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Im Epizentrum: Lindenfels Westflügel hält im Leipziger Westen die Subkultur-Fahne hoch

Gentrifizierung Im Epizentrum: Lindenfels Westflügel hält im Leipziger Westen die Subkultur-Fahne hoch

Als das Figurentheater-Duo Wilde & Vogel vor 13 Jahren von Stuttgart nach Lindenau zog, galt der Leipziger Westen als eine Schmuddelecke der Stadt. Mittlerweile sticht ihr Lindenfels Westflügel, dessen Winterspielplan gerade eröffnet worden ist, als eines der wenigen Häuser im Viertel heraus, an dessen Fassade keine frischen Farben leuchten.

Weil der Lindenfels Westflügel unverändert aussieht, ragt er im aufgehübschten Lindenau mittlerweile heraus.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Ödnis, kilometerweit. Angst, weil die Straßen fast menschenleer sind. Nur ein paar Kinder streunen umher. Und „Lemuren“, wie Michael Vogel die erwachsenen verlorenen Seelen nennt, die seinen Weg kreuzen. Mit diesem Wort bezeichneten die alten Römer (und später Goethes Mephisto im „Faust“) ihre Schattengeister.

Der Leipziger Figurenspieler spricht keineswegs über Sibirien. Nicht einmal über das Stück dieses Namens, mit dem er im Duo mit Charlotte Wilde jetzt am Wochenende den Winterspielplan des Lindenfels Westflügels eröffnet hat. Vogel erzählt vielmehr vom Leipziger Westen, wie er ihn erlebt habe, nachdem Wilde und er aus dem reichen und satten Stuttgart hierhergezogen waren, um aus dem maroden Teilgebäude der Schaubühne im armen und hungrigen Lindenau ein Figurentheater zu machen. „Wenn wir frisches Brot kaufen wollten, mussten wir bis zum Hauptbahnhof fahren“, sagt Vogel und relativiert gleich noch die Mär vom kreativen Potenzial des einstigen Industrieviertels: „Viel Freiraum gab es hier nicht, eher viel Leerstand.“

Das ist gerade mal 13 Jahre her. Und mag auch Vogels schillernde Erzählung ein wenig vom künstlerischen Bedürfnis nach dramatischer Zuspitzung geprägt sein, so steht doch außer Zweifel, dass sich die Stadtteile Plagwitz und Lindenau seither rasant verändert haben. Was die Soziologen „Gentrifizierung“ nennen, lässt sich hier in Reinkultur beobachten. Und wie die benachbarte Schaubühne Lindenfels – sogar bereits seit 22 Jahren am Platz – liegt der Westflügel im Epizentrum dieses Wandels.

„Das Haus bestimmt unsere Kunst“

Eine ambivalente Angelegenheit, in mehrfacher Hinsicht. Während die Häuser drumherum nach und nach modernisiert und aufgehübscht werden, äußerlich in neuen Farben erstrahlen, bleibt die Fassade des Westflügels, wie sie ist. „Dadurch werden wir erst recht sichtbar“, stellt Vogel fest. Und zwar in einer Weise, die für viele Zuziehende gerade den Charme solcher Szene-Viertel ausmacht: ursprünglich, leicht morbide und etwas heruntergekommen. „Der Westflügel ist eines der letzten Häuser hier, denen man die Vergangenheit noch ansieht“, sagt Westflügel-Sprecher Matthias Schiffner. Gerade deshalb „bestimmt das Haus unsere Kunst“, findet Vogel. Eine düstere Atmosphäre wie in „Krabat“ zu erzeugen, der nächsten Eigenproduktion im Winterspielplan, wäre auf schicken Bühnen wie im Haus Leipzig oder Täubchenthal in der Tat kaum vorstellbar.

Es ist ein bekanntes Phänomen, dass Künstler die Vorhut in einem Prozess bilden, in dem sich städtische Schmuddelecken mit billigen Mieten – übrigens auch mit bezahlbaren Probebühnen – in luxussanierte Viertel für die bürgerliche Boheme verwandeln. Die Westflügel-Leute rechnen diese Entwicklung jedoch weder sich und den anderen Künstlern im Stadtteil als Verdienst an, noch geben sie sich die Schuld daran. „Aber eine Verantwortung“, sagt der künstlerische Leiter Jonas Klinkenberg, „die spüren wir durchaus“. Dieser Verantwortung wolle das Theater mit seinen drei halben Stellen und weit mehr enthusiastischen Mitstreitern beispielsweise durch eine innere Struktur gerecht werden, die sich nicht auf die kapitalistische Logik einlässt.

