht mit dunklem Hemd, Brille und Basecap aus wie ein Postrock-Tüftler aus Kanada, Moritz Krämer, Max Schröder und Felix Weigt geben die sympathischen Indie-Boys. Das Publikum lümmelt auf Bänken und Decken und freut sich.

Mit „Wir haben so lange nachgedacht bis wir wütend waren“ geht es los, gleich danach kommt mit „Gierig“ schon das Lied, das alles hat, was diese Band ausmacht: Witz und Traurigkeit, immer gleichzeitig, immer in Text, Gesang und Musik. Man kann das eigentlich gar nicht erklären. Oder doch: Wenn Erich Kästner heute eine Band hätte, wäre es Die Höchste Eisenbahn. Und das nicht nur, weil der Bandname wie eine seiner Geschichten klingt. Die Höchste Eisenbahn erzählt in ihren Liedern Geschichten (die sie beim Konzert mehrfach um weitere Strophen und Epiloge ergänzt), blickt auf ihre Figuren, deren Vorgeschichten Schwermut heraufbeschwören, so liebevoll und so unschuldig, wie man es nur aus den Erzählungen Kästners kennt, wohlgemerkt auch aus denen für Erwachsene. Genau wie dort ist auch in Wilkings und Krämers Texten die Welt keine heile: „Meine Mutter war neu hier / Vierzig Jahre lang / Satellitenfernsehen / das sie überall hinbringen kann.“ Eine Zugezogene bleibt ihr Leben lang „Die Fremde“. Doch wie der Dichter verzweifeln auch Wilking und Krämer nicht an der Schlechtigkeit der Welt, sondern halten sich an einem warmherzigen, vielleicht kindlichen Blick auf die (kleinen) Dinge des Lebens fest. Muss halt der Fernseher das Fenster zur Heimat sein. Und wie Moritz Krämer „Sei nicht so traurig“ schluchzt! Wie er überhaupt immerzu schluchzt statt zu singen! Man möchte ihn in den Arm nehmen, sieht dann aber, dass er schelmisch lacht.

Ein Cha-Cha-Cha-Rhythmus leitet „Timmy“ ein und lässt innerhalb von drei Sekunden alle von ihren Bänken und Decken an die Bühnenkante tänzeln. Sie singen und strahlen, sind unbeschwert und direkt angefasst, von ihren Liebsten oder eben von den Songs. „Nicht atmen“ klingt noch zerbrechlicher als auf Platte, „Jemand ruft an“ zerfällt in einen „Easy like Sunday Morning“-Groove. Die Geschichte von „Isi“ wird zwar länger und länger, endet aber leider irgendwann doch, obwohl es darin so wunderbar heißt: „Du darfst nicht mit dem Fahrrad / und du sollst auch nicht zu Fuuuß / Du darfst üüüüüberhaupt nicht mehr gehn.“ Alle lieben „Lisbeth“ und schauen „in den Lauf, Hase / lauf, Hase!“. Es fängt irgendwann an zu regnen, aber nur so, wie man es als Kind gemalt hat, als bedeutungslose Punkte auf einer ansonsten leeren Fläche. Wobei ... vielleicht springt man gleich auf dem Heimweg mal wieder durch die Pfützen. Denn mit dieser Musik und diesen hüpfenden, singenden Grinsebacken überall ist das hier der schönste letzte Schultag überhaupt. Und wenn das der letzte Schultag ist, fangen die großen Ferien ja erst an!

Von Benjamin Heine

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