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Heute wählt der Leipziger Stadtrat einen neuen Kulturbürgermeister

Kulturbürgermeister-Wahl Heute wählt der Leipziger Stadtrat einen neuen Kulturbürgermeister

Der Stadtrat wählt heute einen Nachfolger für Leipzigs Kulturbürgermeister Michael Faber, der zum 1. Juni aus dem Amt scheidet. Alles spricht dafür, dass die von der Linken vorgeschlagene Skadi Jennicke das Rennen macht.

Noch bis zum 1. Juni im Rathaus: Michael Faber

Quelle: LVZ

Leipzig. Früher war alles besser, aufregender, aufgeregter wenigstens: Wer erinnerte sich nicht an die letzte Leipziger Kulturbürgermeisterwahl. Da gab es bis zur letzten Minute Brandbriefe, Hinterzimmer- und Geheim-Diplomatie, Debatten in den Tempeln der Hochkultur wie am Stammtisch. Dadurch wurde es zwar auch nicht spannend, denn nach all diesen Verwerfungen kam dann doch der von den Linken vorgeschlagene und vom Parteien-Proporz getragene parteilose Michael Faber ins Amt. Aber wenigstens war 2009 ordentlich was los im kulturpolitischen Leipzig.

Nun, sieben Jahre später und keine zwei Wochen vor Fabers Ausscheiden aus dem Amt zum 1. Juni, ist es genauso wenig spannend. Denn die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass Skadi Jennicke von der Linkspartei, durch eben die vorgeschlagen und erneut vom Proporz getragen, heute das Rennen macht, wenn der Stadtrat wieder über die Besetzung des Kulturbürgermeisterpostens zu bestimmen hat. Überdies ist es diesmal auch im Vorfeld erstaunlich ruhig geblieben.

Drei Kandidaten schälten sich aus dem weitgehend anonymen Kandidatenfeld heraus, von denen einer wieder absprang. Ein neuer trat gerade hinzu, so dass heute wieder drei zur Abstimmung stehen: Die Favoritin Jennicke, Jahrgang 1977, Dramaturgin von Beruf, seit langem für die Linke im Stadtrat aktiv und mit den Gegebenheiten in Leipzig vertraut, ihr Verfolger Matthias Theodor Vogt, geboren 1959 in Rom, CDU-Mitglied, einer der Väter des viel gerühmten sächsischen Kulturraum-Gesetzes, überregional und international vernetzt, sowie, last und wohl least, der auf der Zielgeraden noch in den Ring geschubste Außenseiter Thomas Kumbernuß, geboren 1971, vielleicht für ein wenig satirische Würze gut.

Denn Würze ging dem Verfahren diesmal ab. Die höchste Erregungsstufe im Vorfeld war das erregte Konstatieren ausbleibender Erregung. Dabei geht es ja hier nicht um irgendwen. Es geht um den Kulturbürgermeister einer Stadt, die zu Recht von sich behauptet, Kultur zähle zu den wichtigsten Bausteinen ihrer Identität. Und auch über die Stadtgrenzen hinaus ist zu konstatieren, dass nichts in Leipzig so viel Anziehungskraft entwickelt wie das Angebot, für das Gewandhaus und Oper, Schauspiel und Thomaner, alle die anderen Akteure sowie Freie Szene gemeinsam stehen, national wie international. Da ist es eigentlich erstaunlich, dass die Kultur-Manager und -Verwalter, die kulturpolitischen Lichtgestalten aus aller Welt nicht Schlange stehen, wenn die Möglichkeit besteht, sich an die Spitze dieser Bewegung zu setzen.

Das mag daran liegen, dass es auswärtigen Bewerbern beim letzten Mal nicht gut erging: Ihre Bewerbungen wurden öffentlich, das Verfahren noch einmal von vorn begonnen. Derlei merkt man sich in einer bestens vernetzten Szene. Wichtiger noch dürfte indes die Frage sein, ob Leipzig überhaupt der Lichtgestalt bedarf. Oder ob es nicht, im Gegenteil, Aufgabe des Kulturbürgermeisters oder der Kulturbürgermeisterin ist, die Leipziger Kultur möglichst hell strahlen zu lassen und dafür Sorge zu tragen, dass sich nichts vor sie stellt, was Schatten wirft. Insofern ist zwar Matthias Theodor Vogt glamouröser, weltläufiger, funkelnder als Jennicke, die noch keine Gelegenheit hatte, auf internationalem Parkett zu glänzen. Aber da der Welt-Glanz eben eine der Hauptaufgaben von Gewandhausorchester, Thomanern und Co. ist, muss das kein Problem sein.

Ohnehin ist das mit der Papierform so eine Sache. Die war bei Michael Faber auch nicht berauschend. Der Verleger hatte zuvor keine nennenswerten einschlägigen Erfahrungen gesammelt und sich dem Kulturbürgermeister-Amt vor allem als kultivierter und empathischer Zuhörer genähert, mehr als Impressionist denn als Macher. Das hat ihm zwar in seiner Amtszeit eine Teilentmachtung (2010 bis 2014 lud Oberbürgermeister Burkhard Jung sich die Eigenbetriebe auf die eigenen Schulter), sowie ein im zweiten Wahlgang abgeschmettertes Abwahlverfahren eingetragen. Aber unter dem Strich geht es der Leipziger Kultur nach sieben Faber-Jahren nicht schlecht.

