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„Ich bin ein Serientäter“

Porträt „Ich bin ein Serientäter“

Der Leipziger Hans-Joachim Wiesner macht sich „Bilder über Bücher“. Im September eröffnet eine Ausstellung der Arbeiten, die viel über Lektüren, aber auch einiges über ihn erzählen, den 75-jährigen Autor und Grafiker.

Hans-Joachim Wiesner (75) mit dem Ausstellungsplakat in seinem Arbeitszimmer.

Quelle: André Kempner

Leipzig. „Projekte“ steht im Logo auf der Visitenkarte von Hans-Joachim Wiesner. Eines gehört ganz sicher nicht dazu: ein Eigenheim im Grünen. Womöglich war so ein Häuschen der Auslöser, dass es anders kam, als der gelernte Eisenbahner nämlich Ende der 50er Jahre befreundete Kollegen in ihrem sogenannten kleinen Reich besuchte. Da drängte sich plötzlich die Frage auf: „Das soll auch dein Leben sein?“

Sollte es nicht. Das hat ihn weitergetrieben zur Arbeiter-und-Bauern-Fakultät nach Jena, zum Studium nach Leipzig, nach Moskau ... Bis heute wohnt Hans-Joachim Wiesner in einer Dreieinhalb-Zimmer-Altbauwohnung; seit 1979 nun schon im Leipziger Süden. 75 ist er im Mai geworden. Und auch, weil „die Miete steigt, die Rente aber nicht so sehr“, hat er Projekte.

Seit 13 Jahren geben seine Frau und er den Flyer „Karli ist Kult“ für die Läden der Karl-Liebknecht-Straße heraus mit Informationen für Anwohner und Touristen, finanziert durch die Anzeigen der Händler. „Das ist das älteste Werbemittel auf der Karli“, sagt er mit dem gleichen Stolz, mit dem er über seine Dissertation „Die Komposition im Porträt“ spricht oder durch die Kataloge seiner Aquarell-Zyklen blättert.

Unschwer zu erkennen

Unschwer zu erkennen: Das Bild zu Günter Grass’ Roman „Die Blechtrommel“.

Quelle: privat

13 Jahre sind ungewöhnlich lange für ihn. Wenn etwas zur Routine wird, sucht er nach Herausforderungen. „Man muss immer etwas haben, was einen neuen Anfang setzt“, sagt er. Ein Projekt. Das Jüngste steht vollendet im Arbeitszimmer, 50 Bilderrahmen sind es, im Moment noch angelehnt an all die Bücherregale, die bis unter die Decke reichen. Ab 12. September sind seine „Bilder über Bücher“ in der Leipziger Stadtbibliothek zu sehen.

„Wenn du etwas machst, musst du auch einigermaßen definieren können, was du machst“, sagt Wiesner, wenn der Wissenschaftler in ihm durchkommt. Im Katalog zur Ausstellung liest sich das so: „Die Collagen ,Bilder über Bücher’ sind in ein Bild gesetzte Assoziationen über Stimmungen, Vorstellungen und Erkenntnisse zu einem erlebten Buch.“ Zu Romanen von Thomas Mann, Christa Wolf, Hermann Hesse, Honoré de Balzac, E. T. A. Hoffmann oder Philip Roth, von Grass, Stendhal, Pasternak, von Kafka, Frisch und Fallada, auch Stücke von Shakespeare. Am Computer hat er Wissen und Gefühl collagiert, dazu steht jeweils ein Satz aus dem Buch.

Anders als bei Buchillustrationen „werden hier nicht Abläufe einer Handlung interpretiert, sondern eine Collage steht als bildhafte Metapher für den Blick auf ein Gesamtwerk; spezifisch bei einem einzelnen Buch eines Autors, stilisiert zu einem Profil in Reihung, wenn es um mehrere Bücher eines Autors geht.“ So entsteht Wiesners Kanon, der auch mit „Lebensbücher“ überschrieben sein könnte.

