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„Hokuspokus“ im Bildermuseum: Via Lewandowsky und Stefan Koppelkamm

Eröffnung am Samstag „Hokuspokus“ im Bildermuseum: Via Lewandowsky und Stefan Koppelkamm

Durch den Raum wehen Stimmen, Apparaturen zischen, irgendwo wird gejubelt, ein Gitarrenhals bewegt sich. Wundersame Dinge vollziehen sich im Museum der bildenden Künste. Am Samstag wird dort die Ausstellung „Hokuspokus“ mit Arbeiten von Via Lewandowsky gezeigt. Zu sehen sind auch Arbeiten von Stefan Koppelkamm.

„Ortszeit“ heißt das Projekt von Stefan Koppelkamm. Er bereiste Orte in Ostdeutschland ab 1990 und dann zehn Jahre später erneut.
 

Quelle: André Kempner

Leipzig. „Bin ich akustisch zu vernehmen?“, fragt Direktor Hans-Werner Schmidt bei der Pressekonferenz. Die Frage ist berechtigt. Durch den Raum wehen Stimmen, ein Räuspern geht um, Apparaturen zischen, irgendwo wird gejubelt, und ein Gitarrenhals bewegt sich auf und ab. Wundersame Dinge vollziehen sich hier, wo bis vor kurzem noch die großen historischen Dramen der französischen Maler Delaroche und Delacroix zu bewundern waren. Statt mit Öl auf Leinwand wird nun mit Draht, Megaphon, Perücken, Raufasertapete oder toten Vögeln inszeniert.

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Ab Samstag sind die witzigen wie philosophischen Arbeiten von Via Lewandowsky im Leipziger Bildermuseum zu sehen. Ausgestellt werden außerdem Fotos von Stefan Koppelkamm

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Es ist eine Doppelausstellung, die am Samstag um 18 Uhr eröffnet wird. Zu sehen sind zum einen rund 60 zum größten Teil in den vergangenen zehn Jahren entstandene Arbeiten des 1963 in Dresden geborenen Via Lewandowsky, mit „Hokuspokus“ überschrieben. Es ist die erweiterte Fassung einer Schau, die zuvor in Kiel zu sehen war. „Häuser, Räume, Stimmen“ heißt der Bereich des Berliners Stefan Koppelkamm. Er zeigt Orte, die er zwischen 1990 und 1992 nach dem Fall der Mauer in Ostdeutschland fotografierte.

Mehr als ein Vorher-Nachher

„Es war überwältigend, was ich hier zu sehen bekam“, sagt der 1952 im Saarland geborene Künstler. Etwa zehn Jahre später fotografiert er von exakt denselben Punkten aus – in Leipzig, Görlitz, Dresden, Halberstadt oder Pirna. 2001 sind die Fassaden der Bautzener Heringstraße nicht mehr grau, dafür werden auf einem Privatgrundstück jetzt Autos kostenpflichtig abgeschleppt, wie einem Schild zu entnehmen ist. Baulücken werden geschlossen oder entstehen, Fassaden saniert, Vergangenheiten zugespachtelt. Dabei, erläutert Schmidt, gehe es „um mehr als ein Vorher-Nachher, nämlich um unterschiedliche mentale Räume.“ Auch um einen Verlust.

Koppelkamm und Lewandowsky waren in den 90ern mal Ateliernachbarn in Berlin. Verbindungen zwischen ihren Arbeiten gibt es eher nicht. „Hokuspokus“ – schon das Wort, dessen Ursprung einigermaßen unklar ist, ist ein Kunstwerk. Via Lewandowsky liebt solche Spiele mit Bedeutungen. Simsalabim! Es ist eine fulminante Rückkehr nach über 20 Jahren. 1995 war er der erste Kunstpreisträger der Leipziger Volkszeitung. Weil er sich bei der Ausstellungsvorbereitung mit dem damaligen Museumsdirektor hoffnungslos verkracht hatte, inszenierte er ein Chaos, einen Abbruch der Veranstaltung. „Alles Gute“, hieß die Schau, deren unverschämter Witz sich für viele wohl erst nach einigen Jahren erschlossen hatte.

