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"Ich bin ausgeschrieben" - Der Leipziger Schriftsteller Werner Heiduczek wird 90

Persönliche Einblicke "Ich bin ausgeschrieben" - Der Leipziger Schriftsteller Werner Heiduczek wird 90

Der Schriftsteller Werner Heiduczek blickt mit Vollendung seines 90. Lebensjahrs an diesem Donnerstag sehr nüchtern, ja fast radikal auf sein eigenes und das Werk anderer: „Von den heutigen Literaten wird nicht viel bleiben“, sagt er im Geburtstagsinterview mit der Leipziger Volkszeitung.

Der in Leipzig lebende Schriftsteller Werner Heiduczek wird am 24. November 90 Jahre alt.

Quelle: André Kempner

Leipzig. „Ich glaube schon, dass die Märchen bleiben werden“, hatte Werner Heiduczek Ende Oktober gesagt. Auf einem für ihn in Leipzig abgehaltenen Ehrenkolloquium sprach er damit indirekt seinem „Restwerk“ die Überlebensfähigkeit ab. Understatement? Die Romane, Essays, Theaterstücke – alles nicht mehr der Rede wert?

Heiduczek blickt mit Vollendung seines 90. Lebensjahrs an diesem Donnerstag sehr nüchtern, ja fast radikal auf sein eigenes und das Werk anderer: „Von den heutigen Literaten wird nicht viel bleiben“, sagt er im Geburtstagsinterview mit der Leipziger Volkszeitung. „Was heutzutage entsteht – da bin ich sehr skeptisch, dass in 50 Jahren noch jemand drüber spricht.“

Er selbst wird eine Menge hinterlassen. Mit Erzählungen, Stücken und Hörspielen für Kinder fing es an, und wenn er Schwierigkeiten bekam und wenn es mal nicht mehr lief, dann griff er nach der Welt der Sagen und Mythen. So saß er Anfang der 1970er Jahre mit Walter Lewerenz, dem Cheflektor des Verlages Neues Leben (Berlin), in einem Pfarrgarten im brandenburgischen Klöden beisammen, als der zu ihm sagte: „Du bist so herrlich depressiv, jetzt schreib uns den Parzival.“ Und Heiduczek machte sich über den historischen Stoff des Dichters Wolfram von Eschenbach (um 1160 bis etwa 1220) her und erzählte ihn für die Gegenwart nach.

Schon als Student hat er „wie ein Besessener“ geschrieben – „Gedicht um Gedicht und schlecht, wie ich heute weiß“. Wie viele andere auch, „stolperte“ er „sehr naiv in sein erstes Manuskript, getragen von dem Drang, sich mitzuteilen“. 1983 ging er in einem unveröffentlichten Text, der heute in dem Essay-Band „Vom Glanz und Elend des Schreibens“ (2011) enthalten ist, der Frage nach, was ihn all die Jahre getrieben hat: „Ich schreibe aus demselben Grund, wie ich atme und mich bewege, schlafe und aufstehe. Und es ist ohne Sinn, außer dem, am Leben zu bleiben.“

Werner Heiduczek

Heiduczek kam 1926 nicht gerade in bildungsbürgerlicher Umgebung auf die Welt: Der Vater war Bergmeister im oberschlesischen Kohlerevier, die Mutter kümmerte sich zu Hause um fünf Kinder, von denen zwei sehr früh verstarben. Geboren und aufgewachsen in der Industriestadt Hindenburg (heute Zabrze), die man seinerzeit nach dem „Helden von Tannenberg“ benannte, der wiederum 1933 Hitler zum Reichskanzler ernannte, hatte der dreijährige Werner meist „die Nase voll Kohlenstaub“, wenn er bei ersten Alltagsbeobachtungen „den Blick auf die dicken Waden der Weiber“ richtete, „die das Sauerkraut stampften“. Zuhause ging es „erzkatholisch“ zu – mit Gebet, Gottesdienst, Beichte und Kommunion.

„Ich hatte bald genug von alledem und meldete mich mit 16 freiwillig als Luftwaffenhelfer. Ich wollte Soldat werden.“ Warum? Abenteuerlust? Langeweile? „Naja, wenn Krieg ist, und du 16 oder 17 Jahre bist – dann willst du Soldat werden.“ Heiduczeks Lebensgefährtin Traudel Thalheim (80) wirft ein: „Der Werner ist ja sogar mit einem Kumpel mit dem Fahrrad von Breslau bis nach Berlin gestrampelt, bloß um mal einen Luftangriff zu erleben, und dann gab es gar keinen.“ Im April 1944 geht es zur Wehrmacht. „Ich wollte an die Front, aber dazu kam es nicht.“ Ausbildung, Truppenverlegung, Eilmärsche hierhin, Rückzüge dorthin, Offiziersschule in Görlitz – der Krieg ging zu Ende, Heiduczek war nie richtig im Kampfeinsatz. „Zum Glück“, wie er heute sagt.