Trotzige Auslegung von Nostalgie

„Der Mensch aber lebt nur ein Leben, deshalb wird er nie erfahren, ob es richtig oder falsch war, seinem Gefühl gehorcht zu haben.“ Das Zitat stammt aus Milan Kunderas „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins.“ Das erste Bild. Entstanden ist es zufällig aus dem Impuls: „Eigentlich könntest du mal etwas Neues anfangen.“ Es wurde eine Computergrafik. Und in ihr lag sein Stimmungsbild zu diesem Buch. „Es war“, sagt er, „einfach da“. Damit war die Idee für „Bilder über Bücher“ geboren; es war der „Zauber des Anfangens“, das in eine Serie münden musste.

Viele fallen in ein Loch, wenn sie aus dem Berufsleben heraustreten. Wiesner fiel in Erinnerungen, denen er Gestalt gibt. Tatsächlich oder in bildsprachlicher Übertragung. Mal lässt die Eindeutigkeit keine Fragen offen, wenn im Zentrum eine Blechtrommel steht. Mal können sich die Betrachter im Rätseln ergehen. Der literaturhistorische Hintergrund ist wichtig, das Zeitgefühl – die Details müssen stimmen. Auf Kundera folgten Dostojewskis „Die Brüder Karamasow“, „Der Idiot“, „Schuld und Sühne“. Ein Triptychon mit roten Ziegelmauern. „Ich bin ein Serientäter“, sagt Wiesner.

Er verspürt den „Drang, sich ein Bild zu machen, selbst wenn dann die Liebe stirbt, die du dazu hast, wie Frisch sagt“. So ein Bild von einem Buch, das mal eine große Rolle gespielt hat, empfindet er als „ein gewisses Abschließen“ beim gleichzeitigen Versuch, es festzuhalten. Es wirkt wie eine produktive, sogar trotzige Auslegung von Nostalgie. „Vielleicht hat das mit dem Alter zu tun. Wer weiß, ob ich das Buch noch einmal in die Hand nehme, noch einmal lese. Wahrscheinlich nicht.“

Mit privater Bedeutung aufgeladen ist Turgenjews „Erste Liebe“, Wiesner hat die Novelle als junger Mann in Moskau im Original gelesen, verliebt. Die Umstände sind ein Grund dafür, dass er das Charakteristische vieler Figuren noch deutlich vor Augen hat. „Ich wollte so leben. Ich wollte so sein.“ Als Jugendlicher wie Balzacs Lucien de Rubempré zum Beispiel. „Man war in eine Parallelwelt versunken.“ Er vergleicht es mit der Ablenkung, die Menschen im Internet suchen. Und liest heute weniger als früher, Kriminalromane übrigens gar nicht, das wäre „verlorene Zeit“.

Ein anderes Lesen

Keine Zeit verschwenden zu wollen – womöglich ist auch das eine Spätfolge der DDR-Sozialisation. Der Anspruch, wenigstens bei der Lektüre gefordert, ernstgenommen oder aufgeklärt zu werden, zählt zu den Ansprüchen, die sich erfüllen ließen. „In der DDR waren viele Autoren und Werke für das Selbstverständnis wichtig“, sagt Wiesner und nennt Christa Wolfs „Kassandra“, „Nachdenken über Christa T.“. Oder „Kein Ort. Nirgends“. Zum einen konnten Bücher Antworten geben, zum anderen nährte das freiwillige kollektive Lesen die Illusion einer Opposition, zumindest aber eines übergreifenden Verständnisses.

Wiesner reagiert auf das Ausbleiben dieser Erlebnisse konsequent: „Ich gehe seltener als früher in Buchhandlungen.“ Unterhaltung und Bestätigung allein genügen ihm nicht. Natürlich liest er, unter anderem Sachbücher, sogar „mit Gewinn“: Rüdiger Safranskis Bücher über Romantik oder „Zeit. Was sie mit uns macht und was wir aus ihr machen“. Daneben liegen Iris Radischs Lebensendgespräche über „Die letzten Dinge“.

