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„Ich bin nicht so vermessen, mich in einer Linie mit Johann Sebastian Bach zu sehen“

Thomaskantor Gotthold Schwarz im Interview „Ich bin nicht so vermessen, mich in einer Linie mit Johann Sebastian Bach zu sehen“

Am 20. August wird Gotthold Schwarz, 64, der am 9. Juni vom Leipziger Stadtrat zum Thomaskantor gewählt wurde, via Festakt und Motette offiziell ins Amt gehoben. Peter Korfmacher sprach mit dem Musiker, der dem Thomanerchor seit Jahrzehnten eng verbunden ist und ihn immer wieder vertretungsweise auch leitete.

Der 17. nach Bach: Thomaskantor Gotthold Schwarz.

Quelle: Andre Kempner

Leipzig.  

Hat sich durch Ihre Berufung zum Thomaskantor im Juni etwas Entscheidendes geändert an Ihrer Arbeit?

Die Arbeit geht weiter. Ich bin jetzt mehr in die langfristigen Planungen einbezogen. Es gibt programmatisch einige Dinge, die ich einbringen möchte. Aber viel hat sich eigentlich nicht verändert. Die Konzerte, die jetzt anstehen, sind schon seit langer Zeit geplant: eines beim MDR-Musiksommer, eines in Merseburg, eines in Leipzigs französischer Partnerstadt Lyon ...

Was sind denn die programmatischen Dinge, die Sie einbringen möchten?

Es ist klar, dass die Musik Johann Sebastian Bachs im Zentrum steht. Aber auch aus der Zeit vor ihm gibt es grandiose Musik, der die Thomaner historisch verpflichtet sind: Die Werke von Heinrich Schütz oder Johann Hermann Schein. Aus der Zeit nach Bach möchte ich das Schaffen von Mendelssohn oder Brahms und anderen Vertretern der Romantik etwas stärker in den Fokus nehmen, die ja enge Verbindungen zu Bachs Erbe und den Thomanern hatten. Auch in Bachs Notenschrank gibt es viel zu entdecken und aus der wunderbaren Thomaner-Bibliothek. Bachs Familie etwa: die Werke seiner Vorfahren und die seiner Söhne. Alles Dinge, die in den vergangenen Jahrzehnten zwar nicht ignoriert wurden, aber noch mehr Aufmerksamkeit verdienten. Für das kommende Jahr werde ich auch aus diesem Repertoire verstärkt Werke aussuchen, die sich auf die Reformation und Martin Luther beziehen.

Kann man nicht so ziemlich jedes Werk der evangelischen Kirchenmusik auf Martin Luther beziehen?

Natürlich. Aber ich meine es konkret: Kantaten, die zum Reformationsfest komponiert worden sind, oder Choralkantaten, die ganz konkret Luther-Choräle reflektieren. Bachs persönliche Beziehung zum Wirken Luthers war eng, er wusste sehr genau, was er an dessen Chorälen hatte. Und auch heute können Sie unseren Alltag noch bereichern.

Ihre Beziehung zum Schaffen Johann Sebastian Bachs ist auch sehr eng. Haben Sie eigentlich schon bei der vorletzten Neubesetzung des Thomaskantorats Ihren Hut in den Ring geworfen?

Nach dem Rücktritt von Hans-Joachim Rotzsch wurde ich gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, das Amt des Thomaskantors interimistisch zu bekleiden. Ich habe nachgefragt, ob ich mich dann auch um die Nachfolge bewerben könnte. Man verneinte das mit Hinweis auf schon feststehende Kandidaten. Und ich sagte: Dann nicht. Dann nahm Hermann Max die Wahl nicht an, Wolfgang Unger wollte interimistisch nicht weitermachen, und wieder wurde ich gefragt. Diesmal sagte ich zu und leitete bis zum November 1992 den Thomanerchor, bis zum Amtsantritt Georg Christoph Billers. Später bin ich oft eingesprungen in den vergangenen 24 Jahren. Aber nein: Damals habe ich mich also nicht beworben. Obwohl ich in stillen Stunden wohl hin und wieder dachte. Das wäre schon großartig, diese Aufgabe. Aber wahrscheinlich ist es so besser.