Zunächst gerät er in amerikanische Gefangenschaft, setzt sich in die Ostzone ab und wird von den Sowjets erneut inhaftiert. Wie ihm dank der Gnade einer russischen Ärztin der Transport nach Sibirien erspart bleibt, das hat er 1998 in dem Text „Russenkaserne“ beschrieben.

Werner Heiduczek, was hält Sie fit und Gesund?

Werner Heiduczek liest jeden Tag die Leipziger Volkszeitung. Zum 90. Geburtstag wollte seine Zeitung wissen, was ihn fit und gesund hält. Seine Antwort:
„Immer aktiv sein, nie die Hände in den Schoß legen. Fast bis zu meinem 87. Lebensjahr habe ich geschrieben, mit 85 ging ich auf eine 123-tägige Weltreise, verreise auch noch heute zwei bis drei Mal im Jahr nach Warnemünde und Wörlitz. Ich sitze täglich wenigstens zwei Stunden am Computer, bin Börsianer. Die Gewinne, die ich beim Zocken erziele, bekommt Traudel.“ Sie ergänzt: „Werner kaufte sich erst vor drei Jahren einen neuen Computer, dazu auch noch einen Scanner...“

Neubeginn in Deutschland, Neubeginn für Heiduczek. Er tritt in die SPD ein, weil es 100 Mark „Kopfgeld“ gibt und er sich zu den „Sozis“ hingezogen fühlt. Und wie sein Held Jablonski in „Tod am Meer“ rutscht auch Heiduczek im April 1946 bei der Zwangsfusion von KPD und SPD zur SED „so mit hinüber“ in die Staatspartei. Er wird ihr trotz aller Schikanen quasi bis zum Schluss die Treue halten. „Als alle sie verließen, da bin ich geblieben.“ Bis etwa Mitte 1990. „Dann bin ich zum damaligen Leipziger Parteichef Roland Wötzel gegangen, habe mein Mitgliedsbuch auf den Tisch gelegt und gesagt: Ich kann nicht mehr.“

Heiduczek ist jahrelang von der Stasi bespitzelt worden, wovon mehrere tausend Aktenseiten Zeugnis ablegen. Seine Post wurde kontrolliert, sein Telefon abgehört, seine Wohnung war verwanzt. Er galt der Sicherheitsbehörde als „negativ-feindlicher Mensch“ und stand bereits 1971 vor der Verhaftung. Sein 1977 erschienener melancholischer Kult-Roman „Tod am Meer“ wurde 1978 auf Intervention des UdSSR-Botschafters in Berlin, Pjotr Abrassimow, wegen „antisowjetischer Propaganda“ verboten. Die LVZ schrieb, mit dem Roman werde „ein gerechter Blick auf die Geschichte – auf unsere Geschichte – unmöglich …“ Es folgten Verunglimpfungen durch Kritiker, abgesagte Lesungen, zurückgezogene Theaterprojekte. Und heute, mit 90, lehnt sich Heiduczek im Sessel zurück und sagt: „Eigentlich bin ich immer ein Kommunist geblieben – auch wenn die Kommunisten, als sie an der Macht waren, sich mit mir nicht vertragen haben.“

Schon am 2. Oktober 1989, also am Montag vor dem heute legendären 9. Oktober der 70.000, war Heiduczek unter den Demonstranten in Leipzig, die die DDR ins Wanken brachten. Er notierte: „Man konnte den Eindruck haben, die da gehen, sind über sich selber erstaunt.“ Neben ihm der Maler Wolfgang Mattheuer und seine Frau Ursula. „Alle hatten Angst.“ Vor Eisengittern und quergestellten Lastkraftwagen voller Bereitschaftspolizei und einer „breitbeinig“ aufgestellten „Auffanglinie“. Am Ende war ihnen kalt, sie wollten nach Hause und die Blase drückte. Aber der Heimweg war noch versperrt. Da stellte sich H., wie der Held in „Die Schatten meiner Toten“ heißt, „obwohl Kunstpreisträger der Stadt Leipzig“, pissend gegen einen Baum wie ein Hund und schrie dabei: „Wir bleiben hier!“ – Eine halbe Stunde später prügelte die Polizei los …

Heiduczek startete 1946 nach einem Expressstudium als Neulehrer in Herzberg, machte Karriere als Schulinspektor und Kreisschulrat in Merseburg, wurde Deutschlehrer im Ausland – und sprang 1964 ab. „Ich hatte von diesem ganzen Lehrerkram, von dem Funktionärsdasein die Nase voll. Ich wollte da raus, ich wollte schreiben.“ Das hatte er auch schon vorher getan, aber nur nebenbei. Seine Frau Dorothea, die er beim Studium kennengelernt hatte, blieb im Schuldienst und verdiente das Geld für die Familie mit den drei Töchtern. Heiduczek zog sich zurück und schrieb. Und immer wieder ging es irgendwie um das Schicksal von Heimatvertriebenen, wie er ja selber einer war, und deren Integration in der DDR, in der sie Umsiedler hießen. „Ich habe kein Zuhause“ sagt der 90-Jährige noch heute, und das hängt mit Oberschlesien, Kindheit und Entwurzelung zusammen.