Doch auch Gegenwartsprosa hat Eingang gefunden in die „Bilder über Bücher“. Alex Capus’ „Léon und Louise“(2011), Siegfried Lenz’ „Schweigeminute“ (2008), Dave Eggers’ „Der Circle“ (2014) und von Pascal Mercier nicht etwa der erfolgreiche Roman „Nachtzug nach Lissabon“, sondern die Novelle „Lea“ aus dem Jahr 2007. Das letzte Bild heißt „Rosa und Grau“, es gilt Wiesners eigenem Roman, der 2001 erschienen ist. Ein autobiographisch angelegtes Werk, das auf Seite 527 mit dem Jahr 1976 endet und mit den Worten: „Vorläufiges Ende“. Wobei es bislang geblieben ist.

Wolfgang heißt der Held. „Schon während der Lehrzeit wuchs in Wolfgang die Überzeugung, dass der Beruf des Eisenbahners für ihn kein Lebensberuf sein wird.“ Wolfgang oder Wiesner – also W. – muss zunächst zur Armee. Wird als Regimentsmaler zum Beispiel mit der Aufgabe betraut, Karikaturen aus dem „Neuen Deutschland“ vergrößert abzumalen und zu vervielfältigen. Dabei spielte Salpetersäure eine Rolle, „gut, wenn man Schnupfen hatte“. W. hat ein entspannt wirkendes Verhältnis zum Gewesenen – so oder so. Eher ist er von der Gegenwart enttäuscht, kann „nicht glauben, dass wir in der besten aller Gesellschaften leben“. „Dieses Höher, Schneller, Weiter kann nicht die letzte Antwort der Menschheit sein.“ Es wird, da ist er sich sicher, eine andere Gesellschaftsordnung geben.

Hans-Joachim Wiesners Collage zu „Doktor Faustus“ von Thomas Mann

Hans-Joachim Wiesners Collage zu „Doktor Faustus“ von Thomas Mann.

Quelle: privat

Bei der NVA hat W. gewissermaßen Glück, die Entlassung im Sommer 1961 fällt in die letzten Wochen vor dem Mauerbau. Er studiert in Leipzig Journalistik, wird – promoviert – nach Moskau delegiert, „für die wissenschaftliche Laufbahn auf eine Schiene gesetzt“, wie er sagt. Sie führt aufs Abstellgleis – wegen der Liebe zu einer Österreicherin und des Besitzes eines Buches: Wolfgang Leonhards „Die Revolution entlässt ihre Kinder“, das mit dessen Flucht aus der Sowjetischen Besatzungszone endet. Da stieß das Leseland DDR an seine Grenzen. Der Hochschullehrer darf nicht länger lehren, forschen und publizieren. Er habe sich den Wissenschaftler regelrecht abtrainieren müssen, erzählt er. Bei der DEWAG, der staatlichen Werbeagentur der DDR, wird er Chefmethodiker, bevor er 1990 als Anzeigenleiter zur Leipziger Volkszeitung geht und später den Markt-Media-Service übernimmt.

Seit 2004 arbeitet Hans-Joachim Wiesner freischaffend. Malt Aquarelle, schreibt Nachdichtungen. Natürlich hat auch er längst einen Garten, ein sogenanntes kleines Reich. Doch das ist nur Hobby, keine Lebensaufgabe. Schon gar kein Projekt. Er ist in mehrfachem Sinn ein Gestalter, am liebsten von Freiräumen. Die letzte Zeile einer seiner freien Nachdichtungen als eine Reminiszenz auf das Leben vor der Wende lautet: „Wir waren kleiner und größer als wir dachten“.

Ausstellung „Bilder über Bücher“: 12. September bis 26. November, Eröffnung am 12. 9. um 19 Uhr, Oberlichtsaal der Leipziger Stadtbibliothek, Wilhelm-Leuschner-Platz 10–11

Von Janina Fleischer

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