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Howard Armen verabschiedet sich mit einem letzten "Nachtgesang" vom MDR-Chor

Howard Armen verabschiedet sich mit einem letzten "Nachtgesang" vom MDR-Chor

Vom Bahnhof Luzern zum Theater sind es nur wenige hundert Meter. Kalte Regentropfen zeichnen draußen Ringe auf die Reuss, während Howard Arman im Foyer des Hauses sitzt.

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Großer Motivator: Howard Arman.

Quelle: MDR

Die Wirkungsstätten des Briten lesen sich auf den ersten Blick wie der ironische Werbeslogan einer Provinzstadt: London, Salzburg, Innsbruck, Leipzig, Rom - Luzern. "Das klingt ja, als sei Luzern weniger interessant, weil es kleiner ist", sagt Arman. Auf die Größe aber kommt es nicht an, "sondern auf die Ausstrahlung, darauf, wie gearbeitet wird."

Der Grundstein für sein Engagement in Luzern wurde bereits 1991 in Innsbruck gelegt. Arman und der Berner Dominique Mentha (Jahrgang 1955), heute Direktor am Theater Luzern, lernten sich während der Festwochen für Alte Musik kennen und schätzen. Seither haben sie immer wieder zusammengearbeitet. Schließlich holte Mentha Arman 2011 ganz nach Luzern. "Howard ist ein phantastischer Musiker, kann mit Sängern sehr gut arbeiten, ist ein großer Motivator, tief gebildet, hat Sinn für Unterhaltung und zeitgenössische Musik. Mit ihm Projekte auszuhecken, ist eine Freude", sagt Mentha über seinen Musikdirektor. Diese Freude, die auch die Arbeit in Leipzig prägte, ist bei der Premiere von "Ulisse" deutlich zu spüren. Das Luzerner Haus versteht sich als Entdeckertheater, das junge Sänger auf eine internationale Karriere vorbereitet. Da sei ein so neugieriger und kreativer Chef wie Arman gerade der Richtige, bekräftigt Mentha.

"Es gibt Operetten", sagt Arman, "die wurden aufgeführt, ein Jahr gespielt, dann waren sie nicht mehr modern, weil der Witz nicht mehr aktuell war: Dieser Politiker war nicht mehr im Amt, jener Krieg war vorbei. Und wir kommen und spielen das, machen die Bühne modern und sagen: das ist modern. Blödsinn!". "Man kann versuchen zu zeigen, wie modern diese Stücke einmal waren. Das ist eine tolle Aufgabe." Und die löst sich am besten über die Musik: "Ich rege mich auf über Produktionen, die das Libretto inszenieren und nicht die Musik. Denn im Vergleich zum Libretto gibt uns die Musik sehr viele Informationen." Auf dieser Philosophie gründet die diesjährige italienische Spielzeit am Luzerner Theater. Die Zeitspanne beginnt bei "Ulisse" und endet mit Bruno Madernas "Satyricon". Arman ist stolz, "dass wir hier ein Ensemble haben, das so einen Bogen ziehen kann." Das zeige, was in Luzern machbar sei.

Dass seine Wahl gerade auf "Ulisse" fiel, ist kein Zufall: "Ich sehe es als Vorteil, dass Monteverdi nur das Wesentliche auskomponiert hat. Es steht, wenn man diese Epoche und ihre Aufführungspraxis kennt, viel mehr in dieser Partitur, als man sieht." Carolyn Dobbin, die die wartende Penelope singt, beschreibt, was das in der Praxis bedeutet: "Er macht die Charaktere tiefer. So bringt Howard Leben in die Sache, macht es für uns Sänger interessanter und die Produktion wird besser." Dass Arman enorm viel wisse, ohne ein pedantischer Schulmeister zu sein, befindet Dobbin und fügt lachend an: "Er ist wie ein Kind im Süßwarenladen. Das ist so was von ansteckend. Und bei Monteverdi scheint er irgendwie zu Hause zu sein".

Irgendwie zu Hause ist Howard Arman mittlerweile auch in Luzern. Denn neben dem Theater ist er mittlerweile auch an der Hochschule tätig, unterrichtet Orchesterdirigieren, überdies ist er Dirigent beim Luzerner Sinfonieorchester und leitet verschiedene Projekte mit jungen Musikern. Arman: "Ich will kein Musikertourist sein, ich will der Stadt wirklich angehören, in der ich bin."

Zumindest versuche er, Luzern zu seinem Mittelpunkt zu machen. "Was ich an dieser Stadt so liebe, ist, dass alles so nah zusammen ist. Was man da für Stunden einspart am Tag! Das ist ein Geschenk an Zeit, dass ich hier alles zu Fuß machen kann. Ich liebe das!", lacht Arman. Was ihm weniger gefällt, sei der "vorgekaute Alltag", wie er es nennt, die straffe, bisweilen bornierte schweizerische Strukturiertheit. "Ich glaube, dass der Punkt kommen kann, wo alles so durchorganisiert ist, dass die Menschen nicht mehr selber denken."

Während Arman aus dem Theater in den Luzerner Abend hinaustritt und die nur 50 Schritte der nun glasklaren Reuss entlang zur Jesuitenkriche nimmt, erwarten ihn da bereits das Junge Philharmonieorchester und der Akademiechor Luzern auf der Empore. Arman steigt auf das Podest, lächelt in die jungen Gesichter und sagt: "Let's go!" Einer der Sänger flüstert mir noch zu, unter Arman singe er unglaublich gern, er sei witzig und dennoch immer mit der nötigen Ernsthaftigkeit dabei.

Schwer vorzustellen, dass Arman noch andere Dinge in seiner Agenda stehen hat als Musik. Was ist mit Freizeit? "Ach, davon gibt's nicht viel", seufzt er, "vielleicht gehe ich dann ein wenig spazieren oder aufs Wasser." Sagt's und sieht auf die Uhr. "So, wir müssen in die Kirche!"

iHeute, Dienstag, 22 Uhr, Peterskirche: Es ist der 27. "Nachtgesang" das Programm umspannt fast 500 Jahre Musikgeschichte und bezieht neben dem MDR Rundfunkchor, auch das Leipziger Schlagzeugensemble ein. Neben Clément Janequins 1528 entstandener Chanson "La Bataille de Marignan", auf die sich Howard Arman mit seinem gleichnamigen Chorwerk aus dem Jahre 2006 bezieht, erklingt eine Messe des spanischen Renaissance-Komponisten Tomás Luis de Victoria, "Raua Needmine" von Veljo Tormis sowie die Uraufführung von Laurence Traigers "Death, be not proud" - "Tod, sei nicht stolz" für Soli, Doppelchor und Schlagwerk. Der Eintritt ist frei. www.mdr.de; www.luzernertheater.de

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 30.04.2013

Andreas Ruf

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