Warum?

Weil ich heute, mit den Erfahrungen, die ich als Sänger und Dirigent sammeln durfte, besser gerüstet bin für das Amt.

Um so befremdlicher war das gescheiterte Bewerbungsverfahren, das Ihrer Berufung vorausging.

Auch das hatte aus meiner Sicht Gutes.

Nämlich?

Hätte ich einfach weitergemacht nach dem Rückzug Georg Christoph Billers, wäre genau das die Reaktion vieler Menschen gewesen: Ach, der Schwarz, der macht’s eben einfach weiter.

Vielleicht hingen die Irritationen im Zusammenhang mit dem Bewerbungsverfahren damit zusammen, dass es den Wunschkandidaten der Stadt nicht gibt: Einen jungen Weltklasse-Dirigenten und Chorleiter, der seit Jahrzehnten als Star die Kontinente durchmisst und nun sein Leben mit einem Knabenchor teilt ...

Nein, (lacht) man teilt es nicht mit dem Thomanerchor. Man schenkt es ihm – und ich werde auch beschenkt. Auch in dieser Hinsicht ist es vielleicht gut, dass ich jetzt erst Thomaskantor geworden bin: Man muss schon viel gelebtes Leben hinter sich haben, um zu wissen, was man aufgibt – und dass es sich lohnt.

Sie selbst waren nur kurz Thomaner ...

Ja, ich konnte mein Heimweh nicht überwinden, darum haben meine Eltern mich wieder nach Hause geholt, und ich kann mich heute gut hineinversetzen in Jungs, denen es auch so geht.

Die Kasernierung der Jungs ist für viele Kinder und ihre Eltern eine hohe Hemmschwelle. Ist sie noch zeitgemäß?

Ich denke schon. Zumal sich die Bedingungen, die Lebensverhältnisse und die pädagogische Herangehensweise doch sehr stark verändert haben. Wir haben wunderbare Mitarbeiter im pädagogischen Bereich. Und wir haben heute, was ich für sehr wichtig halte, auch Erzieherinnen. Als ich damals Thomaner war, gab es nur Inspektoren. Die Kinder, die aus Leipzig kommen, können übrigens durchaus zu Hause schlafen. Aber viele wollen es nach relativ kurzer Zeit nicht mehr.

Auf Ihren Schultern ruht eine ungeheure Tradition: Über 800 Jahre Thomanerchor und das Erbe Johann Sebastian Bachs – wie geht man damit um, ohne unter dieser Last zusammenzubrechen?

Ich bin nicht so vermessen, mich in einer Linie mit Johann Sebastian Bach zu sehen.

In der stehen Sie aber nun mal.

Ach ja – manchmal macht man sich die Größe dieser Aufgabe bewusst, und dann kommen natürlich auch Zweifel, ob man ihr wirklich gewachsen ist. Aber in der täglichen Probenarbeit spielen solche Gedanken keine Rolle. Da geht es um die Vorbereitung der jeweils nächsten Aufführung, da geht es nicht um seine Nachfolge, sondern um seine Musik. Meine Liebe zu ihr ist ja bekannt. Und weil man diese Musik bei jeder neuen Annäherung wieder neu entdecken kann, sie ihren Zauber, ihre Kraft ihre Größe nie verliert, bleibt keine Zeit, unter der Last der Tradition zu ächzen, die Arbeit mit Bach macht sie zur Freude. Immer wieder.

Sie übernehmen einen Knabenchor, der sich in tadelloser Verfassung befindet. Wahrscheinlich waren die Thomaner in ihrer langen Geschichte technisch kaum je so gut wie heute. Gibt es für die Thomaner stilistische oder technische Grenzen?

Auf jeden Fall gibt es noch viel Neuland. Wir haben das beim Bachfest gesehen, bei Regers Requiem. Am Anfang der Probenarbeit ist es uns doch schwer gefallen, diese komplizierten harmonischen Strukturen ganz natürlich zu singen. Aber mehr und mehr entwickelte sich auch bei den Jungs eine regelrechte Sucht nach diesen harmonischen Rückungen. Ich habe versucht, auch diese Musik aus dem Text heraus zu entwickeln, rhetorisch und mit der größtmöglichen Klarheit, um nicht nur die Töne zum Hörer zu bringen, sondern auch den Affekt, die Emotion. Ich denke, dass ist uns ganz gut gelungen.

