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„Ich sehe Politik als Kunst“: Bernhard Schütz über die ZDFneo-Politsatire „Eichwald, MdB“

„Ich sehe Politik als Kunst“: Bernhard Schütz über die ZDFneo-Politsatire „Eichwald, MdB“

Er hat im Theater schon fast alle Kanzler gespielt, steht aber meist nur im zweiten Glied: Als desillusioniertes Politfossil Hans-Josef Eichwald („Eichwald, mdB“, ZDFneo, Mittwoch um 22.45 Uhr) rückt Schauspieler Bernhard Schütz nun an die Spitze eines grandios bissigen Vierteilers über die Berliner Republik.

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Bernhard Schütz spielt in „Eichwald, mdB“ einen Abgeordneten. (Symbolbild)

Quelle: Hannibal

Er spielt einen Abgeordneten im Deutschen Bundestag für den Wahlkreis Bochum II.

LVZ:

Herr Schütz, Ihr desillusionierter, windiger Bundestagsabgeordneter Eichwald in der ZDFneo-Satire „Eichwald, MdB“ lädt die Zuschauer zum heiteren Parteienraten ein. Welcher Partei gehört er selbst denn so ungefähr an? Was glauben Sie denn?

Berhnhard Schütz:

CDU. Alter Blüm-Flügel.

Da müssen Sie sich zweierlei bewusst machen: Volksparteien machen keine Politik mehr, die entlang der alten Grenzen erkennbar ist. Und „Eichwald, MdB“ ist Science-Fiction in der Art Stanislaw Lems, wo es kein Oben, kein Unten gibt. Die wissen selbst nicht genau, zu welcher Partei sie gehören. Ich würde also sagen: linker Flügel CDU oder rechter der SPD.

Geht es in dem Vierteiler um dieses Ratespiel?

Es geht eher um die Bonner Republik in Berlin. Eichwald ist in der alten BRD groß geworden, als es noch echten Streit gab wie Wehner gegen Strauß, und Politiker, die ihr Mandat noch als Beruf im Sinne Max Webers aufgefasst haben, mit Arbeiterkindern von der SPD und Beamten in der Union.

Wo sehen Sie sich als Sohn eines Polizisten und einer Hausfrau?

Mein Vater kommt aus Wuppertaler Lehrerverhältnissen, aber meine Mutter ist Duisburger Arbeiterklasse, ihre Mutter alleinerziehend mit sieben Kindern, Stahlindustrie. Dennoch war sie CDU, wenngleich frauenbewegt.

War Ihre Kinderstube politisch geprägt?

Schon. Meine Mutter war Kommunalpolitikerin, mein Vater hat als Soldat die letzen Kriegsmonate erlebt. Er war mit 18 in Gefangenschaft, sah das Berliner Schloss brennen, das hat seinen Umgang mit Politik geprägt. Ich hingegen war Kriegsdienstverweigerer, Atomkraftgegner, meine Freunde waren alle Trotzkisten, die RAF spielte eine Rolle. Politik hat mich immer bewegt.

Auch aktiviert?

Wenn Politik überall stattfindet, wo man Einfluss nehmen kann, vom Arbeitsplatz bis ins Private – dann ja. Politische Dynamik entsteht meiner romantischen Ansicht nach überall, wo jemand seine Kraft nach den eigenen Möglichkeiten fürs Ganze einsetzt.

Das klingt nicht nach Parteipolitik.

Die wäre mir auch zu frustrierend. Deshalb habe ich ja mit Christoph Schlingensief vor vielen Jahren eine Alternative gegründet: die Partei Chance 2000. Viele haben sie als Spaßpartei betrachtet, aber das war’s nicht; gerade Christoph ist da völlig unironisch rangegangen. Es ging um Verstehen durch Nachspielen und einen kreativen Umgang mit den Mechanismen des deutschen Vereinswesens mit Kassenwarten, Satzung und allem.

Sind Sie mit Schlingensief damals auf dem Wolfgangsee zu Kohls Ferienhaus gepaddelt?

Leider nein, da wollte ich lieber selber Urlaub machen. Den Wahlkampfzirkus in Berlin hab ich mitgemacht, aber sobald Politik zu praktisch geworden ist, war ich dagegen. Realität interessiert mich daran nicht so sehr, ich sehe Politik als Kunst.

Ist Ihr Abgeordneter Eichwald also Kunst oder real?

Eine reale Kunstfigur, aus den Verhältnissen heraus bösartig wie Stromberg. Ich glaube, dass in der pointierten Polemik oft mehr Realismus steckt als in der wahrheitsgemäßen Abbildung. Entertainment hilft enorm beim Verstehen.

Und Sie scheinen dafür besonders geeignet zu sein, so viele Politiker, wie Sie spielen…

Vielleicht. Ich hab schon fast alle Kanzler durch. Den alten Schmidt. Und Kohl hab ich getötet, damals mit Christoph. Schröder war ich nackt im Fellkostüm im Theater als Siegfried in der „Berliner Republik“ und habe Doris angeschrien: „Ich will ein schwarzes Kind von dir!“

Gibt es etwas, das bestimmte Schauspieler dazu prädestiniert, Politiker zu spielen?

Es gibt höchstens eine gewisse Denkfaulheit bei Produzenten und Publikum. Wenn einer wie ich mal einen Politiker gespielt hat, fragt man ihn eben dauernd danach.

Wobei Eichwald Ihre erste große Hauptrolle ist.

Ich habe 25 Jahre Theater durchgerockt, da stand ich dem Filmmarkt gar nicht zur Verfügung. Als ich in den Neunzigern Film ausprobiert habe, war das dann eher ein Lückenfüller. Richtig mit Anspruch drehe ich erst seit fünf, sechs Jahren, da kann ich noch keine Hauptrollen erwarten. Dafür spiele ich öfter mal international mit, „Most Wanted Man“ zum Beispiel. Und demnächst im Independent-Film „Dog Wedding“ zweier New Yorker Juden. Da bin ich ein deutscher Gurkenproduzent.

Fühlen Sie sich in der zweiten Reihe womöglich gar wohler als an erste Stelle?

Nö, Hauptrollen sind viel leichter zu spielen. Man hat 1000 Szenen, in denen man sich ausprobieren kann, und viele Sklaven, die mit weniger Drehtagen dramaturgisch heillos überfrachtet die Geschichte schleppen. Hauptrollen sind toll.

Jan Freitag

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