Über 20 Jahre lebte er mit seiner Familie in Halle, wo ihn SED-Bezirkschef Horst Sindermann (1915–1990) bei einem Umtrunk 1969 überredete, Vorsitzender des Schriftstellerverbandes zu werden. Sindermann, in den 50er Jahren auch zeitweilig Chefredakteur der Halleschen „Freiheit“, galt im Vergleich zum Leipziger Partei-Betonkopf Paul Fröhlich eher als moderat. Während seiner Amtszeit kursierte der Spruch „In Schkeuditz hört die Freiheit auf“, weil hier die Bezirksgrenze zwischen Halle und Leipzig verlief. Doch Heiduczek machte sehr bald die Erfahrung, dass die Freiheit auch in Halle nicht grenzenlos war und kam zu dem Schluss: „Ich hätte den Vorsitz im Bezirksverband der Schriftsteller ablehnen müssen, aber ich lebte in dem Irrtum, es sei etwas anderes, als Schulrat dem Staat zu dienen oder ehrenamtlich eine Organisation zu leiten“, schreibt er in „Die Schatten meiner Toten“.

Werner Heiduczek

1972 dann Umzug nach Leipzig – „wegen der Arbeitsstelle meiner Frau. Ob Halle oder Leipzig – mir war das völlig wurscht“. Im Plattenbauviertel Grünau hält sich die Inspiration des Schreibers in Grenzen, Heiduczek zieht sich in Datschen im Grünen zurück, schottet sich ab und haut in die Tasten. Seine Frau Dorothea geht weiter arbeiten, zieht die drei Mädchen groß, von denen die Jüngste das verwirklicht, was der Vater eigentlich immer wollte aber wegen des fehlenden Abiturs nie konnte: Sie studiert Medizin und wird Ärztin. Der schwerste Schlag für die Familie: 1996 scheidet Yana durch Suizid aus dem Leben. Zwei Jahre später folgt die Mutter der Tochter. Mit 72 ist Heiduczek Witwer, findet später mit der Journalistin Traudel Thalheim noch einmal eine Gefährtin, die bis heute mit ihm durch dick und dünn geht. Zu den beiden Töchtern Kerstin (60, Bankerin) und Christiane (67, Ingenieurin), die in Lichtentanne beziehungsweise Oldenburg leben, hat der ältere Herr guten Kontakt: „Wir telefonieren immer mal, sehen uns ab und zu und reden über Gott und die Welt.“

Und was denkt ein weiser alter Mann da so? „Über Gott? Es gibt keinen. Ich bin Atheist.“ Europa und die Welt? „Europa geht dem Ende entgegen, das kann noch 100 oder 200 Jahre dauern, aber dann ist Schluss. In der Geschichte hat es immer solche Epochen gegeben – das alte Griechenland, Rom. Und dann kam etwas Neues. Und die kommende Macht ist China. Es geht nicht darum, ob das gut ist oder schlecht. China ist einfach dran.“

Viele Autoren haben in Mitteldeutschland Heiduczeks Weg gekreuzt. Christa Wolf? „Sie war 1960 in Halle meine Lektorin beim Kinderbuch ‚Matthes und der Bürgermeister‘“. Ihr Werk? „Teils, teils. Sie war eher Essayistin als Schriftstellerin.“

Erich Loest? „Ich habe ihm immer berichtet, was im Verband über ihn gesagt wurde. Er ist dann rübergegangen in den Westen, ohne dass ich Bescheid wusste. Aber Erich hat immer zu mir gehalten.“

Erik Neutsch? „Teils, teils. Zwischen uns, das war wie Hass-Liebe. ‘Spur der Steine‘, das ist gut, aber ‘Der Friede im Osten‘?“

Gerhard Zwerenz? „Er ist auch rübergegangen, um nicht eingesperrt zu werden. Das habe ich verstanden. Er hat sich nach der Wende im Schriftstellerverband voll hinter mich gestellt, aber spricht heute noch jemand über sein Werk?“

Und sein Werk, Heiduczeks Werk? Kommt da noch was? „Was ich zu sagen hatte, habe ich gesagt. Man muss auch mal Schluss machen. Ich bin ausgeschrieben. Und im nächsten Jahr sterbe ich, das habe ich so im Gefühl.“

Von Jan Emendörfer

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