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Holly Loose von der Letzten Instanz: „Wir spielen mit den Gefühlen von Menschen“

Interview Holly Loose von der Letzten Instanz: „Wir spielen mit den Gefühlen von Menschen“

Noch nie waren Letzte Instanz so erfolgreich wie mit „Liebe im Krieg“, ihrem zwölften Album. Am Sonntag kommen die Dresdner Brachialromantiker ins Werk 2. Sänger Holly Loose spricht vorab über den so plakativen wie berührenden Titel, Parallelen zu Unheilig und die Verantwortung eines Unterhaltungskünstlers.

Auf dem Weg nach Leipzig: Holly Loose (Dritter von rechts) und die Kollegen der Letzten Instanz.

Quelle: Andraj Sonnenkalb

Leipzig. Interview mit Holly Loose:

Holly, ihr habt gerade euer zwölftes Album „Liebe im Krieg“ herausgebracht – und mit Platz vier den höchsten Chartseinstieg geschafft. Haben die Sektkorken geknallt?

Ganz ehrlich: Ja. Allerdings war es kein Sekt, sondern ein Fünf-Liter-Fass Bier. Wir sind zum Proben in Franken gewesen und haben sofort, als wir die Nachricht erhielten, abgebrochen, unsere Freunde und Verwandten angerufen, und uns an den Main gesetzt und gefeiert. Das war wie Geburtstag.

Dazu kommen gut gebuchte Touren. Seid ihr jetzt sowas wie Rockstars?

Nee. Wir sind Kulturschaffende, mit einem kleinen Rock-Touch. Natürlich kann man sich über die Chartszahl und die Konzertbesucher freuen – große Auswirkungen auf uns wird das aber nicht haben. So blauäugig sind wir nicht, um zu glauben, dass uns jetzt alle Türen offen stehen. Wir haben schon genug, sorry, Scheiße gefressen, um zu wissen, wie Scheiße schmeckt.

Wenn man sich „Liebe im Krieg“ anhört, wirkt das Album einerseits wie ein moderner Rekurs auf eure Wurzeln – anderseits ist es aber auch mit poppigen Nummern gespickt.

Das ist gewollt. Denn es ist immer ein Spagat: Natürlich muss man die Wurzeln behalten, man darf aber auch nicht in den Wurzeln hängen bleiben, sondern muss mit der Zeit gehen, um in der Zeit bestehen zu können – ansonsten ist man der Ewiggestrige, und es will dich niemand mehr hören, außer ein paar Omas und Opas. Deshalb lassen wir einige moderne Sachen, auch hippe Geschichten, einfließen, ohne unser Gesicht als Letzte Instanz zu verlieren.

Wenn man sich die Kundschaft eures Produzenten Markus Schlichtherle anschaut, liest sich das allerdings poppig: Juli, Polarkreis 18, Christina Stürmer. Habt ihr ihn ganz bewusst ausgewählt?

Naja, er hat auch Callejon gemacht, aber es stimmt schon: Man würde Markus auf den ersten Blick nicht mit uns in Verbindung bringen. Wir dachten, er kann uns diese rockig-poppige Mischung ganz gut überhelfen, ohne das Letzte Instanz entstellt werden. Wir sind schließlich eine erwachsene Band und lassen uns nicht in jede Richtung biegen. Am Ende waren es die kleinen Schräubchen, an denen Markus gedreht hat, etwa modernes Mitsingen oder aufgebrochene Streicherläufe – und das hatte eine große Wirkung.

Würde es dich ärgern, wenn man sagt: Einige Nummern klingen verdächtig nach Unheilig?

Das hören wir inzwischen oft, aber wir sind da relativ gelassen. Erstens haben der Graf und seine Musik nach wie vor eine Daseinsberechtigung, auch wenn man von ihm halten kann, was man will. Und zweitens: Als Unheilig noch nicht so groß waren, sind wir immer als der kleine Bruder von Subway To Sally bezeichnet worden. Nun klingen wir also wie Unheilig. Es gibt auch genug kleinere Bands, denen nachgesagt wird, dass sie wie Letzte Instanz klingen – na und, das ist doch nicht schlimm. Jeder macht sein Ding. Außerdem haben wir das härteste Cello Deutschlands.

Jenseits der eingängigen Musik sind eure Texte, die von dir stammen, meist nachdenklich, bis hin zu einer grassierenden Traurigkeit. Wie passt das zur neuen tanzbaren Eingängigkeit, zu den Ohrwürmern?

Die Melancholie liegt tief in mir, da komme ich auch nicht mehr raus. Ich kann zwar versuchen, einen fröhlichen Text zu schreiben – doch am Ende steht dann etwas Trauriges. Die Kernbotschaft steckt diesmal schon im Album-Titel: Liebe. Aber es gibt ja auch immer Hoffnung, ohne die geht es nicht. Oder, wenn man es mal philosophisch sehen will: Wir haben als Künstler eine gewisse Macht und daraus ergibt sich eine Verantwortung – denn wir spielen mit den Gefühlen von Menschen. Das heißt, wir können machen, dass du gute Laune hast, oder eben schlechte. Deshalb: Auch wenn es traurige Texte sind, gibt es immer einen Ausweg.

Könnte man als Leitmotiv der Platte „Make Love, Not War“ sehen?

 

Ihr habt euch immer als Brachialromantiker bezeichnet. Erfüllt die neue Platte diese Bezeichnung noch?

Gegenfrage: Was würdest du sagen?

Das Brachiale kommt mir auf „Liebe im Krieg“ zu kurz, wurde bisweilen der Modernität und Eingängigkeit geopfert.

Hm, wir sehen das nicht so. Auch der Text gehört zu einem Song – und mag die Musik vielleicht poppig oder auch mal balladesk sein, dann sind die Worte häufig brachial. „Ich werde vor dir untergehen“ ist solch ein Fall. Das ist an sich ein ganz ruhiges Stück, doch der Text ist hammermäßig brachial. Oder „Das Gerücht“ und „Steh auf!“: Da ist null Romantik drin, solche Songs sind für mich auch brachial. Das heißt: Manchmal ist eben der Text brachial, manchmal die Musik. Insgesamt bleiben wir deshalb Brachialromantiker. Wer glaubt, wir sind die Netten geworden, der irrt sich gewaltig.

Was auf dem neuen Album ebenfalls auffällig ist: Du bist sehr gut bei Stimme, es ist deine wahrscheinlich beste Leistung überhaupt. Was hast du gemacht?

Ich habe die Whiskeysorte gewechselt. Nein, im Ernst: Mit meiner Stimme habe ich nichts weiter gemacht. Zum Großteil liegt die neue Qualität an den Kompositionen. Früher wurde einfach komponiert – und ich musste darauf singen und habe als Bass die hohen Töne kaum noch treffen können. Das ist, als würde man aus einem Cello eine Geige machen wollen. So etwas funktioniert eben nicht. Das hat sich mit „Liebe im Krieg“ geändert: Die Stücke wurden mit mir komponiert, von Anfang an haben wir mehr auf den Gesang geachtet und haben die Songs um meine Stimme herum gebaut. Diese Veränderung hat uns gut getan.

Letzte Instanz, Sonntag, 20 Uhr, Werk 2 (Halle D, Kochstraße 132), Vorverkauf 25,20 Euro

Von Andreas Debski

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