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Hertels „ParkinSong-Revue“ im Leipziger KunstKraftWerk

Premiere Hertels „ParkinSong-Revue“ im Leipziger KunstKraftWerk

Schauspieler, Sänger, Musiker und ein Bewegungschor der Betroffenen – die Bühne ist voll in Thomas Hertels „ParkinSong-Revue“. Der Komponist hat seine Erkrankung zum Thema einer Show gemacht. Geht das gut? Sehr gut sogar.

Outside-Story im KunstKraftWerk: Die „ParkinSong-Revue“ mit Raschid D. Sidgi (li.) und Stefan Kaminsky vor dem Chœur de Mouvement.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Superman trägt keinen Umhang. Er fährt aus seiner Haut auf. Der Held ist zwar nackt, doch er fliegt. Hinter den Cartoons von Franziska Junge, auf den bühnenbreiten Gaze-Vorhang projiziert, spielt das Leben. Dort warten Martina, Michael, Andreas, Elke und Monika auf ihren Einsatz. Auf Tafeln am Eingang haben sie sich vorgestellt, auf der Bühne sind sie ein stummer Chœur de Mouvement, der Bewegungschor der Parkinson-Betroffenen. Am Freitag feierte Thomas Hertels „ParkinSong-Revue“ im Leipziger KunstKraftWerk Premiere. Das Publikum war berührt und begeistert.

„Hey, Mister Parkinson!“ heißt der Abend, und mit dieser Kampfansage beginnt er auch, sie gibt den Ton vor für anderthalb Stunden: Lasst uns das Leben feiern wie Freunde. Eingeladen aber ist der Feind: Mr. P., Parky, Parkinson. Ganz vorn, unmittelbar vor den Zuschauern, geben die Schauspieler Stefan Kaminsky und Raschid D. Sidgi ihm Stimme und Gestalt, personalisieren die Krankheit als Alter Ego der Erkrankten. Die Texte stammen von Thomas Hertel (65). Er hat sie geschrieben, um mit der eigenen Diagnose umzugehen. In seiner szenisch-musikalischen Show will er Euphorie und Verzweiflung sichtbar machen – und macht sie sogar spürbar. Der Mut, das Thema anzugehen, führt im Akt künstlerischer Auseinandersetzung zu einem „Theater der Grausamkeit“, das zur Hingabe mit Haut und Herz einlädt.

Ode an ein Glückshormon

Als musikalischer Leiter an den Schauspielhäusern in Dresden und später Leipzig war der Komponist bekannt für experimentelle Formen, beispielsweise in der Reihe „Mund & Knie“. Das Neben-, Mit- und Übereinander von Text, Gesang, Musik, Cartoons, Bewegung ist vertraut – und geht hier in einer anderen Sinnlichkeit auf. Wobei die Parkinson-Erkrankung zwar Anlass ist, der Abend jedoch weiter ausholt und weiter greift, nach Lebensplänen fragt und mit Trotz oder Hoffnung antwortet.

Ein einziges Mal spricht der Chor: „Parkinson ist mein Feind. Ich muss lernen, ihn zu akzeptieren“. „Mir fiel ein Stein vom Herzen, als ich erfuhr, dass es Parkinson ist.“ „Mein Mann hat immer gesagt: „Scheiß Krankheit.“ Eine knappe medizinische Erklärung der das Projekt unterstützenden Parkinson Vereinigung gibt es im Programmheft. Auf die Hosenbeine der Künstler gedruckt wie ein Logo: die chemische Formel für den Botenstoff Dopamin. Auch dem Glückshormon hat Hertel ein Lied gewidmet.

Vermählung mit dem Absoluten

Feiern oder fallen. Hier mischt sich beides im rauschenden Fest – serviert von einer exzellenten Band mit Sängerin Maike Lindemann, die auch als Elvis begeistert. Es stimmt alles: Arrangements, Tempo und Präzision, mit der die Elemente ineinandergreifen. Die Gaze-Wand trennt oder verbindet, hin und wieder tritt der von Tom Quaas behutsam inszenierte Bewegungschor vom erhöhten hinteren Teil der Bühne nach vorn, meist agiert er im Hintergrund. Dazwischen amüsiert und berührt „Xelettist“ Felix Haiduk, der eine Skelett-Donna bespielt und sich vermählt mit dem Absoluten, dem Innersten.

„Komm Parky, ich hak dich/ jetzt unter/ tief unten unter meiner Haut/ wirst du mir viel zu munter/ und ich werde außen nur laut.“ Lied für Lied, Schritt für Schritt sind sie immer deutlicher zu hören, zu sehen, zu fühlen: die Metaphern für Ängste, Zwänge und Verzagtheit, die ein Leben aus den Angeln hebeln. So wird nachvollziehbar, wie es sich anfühlt, wenn Schicksal in die Knochen fährt, ein Mitbewohner im Körper sich breitmacht oder in der Seele haust. Bis zur „Schwarzen Ballade“, die – im letzten Drittel zwar – das Zentrum dieser Outside-Story bildet: „Verzeih mir, my love, ich/ verriet dich an Mister Parks/ es bricht mir dein Herz &/ meines entzwei ...“

Die Revue trägt Glaube, Liebe, Hoffnung auf Händen, auch wenn die Beine nachgeben. Jedes Duett, jedes Tänzchen ist Kampf und Reigen mit der Ungewissheit. Ein Kraft-Akt, der sich lohnt.

„ParkinSong-Revue“ u.a. mit Raschid D. Sidgi, Stefan Kaminsky (Sprecher/Sänger), Maike Lindemann (Sängerin), Felix Haiduk (Xelettist), Rafael Klitzing (Samplings/Scratchigs), Johannes Moritz (sax), Melchior Walther (key), Vinzenz Wieg (git), Philipp Rohmer (bass) und Andreas Schwaiger (drums): wieder 20.–23. Oktober, 4.–6.11., jeweils 20 Uhr, 6.11. auch um 16 Uhr; Kunstkraftwerk, Saalfelder Str. 8b, Kartentel. 0341 33736636, www.parkinsong-revue.de

Von Janina Fleischer

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