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Herz und Elend – „Die Taugenichtse“ von Samuel Selvon

Roman Herz und Elend – „Die Taugenichtse“ von Samuel Selvon

Das Original ist 1956 erschienen und war sein größter Erfolg: Samuel Selvons Einwanderer-Roman „The Lonely Londoners“. Nun ist er unter dem Titel „Die Taugenichtse“ erstmals auf Deutsch zu lesen. Eine so vergnügliche wie zu Herzen gehende Lektüre.

Samuel Selvon, 1923 in Trinidad geboren, ging 1950 nach London, wo er zu einer international anerkannten literarischen Stimme wurde

Quelle: The Sam Selvon Collection / dtv

Leipzig. „Die Menschen auf dieser Welt wissen nicht, wie andere Menschen konkret ihr Leben berühren.“ Sätze wie dieser sind es, mit denen Samuel Selvon die Gegenwart berührt. Sein Roman „Die Taugenichtse“ stammt aus dem Jahr 1956, jetzt ist er erstmals auf Deutsch erschienen. Vielleicht, weil diese Geschichte über Einwanderer von damals für Geschichten von Einwanderern heute sensibilisiert. Es ist darüber hinaus ein anrührender Roman, dessen Sprache mit Unmittelbarkeit unterhält. Übersetzerin Miriam Mandelkow hat für den Slang des Originals einen Stil gefunden, der an den Szenejargon „Kanak Sprak“ erinnert: reduziert in der Grammatik und konkret im Ausdruck. Es gibt das schöne Wort „Miesmut“, und es gibt „Fuchsteufel in der Miene“.

Der Schriftsteller und Journalist Samuel Selvon gehörte zur „Generation Windrush“. Er wurde 1923 in Trinidad geboren, schrieb zunächst Kurzgeschichten und ging 1950 nach London, wo er mit „Die Taugenichtse“ einen, wie der deutsche Verlag es formuliert, „ganz eigenen, neuen Sound“ schuf. Selvon schrieb über das Immigrantenleben in London, er verfasste TV-Drehbücher für die BBC. Sein erster Roman „A Brighter Sun“ erschien 1952; „Turn Again Tiger“ („Kehr um, Tiger: Ein Roman aus Trinidad“) kam in den 60ern auf Deutsch heraus. 1978 ging Samuel Selvon nach Kanada, er starb 1994 in Trinidad. „The Lonely Londoners“, wie „Die Taugenichtse“ im Original heißen, blieb sein berühmtestes Werk.

„Zu Hause hat keine Zukunft, Junge“

Es beginnt auf dem Bahnhof. Waterloo Station ist Ankunft für alle, die die Hoffnung schickt. Moses Aloetta, der schon länger in London lebt, ist da, um einen gewissen Henry Oliver, genannt Sir Galahad, in Empfang zu nehmen, ihm zu helfen beim Finden von Arbeit, Wohnraum, Freunden, „weil allein ist diese Stadt mächtig einsam“. Obwohl: Freunde wäre zu viel versprochen. „Kollegen“ nennen sie einander. „Das hier ist eine einsame, elende Stadt, wenn wir nicht dann und wann zusammenkommen würden und über Geschichten von zu Hause reden, dann würden wir leiden wie die Hölle.“

Wir, das sind die Zugewanderten aus den britischen Kronkolonien in der Karibik. Über 40 000 Westinder sollen in Großbritannien leben, schimpft ein Tory-Abgeordneter. Moses und seine Kollegen stammen aus Trinidad, sie selbst nennen einander „Mokkas“. Sie kommen, um zu arbeiten, Geld zu verdienen. Sie sind geduldet, doch nicht akzeptiert. Manchmal denken sie daran zurückzukehren, „aber das kannst du vergessen“, wird jener Neuankömmling Galahad später sagen. Und: „Zu Hause hat keine Zukunft, Junge.“

Mit Moses lernen die Leser auch Kollegen wie Big City kennen, Five Past Twelve und Tolroy. Big City ist in Trinidad in einem Waisenhaus aufgewachsen, hat Sehnsucht nach den großen Städten und Schwierigkeiten mit den Wörtern. Zwar hat er nicht immer Arbeit, aber immer Geld, „weil er macht konkret wichtige Geschäfte“. Zu Five Past Twelve, der aus Barbados kommt, hat mal jemand gesagt: „Junge du bist ja schwarz wie die Mitternacht“. Dann noch mal hingeguckt: „Nee, da ist schon fünf nach zwölf.“ Five hat Frauen überall in London und beim Tanzen „die Mieze hart am Wind“.

„Wir wollen nur klarkommen, nicht mal vorankommen“

Oder Tolroy, dessen komplette Familie mit Ma und Tanty am Bahnhof einrollt, was ihm überhaupt nicht passt, weil er Angst hat, nicht alle versorgen, sich nicht um alle kümmern zu können. Oder Captain, kurz Cap. Der kam aus Nigeria, sollte Jura studieren, wirft aber sein Geld „wie nichts auf Frauen und Zigaretten“. Er hat „so eine Stimme, die kann im Winter Butter schmelzen, und er spricht Tatsache wie ein Gentleman“. Er schnorrt sich durch. „Tag für Tag sieht man ihn, wie er nichts tut, nichts hat und allen was schuldet ...“ Das, sagt Moses, „sind so Kollegen, die uns andern die Suppe verspucken. Verstehst du, was ich meine? Ein Nichtsnutz, läuft rum und macht lauter Mist und wirft sein schlechtes Licht auf uns alle.“ Moses arbeitet nachts in einer Fabrik, wo er Topfkratzer packfertig macht.

Rassismus ist Alltag, und zwar subtil. „In Amerika gibt es Schilder, wo draufsteht, du sollst draußen bleiben. Hier gibt es keine Schilder, aber dann gehst du in ein Hotel oder Restaurant, und dann sagen sie dir höflich, du sollst abziehen – oder sie zeigen dir die kalte Schulter.“ Was, fragt Galahad, „wollen wir denn genau, was die Weißen so ungern hergeben?“ Er verlange doch nicht die Sonne oder den Mond. „Wir wollen nur klarkommen, nicht mal vorankommen.“

Mit jeder Episode wachsen die Protagonisten mehr ans Herz – und wächst in ihnen die Frage: bleiben oder gehen? Zurück in die Heimat? Was hält die Männer fest? Hinter allem sieht Moses „eine große Ziellosigkeit, ein großes unruhiges Hin und Her, bei dem man immer auf dem Fleck bleibt“. Samuel Selvon lässt Resignation und Lebensmut seiner„Taugenichtse“ lebendig werden. Er bringt sie nah.

Samuel Selvon: Die Taugenichtse. Roman. Aus dem Englischen von Miriam Mandelkow. dtv Literatur; 176 Seiten, 18 Euro

Von Janina Fleischer

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