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"Ihr müsst Mut haben" - Regisseur Werner Herzog über seine Filme und den Film-Nachwuchs

"Ihr müsst Mut haben" - Regisseur Werner Herzog über seine Filme und den Film-Nachwuchs

Regisseur Werner Herzog (70) bekommt heute in Berlin den Deutschen Filmpreis fürs Lebenswerk. Mit Stefan Stosch spricht er über tolle Bösewichte, echte Leidenschaft und gefälschte Drehgenehmigungen.

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Einer der erfolgreichsten deutschen Regisseure: Werner Herzog.

Quelle: dpa

Frage: Jüngere Kinozuschauer kennen Sie als einen Bösewicht namens "The Zec" mit Glasauge, der im Thriller "Jack Reacher" von Tom Cruise erschossen wird. Wie würden Sie denen erklären, wer Werner Herzog wirklich ist?

Werner Herzog: Das brauche ich niemandem zu erklären. Das müssen die selbst entdecken. Das Merkwürdige ist, dass sich junge Leute zwischen 15 und 25 in großer Zahl bei mir melden. Und die kennen mich über meine Filme. Fast alle sind im Internet zu bekommen oder per DVD. Es gibt auch laufend irgendwo Retrospektiven - in Brasilien, Algerien, Russland, Indien.

Das heißt, in der Welt genießen Sie höchste Wertschätzung - nur in Deutschland nicht in dem Maße. Wie kommt das?

Das Interesse gab es immer, hat sich aber intensiviert. Ich habe ja auch in den vergangenen Jahren sehr viel gedreht - viel mehr als früher. Von meinen letzten 25 Filmen sind aber nur zwei oder drei in Deutschland im Kino gelaufen.

Sind Sie enttäuscht?

Nein. Das ist, wie es ist. Ich habe kein Problem mit Deutschland. Ich bin ja auch nicht ausgewandert...

...aber Sie leben seit bald 20 Jahren in den USA...

...aber ich bin immer noch deutscher Staatsbürger. Ich bin aber nicht in eine andere Kultur hinübergewechselt so wie Wolfgang Petersen oder Roland Emmerich. Die hatten den Traum, Hollywoodfilme zu drehen.

Diesen Traum haben Sie nie geteilt?

Nein, ich sage immer: Ich lebe in Los Angeles, nicht in Hollywood.

Wollten Sie nie Blockbuster drehen?

Ich habe nur Blockbuster gedreht! Nein, lassen Sie es mich so sagen: Ich habe immer Mainstreamfilme gedreht, manche haben sich bloß erst später dazu entwickelt...

...zum Beispiel?

Na, "Fitzcarraldo" oder "Aguirre - Der Zorn Gottes" oder "Bad Lieutenant" oder "Grizzly Man". Das gilt aber eher für die USA. Auch meine Stimme ist Mainstream, wenn ich den Bösewicht bei "Jack Reacher" spiele - und den spiele ich gut, ich bin furchteinflößend. Oder wenn ich eine Gastrolle bei den "Simpsons" habe.

Und jetzt holt das deutsche Kino Sie in seine Mitte zurück: Sie bekommen heute den Deutschen Filmpreis fürs Lebenswerk. Freut Sie das überhaupt?

Ich habe mit dem bayerischen Kino zu tun, nicht so sehr mit dem deutschen. Aber ja, der Preis freut mich. Allerdings: Gemischte Gefühle sind damit auch verbunden. Ich gehe ja nicht in Pension.

Woran arbeiten Sie gerade?

Ich habe soeben vier einstündige Filme abgemischt. Meine Arbeit ist sogar intensiver geworden.

Kennen Sie Ermüdungserscheinungen wie Ihr Regiekollege Steven Soderbergh?

Nein, ich bin begeistert dabei. Ich habe mein Spektrum erweitert, produziere, schreibe Drehbücher, bin wild als Schauspieler zugange, betreibe meine eigene Filmschule, habe eine Videoinstallation im Whitney Museum in New York gemacht, bei einem Konzert-Mitschnitt der US-Rockband The Killers fürs Internet Regie geführt.

Lehnen Sie auch Aufträge ab?

Ja, klar, ich kriege jede zweite, dritte Woche ein Blockbuster-Angebot, aber daraus wurde noch nie etwas. Andere Regisseure können große Actionfilme besser.

Können Sie heute noch Fragen zu Klaus Kinski hören?

Das ist schon okay, ich habe mit ihm immerhin fünf Filme gedreht, er gehört zu meinem Arbeitsleben dazu.

Und die jüngsten Enthüllungen um den Missbrauch seiner Tochter Pola?

Ich muss sagen, dass mich nicht überrascht hat, was da zu Tage gekommen ist.

Sie betreiben eine "Rogue"-Filmschule, übersetzt: Schurken-Filmschule. Was lernt ein angehender Regisseur da?

Ich selbst habe ja mit dem Filmen angefangen, ohne etwas zu können. Ich versuche, meinen Schülern eine Alternative außerhalb des Systems aufzuzeigen. Sie hören überall Klagen über Finanzierungszwänge. Ich sage dann: Krempelt die Ärmel hoch! Vertut nicht euer Leben!

Was sind die Aufnahmebedingungen?

Die Bewerber sollten ruhig mal ein Jahr lang in einem wüsten Beruf gearbeitet haben, zum Beispiel als Türsteher in einem Sexklub. Und man muss sich auch mal trauen, eine Drehgenehmigung für eine Militärdiktatur zu fälschen.

Da wird es dann aber gefährlich.

Nein, ich habe das erst vor ein paar Jahren in Myanmar gemacht - also vor der Öffnung. Ich hatte eine wunderschöne Drehgenehmigung, ein dickes Dokument. Wenn die intelligent genug gefälscht ist, kommen Sie damit durch. Es braucht auch einige kriminelle Energie. Deshalb bringe ich meinen Filmschülern bei, wie man Sicherheitsschlösser knackt.

Aha.

Na ja, das soll bedeuten: Ihr müsst Mut haben. Und ich sage: Lest, lest, lest! Aber keine Filmbücher, sondern Lyrik aus der römischen Antike oder ein unglaubliches Buch wie "The Peregrine" von dem Engländer J. A. Baker über Wanderfalken. Das ist so intensiv, so genau, so leidenschaftlich. So muss die Welt sehen, wer Filme machen will. Da geht es um absolute Versenkung. Wichtig ist, dass man intellektuelle Interessen entwickelt. Das muss wild links und rechts rausblühen.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 26.04.2013

Stefan Stosch

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