„Man muss sich immer wieder selbst Sand ins Gebtriebe streuen“

Ein Förderverein mit 150 Mitgliedern ist Eigentümer der Immobilie, eine Gewinnabsicht gehört nicht zum Vereinsstatut, steigende Grundstücks- und Immobilienpreise gehen am Theaterbetrieb somit vorbei. Die Theaterkneipe „Froelich & Herrlich“ wird von Ehrenamtlichen betrieben. „Es war eine strategisch wichtige Entscheidung, keinen Pächter reinzunehmen, der vor allem Geld verdienen will“ – und beispielsweise auf den Spielplan Einfluss nimmt, um die Hütte voll zu kriegen, erklärt Klinkenberg. „Wir haben keinen Intendanten, kaum Hierarchien“, fährt er fort, „es sind die auftretenden Künstlerinnen und Künstler, die das Haus prägen“.

Samira Lehmann, mit ihrem Kompagnon Stefan Wenzel Leipziger Bewegungskunstpreisträgerin 2013, ist eine dieser Künstlerinnen – und sagt ihrerseits, dass es die Menschen hinter den Kulissen seien, die den Charme des Hauses verkörpern. „Das spiegelt dann auch die Kunst wider.“ Spieler, Helfer und Zuschauer vereine die Sehnsucht, so Schiffner, „nicht nur Teil einer Verwertungskette zu sein“. Weshalb der Westflügel auch dem Wachstumsdruck – mehr Zuschauer, mehr Vorstellungen, mehr Produktionen – entgegenarbeiten möchte, fügt Klinkenberg an. „Man muss sich immer wieder selbst Sand ins Getriebe streuen, auch in der Kunst.“

„Thinktank heutigen Figurentheaters“

Gleichzeitig schaffe es der Westflügel, „Leute zu ermutigen, eigene Projekte anzugehen“, beobachtet Theaterwissenschaftlerin Janne Weirup. Was schon aus dem Grund notwendig sei, dass es dem Ensemble mit seinen begrenzten Mitteln ab einem bestimmten Punkt unmöglich sei, die eigene Arbeit auszuweiten. Als „Thinktank heutigen Figurentheaters“ hat Kulturstaatsministerin Monika Grütters den Westflügel vor einem Jahr demnach nicht zufällig mit einem der erstmals vergebenen Theaterpreise des Bundes ausgezeichnet. Mit Hilfe der 50 000 Euro Preisgeld leistet er sich seither den Luxus, eine Reihe von „Sessions“ zu inszenieren: Grenzgänge und Experimente mit kurzer Probenzeit, die nur ein einziges Mal gespielt werden.

Das Verlangen nach künstlerischer Freiheit geht im Westflügel so weit, dass sie nun Fördergeld für ein einjähriges Projekt mit der polnischen Grupa Coincidentia zu genau diesem Thema beantragt haben und dessen konkreter Inhalt erst während der Probenphase festgelegt werden soll. „Ob das wohl durchgeht?“, war sich Klinkenberg bei aller Routine im Antragsgeschäft alles andere als sicher. Es wird nun tatsächlich eine von elf geplanten Premieren im kommenden Jahr.

Über die Gentrifizierung vor der eigenen Haustür diskutieren sie zwar viel, berichtet Schiffner. Aber im Spielplan, dessen Schwerpunkt bis Weihnachten mit „Odem und Schall“ überschrieben ist, steht das Thema allenfalls zwischen den Zeilen. Mag das Haus auch von der Aufwertung des Viertels durch den Zuzug neuer Zuschauer vielleicht profitieren, seine Gestalter könnte die Ambivalenz der Veränderungen andersherum treffen: Noch wohnen die meisten in Fuß- oder Fahrradnähe zum Westflügel. „Aber früher oder später werde ich mir die Miete hier nicht mehr leisten können“, fürchtet Jonas Klinkenberg, der künstlerische Leiter.

Reihe „Odem & Schall“ im Lindenfels Westflügel (Hähnelstraße 27) – 1./2. Dezember: „Nachtkonzert“ mit Frank Soehnle und Jesper Ulfenstedt; 3./4. Dezember: „Rothschilds Geige“ des Figurentheaters Tübingen; 9./10. Dezember: „Der Tod und das Mädchen“ der Flunker Produktionen; 15. bis 18. Dezember: „Krabat“ von Wilde & Vogel und der Grupa Coincidentia. Eintritt jeweils 12/8 Euro; www.westfluegel.de

Von Mathias Wöbking

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