Gesicht in der Ölfarbe

Nun sei er immerhin fast fertig geworden, meinte der in Berlin lebende Künstler am Freitag. Nur an einer Wandmalerei in der dritten Etage, bei der das Gesicht an eine dicke Schicht frischer Ölfarbe gedrückt und langsam nach unten gezogen wird, wurde noch gewerkelt. Ansonsten steht der Parcours. Lewandowsky dekonstruiert alles – unser Denken, unseren Glauben und den Ort, an dem er ausstellt: das Museum.

Trocken und frappierend wird in „Narziss“ der sich nicht selten um sich selbst drehende Ausstellungsbetrieb veräppelt. Auf einem Ausstellungssockel steht ein Sockel, auf dem wiederum ein Sockel steht. Weiter hinten steigen aus einem alten Kassettenrekorder Schall und Rauch auf, dazu scheint Licht. „Auf dem Höhepunkt ihrer Begeisterung für Guns N’ Roses gelang es ihr, die Bühnenshow der Use Your Illusion-Tour im Kassettenfach nachzustellen“, heißt es im genialen Begleitheft, in dem Lewandowsky über die ausgestellten Werke fabuliert.

Schon hier im Mittelteil dieser intellektuelle Hexenküche, in der ein Gesicht in eine Torte gedrückt wurde, Sittiche dran glauben müssen, Skulpturen sich neu zusammenfalten und Baseballschläger zucken, wird klar: Dieser Künstler ist ein charmanter Dekonstrukteur unserer Denkmuster. Das erinnert an Dada, ist aber in Wirklichkeit raffiniert ausgetüftelte Philosophie, die mit Wortbedeutungen spielt und religiöse Ursprünge sucht.

Vorsicht Denkfalle

In einem anderen Raum steht arabisch geschrieben ein Fantasiewort, das phonetisch „Vernunft“ ergibt, seine Entsprechung – in lateinischer Schrift – ist „Schu Ur“, was ausgesprochen ungefähr dasselbe bedeutet. Erkennen kann man das nur, wenn man es weiß. Aber stimmt es überhaupt, was der Künstler behauptet? Der Begriff, schreibt er, sei so „Geisel falscher Aussprache und falscher Schreibweise“, werde zum „Märtyrer des Nichtverstehens“. Vorsicht Denkfalle.

Woanders wankt in Originalgröße ein Hochsitz. Oder wankt der Wald, den man von dort gemeinhin betrachtet? Um private Obsessionen wie das Abpulen von Raufasertapete geht es in diesem Bereich, in dem kleine Raumecken inszeniert werden. Da steht ein Bügeleisen vor einem Spiegel, der ab und an mit Wasserdampf besprüht wird – wie ein sich immer wieder neu auslöschendes Selbstporträt.

Zauberei hat oft mit Verwandlung zu tun, was für die Arbeit „Vergangenheit der Zukunft“ gilt. Bis 1987 leuchtete die Propagandaparole „Der Sozialismus siegt“ vom Dach eines Hochhauses in Dresden. 28 Jahre später hat Lewandowsky den Schriftzug originalgetreu rekonstruiert und vier Buchstaben übrig gelassen: „Sieg“. Doch auch der Kapitalismus, der vielleicht gemeint ist, sollte sich nicht zu früh freuen. Das Metallgerüst, das die Lettern hält, wirkt arg wackelig. Das letzte Wort scheint noch nicht gesprochen. Auch hier nicht.

Via Lewandowsky, Stefan Koppelkamm: Bis 29. Mai im  Museum der bildenden Künste in Leipzig. Eröffnung heute, 18 Uhr; am 20. März, 11 Uhr: Lesung mit Durs Grünbein, Via Lewandowsky

Von Jürgen Kleindienst

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