Die Oper beispielsweise war, als er sein Arbeitszimmer im Rathaus bezog, ein personalpolitischer Trümmerhaufen mit einem beurlaubten Intendanten (Henri), einem Interims-Hausherrn (Alexander von Maravic) unter einem in absolutistischer Machtfülle regierenden Chefregisseur (Peter Konwitschny) mit zweifelhaftem Spielplan, dem das Publikum konsequent die kalte Schulter zeigte. Nun ist Ulf Schirmer als Intendant und Generalmusikdirektor am Ruder. Er hat die Erneuerung des Hauses vorangetrieben, die Zahlen in Ordnung gebracht, den Spielplan vom Kopf auf die Füße gestellt, das Haus für Leipziger und Gäste aus aller Welt wieder attraktiv gemacht und sogar einen Großteil des Feuilletons zurück an den Augustusplatz geholt. Die MuKo hat ihr neues Funktionsgebäude bezogen, weitere Sanierungsschritte stehen an.

Das von Andreas Schulz geleitete Gewandhaus war auch 2009 schon gut im Schuss. Damals hatte das älteste bürgerliche Orchester der Welt in Gestalt Riccardo Chaillys einen Chefdirigenten, um den die ganze Musikwelt uns beneidete. Nun steht in Gestalt Andris Nelsons ein designierter Gewandhauskapellmeister in den Startlöchern, um den die Musikwelt uns beneidet. Die Auslastung ist kaum steigerungsfähig, die Einnahmen sind entsprechend, Sponsoren geben gern und für ostdeutsche Verhältnisse gut, das internationale Renommee ist besser denn je.

Auch im Centraltheater wurde die Weichen neu gestellt. Das unter Sebastian Hartmann heftig umstrittene Haus heißt wieder Schauspielhaus, und seit der Übernahme der Intendanz durch Enrico Lübbe haben die Wogen sich geglättet. Die Auslastung stieg, Einladungen zu renommierten Festivals zeigen, dass dennoch in der Bosestraße nicht nur Stadttheater-Konfektionsware geboten wird. Fürs Lofft und selbst fürs Naturkundemuseum sind auf dem Spinnereigelände die Weichen gestellt, im Zoo, der zum Beritt des Kulturbürgermeisters gehört, läuft alles prima ...

Nur die Freie Szene wartet noch auf die Umsetzung des Stadtratsbeschlusses, der vorsah, dass sie bis 2013 5 Prozent des Leipziger Kulturetats von knapp 130 Millionen Euro bekommen sollte. Nato-Geschäftsführer Falk Elstermann: „Aktuell liegen wir bei 4,2 Prozent und die jährliche Steigerungsrate der Mittel für die Freie Szene von 2,5 Prozent ist da nur ein schwacher Trost.“ Auch einige andere Probleme sind ungelöst: das des strukturellen Defizits etwa bei den personalintensiven Leuchttürmen, wo die Personalausgaben schneller steigen als die Zuschüsse. Dennoch: Die Kulturstadt Leipzig steht zum Ende der Amtszeit Faber besser da als zu ihrem Beginn. Seine mutmaßliche Nachfolgerin setzt sich also, wenngleich viel zu tun bleibt, ins gemachte Nest.

Diese Verdienste allerdings kann Faber sich kaum alle ans Revers heften. Denn erstens hat ja über einen Gutteil dieser Zeit der Oberbürgermeister sich ums kulturelle Tafelsilber gekümmert. Zweitens haben die in den Institutionen Verantwortlichen offenkundig erstklassige Arbeit geleistet. Und drittens lief es überhaupt recht gut für Leipzig in den letzten Jahren. Wurde also Fabers Vorgänger Georg Girardet 2009 als „Der Ermöglicher“ verabschiedet, wird Michael Faber eher als „Der Begleiter“ in die Annalen der Stadt eingehen.

Daraus ließe sich der Schluss ziehen, dass die Personale des Kulturbürgermeister insgesamt nicht so hoch zu hängen sei. Doch wäre dies ein Irrtum. Denn es ist es ja keineswegs ausgemacht, dass Leipzig auf immer und ewig von einem kulturaffinen Oberbürgermeister regiert wird. Und dann wäre ein Kämpfer gefragt, wenigstens wieder ein Diplomat. Überdies muss der Befund, dass es allen Irrungen und Wirrungen zum Trotz die vergangenen sieben Jahre insgesamt keine schlechten waren, ja nicht bedeuten, dass sie nicht noch besser hätten werden können – mit einem Kämpfer, einem Macher, einem Visionär.

Ob Matthias Theodor Vogt diese Eigenschaften besitzt, das werden wir aus Leipziger Sicht wahrscheinlich einstweilen nicht beurteilen können. Auch Skadi Jennicke muss sich diesbezüglich erst bewähren. Wenn es weiter gut läuft für Leipzig und in seiner Kultur, hat sie die Zeit dazu. Heute Abend wissen wir mehr. Ganz unaufgeregt

Von peter korfmacher

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