In den letzten Jahren wurden immer wieder Forderungen nach einem erstklassigen Originalklang-Ensemble in Leipzig laut, Sie selbst pflegen eine historisch bestens informierte Aufführungspraxis ...

Die Thomaner arbeiten seit langem sehr erfolgreich mit der Akademie für Alte Musik Berlin zusammen.

Und noch weit länger mit dem Gewandhausorchester.

Ja, und auch da bleiben keine Wünsche unerfüllt. Da hat sich eine sehr positive Zusammenarbeit entwickelt. Viele Gewandhausmusiker stehen der historischen Aufführungspraxis sehr offen gegenüber, die muss man nicht erst überzeugen. Und die anderen lassen sich gern überzeugen. Letztlich ist diese Offenheit wichtiger als die Frage, ob Darmsaiten aufgespannt sind oder nicht. Das Gewandhausorchester zeigt, dass die Ästhetik des Barockspiels auf allerhöchstem Niveau auch mit modernen Instrumenten darstellbar ist.

Wie sieht es mit Neuer Musik aus?

Na ja, ich komme aus der historischen Aufführungspraxis, das ist meine Heimat. Aber in der Musik eines Frank Martin oder Francis Poulenc fühle ich mich auch sehr wohl – und, was ebenso wichtig ist, die Jungs ebenso.

Viele Ihrer Amtsvorgänger waren große Komponisten. Komponieren Sie auch?

Nein. Wenn man als Thomaskantor etwas komponiert, das über den liturgischen Gebrauchs-Satz hinausgeht, muss das schon ein gewisses Gewicht haben. Dafür fehlen mir Zeit und Ruhe.

Was die Ehrfurcht vor der Lebensleistung Bachs noch vergrößert.

Unbedingt, Man fragt sich fortwährend: Wann nur haben die all das geschrieben? Aber vielleicht hatte Bach trotz seines Arbeitspensums im Alltag dennoch mehr Muße, weil seine Zeit nicht so hektisch war wie unsere.

Wenn Sie sich ihren Berufsstand und die Arbeitsbedingungen heute anschauen – können Sie den Interessierten unter Ihren Jungs guten Gewissens ein kirchenmusikalisches Studium empfehlen?

Unbedingt! Wir brauchen diese jungen Leute, wir brauchen die Besten. Denn nur die können auf breiter Front wieder das Bewusstsein wecken für den reichen Schatz, den kirchenmusikalischen Fundus, aus dem der Thomanerchor schöpft. Nur die können sich gegen die allgemeine Verflachung durch Kirchenpop, des Kirchenschlagers, des sogenannten Neuen geistlichen Lieds stemmen, die sich an vielen Orten in den Vordergrund geschoben haben.

Bekommen das auch die Thomaner zu spüren?

Direkt nicht, wir halten hier die Tradition hoch, und der Umstand, dass die Thomaskirche nicht nur zu den Konzerten, sondern auch in den Gottesdiensten brechend voll ist, zeigt, dass musikalische Qualität die Botschaften, um die es letztlich geht, sehr viel besser transportiert. Aber auch wir haben mit dem Verfall des musikalischen Koordinatensystems zu tun: Wir sollten zum Beispiel zum Abschluss des Reformationsjahrs 2017 in Wittenberg auftreten.

Das ist doch sehr ehrenvoll.

Wir sollten so eine Art Vorprogramm zum Abschlussgottesdienst singen – das ist nicht ehrenvoll, das ist ein Affront. Und das machen wir natürlich nicht.

20. August: 11 Uhr, Altes Rathaus: Feierliche Inauguration von Gotthold Schwarz in das Amt des Thomaskantors; 15 Uhr, Thomaskirche: Mittete zur Amtseinführung.

Von Peter Korfmacher

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