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Ilija Trojanow beim Abschluss des Literarischen Herbstes

Festival Ilija Trojanow beim Abschluss des Literarischen Herbstes

Über 3000 Besucher bei 84 Veranstaltungen an 22 Orten – am Dienstag ging der 19. Leipziger Literarische Herbst zu Ende. Zum Abschluss stellte Ilija Trojanow seinen Roman „Macht und Widerstand“ im Haus des Buches vor. Und machte noch einmal deutlich, wie politisch das diesjährige Lesefest war und sein musste.

Der Schriftsteller Ilija Trojanow war mit seinem Buch „Macht und Widerstand“ in Leipzig.

Quelle: dpa-Zentralbild

Leipzig. „Ich fühle mich in der Rolle des neugierigen Fremden eigentlich ganz wohl“, sagt Ilija Trojanow. 1965 in Bulgarien geboren, mit den Eltern geflohen, aufgewachsen in Afrika, heute lebt er in Wien. „Ich bin immer ein Migrant geblieben“, sagt er, „weil es mich immer weiter drängt“. Aus persönlicher Erfahrung empfinde er eine „gewisse Dringlichkeit“, nicht nur, wie gegenwärtig, über Flucht zu sprechen, sondern viel mehr über die Fluchtursachen.

Eine Forderung, die oft zu hören war beim 19. Leipziger Literarischen Herbst, dessen Schlusspunkt Trojanow am Dienstagabend im Haus des Buches setzte. Mal tauchten Anmerkungen zu aktuellen Entwicklungen und historischen Ursachen in Nebensätzen der Moderatoren auf, mal dominierten sie die Lesungen und Gespräche, was zu den Vergewisserungen gehört über Spielarten und Aufgaben der Literatur, über Schreibweisen und Lesarten. Gut 3000 Besucher kamen in 8 Tagen zu den rund 80 Veranstaltungen an über 20 Orten.

„Es gibt keine unpolitische Literatur“

Das alles spricht auch für die kluge Auswahl durch die Programmleiter Regine Möbius und Steffen Birnbaum gemeinsam mit den Kooperationspartnern. Zwischen den Schwerpunkten Frankreich und 1000 Jahre Leipzig wurde Großes im Kleinen sichtbar und oft genug auch Großes im Großen, wie beispielsweise beim Auftakt mit dem algerischen Schriftsteller Boualem Sansal und dem Besuch des aktuellen Friedenspreisträgers Navid Kermani. Mut, Widerstand und Nachdenklichkeit begegnen der Neugier auf Fremdes.

Es gebe keine unpolitische Literatur, sagt Trojanow, es gebe apolitische Literatur, die bewusst gewisse Zusammenhänge ausklammert. Doch: „Wer garantiert eigentlich die politische Freiheit, dass man apolitisch sein darf?“, fragt er, und: „Wer sichert diese Freiheit?“ Im Gespräch mit Michael Hametner weist er darauf hin, dass der Umstand, sich nicht positionieren zu müssen, „nichts anderes ist als ein momentaner, nicht selbst verdienter Segen.“ Vor ihm auf dem Tisch liegt sein Roman „Macht und Widerstand“, ein „Lebensbuch“, das zu den 20 für den Deutschen Buchpreis nominierten Titeln gehörte und umstritten war beim neuen „Literarischen Quartett“.

Ilija Trojanow

Ilija Trojanow. Macht und Widerstand. S. Fischer Verlag; 479 Seiten, 24,99 Euro

Quelle: S. Fischer Verlag

An diesem Abend liest Trojanow einige kurze Passagen, lässt für den Blick in den Abgrund eines Unterdrückungsapparates den Verfolgten Konstantin und den Opportunisten Metodi zu Wort kommen, erzählt aus der Perspektive des Jahres 1999. Ort der Handlung ist Bulgarien von den 50ern bis zur Nachwendezeit. Doch „wo ein Roman spielt, spielt keine Rolle. Wenn ein Roman gelingt, hat er ja immer etwas Exemplarisches“, findet Trojanow. Für das Schreiben entscheidend sei: Wo finde ich Material, und wo finde ich Erkenntnis. Die zurückgelassene Heimat geht für ihn niemals unter, „zu Bulgarien habe ich Zugang“, wenn auch als einer, „der auf einem Auge kurzsichtig und auf dem anderen weitsichtig“ ist .

VW-Skandal erinnert an die Kommunistische Partei Bulgariens

„Der Weltensammler“ hieß sein 2006 mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichneter Roman, sich selbst bezeichnet der Autor als Sammler von Details, historischen Abfolgen und Szenen, ausreichend Material für ein „richtig solides, umfangreiches Privatarchiv“. Auch mit ehemaligen Geheimdienst-Offizieren hat er gesprochen, hat gehört, wie die sich eingerichtet haben in der Legitimierung des eigenen Handelns. Diese Rhetorik der Selbstrechtfertigung „kann man nicht erfinden“, sagt Trojanow über die Sprache seines Protagonisten. Über die Geschichte, die Fiktion, die auf Kenntnis historischer Fakten beruht: „Wenn es nicht so gewesen wäre, dann hätte ich es nicht erfunden.“

Im Übrigen gebe es, geht es um Macht, strukturelle Gemeinsamkeiten. Je mehr er über den VW-Skandal gelesen habe, um so mehr Parallelen zur Kommunistischen Partei Bulgariens habe er gefunden: Autorität, Hierarchie und Angst . Da liegen sie wieder nah beieinander: die Bedrückung und das Lachen – zwei Konstanten dieses Literarischen Herbstes, in dem die Tiefe des Denkens auf der Höhe der Zeit war.

 

Von Janina Fleischer

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