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Hollywood-Glamour, Rätselhaftes und eine Forderung

Europäischer Filmpreis Hollywood-Glamour, Rätselhaftes und eine Forderung

Zum 28. Mal wurden am Sonnabend die Europäischen Filmpreise verliehen. Regisseur Paolo Sorrentino holte die Trophäe diesmal für seine Tragikomödie „Ewige Jugend“. Hauptdarsteller Michael Caine wurde als bester Schauspieler, Sorrentino außerdem als bester Regisseur geehrt. Die Deutschen gingen leer aus.

Die Gewinner Charlotte Rampling (Mitte), neben ihr Sir Michael Caine und Paolo Sorrentino (r.) bei der Verleihung des 28. Europäischen Filmpreises am Samstag in Berlin.

Quelle: dpa

Berlin. Ein bisschen klingt es wie das Pfeifen im dunklen Wald. Wenn die Europäische Filmakademie (über 3000 Mitglieder) im Dezember ihren Europäischen Filmpreis vergibt, hat der europäische Film seinen Festtag. Dabei sind die Zahlen allein für 2014 ernüchternd: Von den rund 1600 Kino-Produktionen schafften es ein Viertel noch nicht einmal auf eine Leinwand.

Was über Qualität nichts sagt, jedoch einiges über den Zustand der Film-Industrie. Nicht nur, dass es sie, außer in Frankreich und England, gar nicht gibt, ist sie überall (nicht selten auch in Frankreich und England) auf Koproduzenten, bisweilen ein halbes Dutzend, angewiesen. Das sorgt oft für einen Euro-Pudding, dem die nationale Eigenart fehlt. So bleibt der Film denn überall ein Fremdling.

Das ist die Krux. Allerdings eine, die der Filmpreis geschickt umschifft. Wer es durch die Auswahlrunden schafft, der ist tatsächlich nicht nur auserwählt. In dem steckt auch, was Charlotte Rampling Sonnabendabend bei der 150-minütigen Gala im Haus der Berliner Festspiele die starke Stimme nannte, die auf so verschiedene Art spricht. Womit sie, wer könnte ihrem Charme aus diesen legendären grauen Augen schon widersprechen, Recht hat. Sie kam Anfang der 70er über den Kanal, um Europas Film zu entdecken – und veredelte ihn: vom „Nachtportier“ in Italien bis zum „Swimming Pool“ in Frankreich. Da steht sie auf der Bühne, redet mit rauchiger Stimme und nimmt erst den Preis fürs Lebenswerk entgegen, dann den der besten Darstellerin – in „45 Years“, jenem einfühlsamen, stillen, Drama um eine lange Ehe auf der Kippe.

Wunderbar melancholische Meditation

Sie blieb nicht die einzige Britin, die mit zwei vollen Händen aus dem Preisregen (22 Kategorien) kam. Auch der 82-jährige Michael Caine wurde doppelt gefeiert – mit dem Akademie-Ehrenpreis und als bester Darsteller. Er ist in „Ewige Jugend“ der Dirigent und Komponist, der mit seinem Freund, einem Filmregisseur, im Hotel am Alpenrand, einem modernen Zauberberg, über Alter, Tod und Leidenschaften philosophiert. Eine wunderbar melancholische Meditation, die der große Gewinner wurde. Drei Preise für „Ewige Jugend“ von Paolo Sorrentino (auch: bester Film, beste Regie). Womit der 45-jährige Italiener seinen Triumph mit „La Grande Belleza“ fast wiederholte. Allerdings gewann er vor zwei Jahren vier Preise – und den Oscar.

Ohne Hollywood-Glamour kam natürlich auch Europas Filmpreis wieder nicht aus. Dafür saß der Österreicher Christoph Waltz ganz vorn im Saal – und für einen Preis. Den bekam er für seinen Beitrag zur Weltfilmkunst. Womit die Akademie Filme aus Übersee („Inglourious Basterds“, „Django Unchaine“) meint, aber keinesfalls so phänomenale Auftritte wie im SAT.1-Thriller „Der Tanz mit dem Teufel“ (2001). Europa ist eben bescheiden.

„Victoria“ immerhin dreifach nominiert

Zweiter Gewinner des Abends war „The Lobster“ (Drehbuch, Kostüm) von Yorgos Lanthimos. Eine Parabel, in der Singles unter Singles in 45 Tagen auf einer Insel einen Partner finden müssen, sonst werden sie in Tiere verwandelt und müssen in den Wald. Beste Komödie wurde das grandiose, surreal-skurrile Spiel „Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach“ des Schweden Roy Andersson: Zwei Vertreter für Scherzartikel ziehen in festen Einstellungen, die wie naive Magritte-Gemälde wirken, durchs Land. Grandios! So etwas hatte Deutschland nicht zu bieten. Aber immerhin war Sebastian Schippers doch sehr überschätzter Thriller „Victoria“ dreifach nominiert. Kameramann Sturla Brandt Grøvlen hätte den Preis für seine Artistik schon verdient. Der aber ging rätselhafterweise an die Mutter-Horror-Maskerade „Ich seh Ich seh“ (Österreich).

Rätselhaft auch der Preis für die Entdeckung des Jahres an „Mustang“ um fünf Schwestern, die im Patriarchat ihres Onkels in der Türkei eingesperrt sind. Die erzählerische Qualität von John Macleans „Slow West“, einem existenzialistischen Western im Jarmusch-Stil, erreicht er nie. Bester Dokfilm wurde „Amy“ (über Amy Winehouse), bester Trickfilm „Die Melodie des Meeres“. Der Publikumspreis ging an „Marshland“ von Alberto Rodriguez“ (Spanien), einem Krimi um Frauenmorde in einem sumpfigen Flussdelta in Andalusien Anfang der 80er. Über allem liegt bedrückend der Schatten Francos.

Die Preisshow vor Videoeinspielen aus Blumen, Ranken, Tropfen folgte einem Ritual: Laudatoren gratulieren, Geehrte bedanken sich bei Team und Familie, zwischendurch macht Thomas Hermanns seine Gags, die weniger verunglückten als 2014 in Riga. Musikalisch zeigte Burkhard Klaußner („Der Staat gegen Fritz Bauer“), dass er Charles Trenet („Douce France“) kann, während nicht nur Akademie-Präsidentin Agnieszka Holland ein offenes Europa ohne Mauern forderte.

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Zum 28. Mal wurden am Sonnabend die Europäischen Filmpreise verliehen. Regisseur Paolo Sorrentino holte die Trophäe diesmal für seine Tragikomödie „Ewige Jugend“. Die Deutschen gingen leer aus. Auf dem roten Teppich war die Stimmung dennoch gut.

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Von Norbert Wehrstedt

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