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Im Grassi-Museum Leipzig: Kriminalistisches Gespür für alte Masken aus der Südsee

Im Grassi-Museum Leipzig: Kriminalistisches Gespür für alte Masken aus der Südsee

Es grenzt an ein kleines Wunder, dass es die Masken überhaupt noch gibt. Sie bestehen beispielsweise aus empfindlichen Pflanzenfasern, Binsenmark sowie kleinen Schneckenhäusern.

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Lea Ruhnke hat diese Masken aus Neuirland restauriert. Ab 31. August sind sie im Grassi-Museum zu sehen.

Quelle: André Kempner

Lea Ruhnke hat sie in der Werkstatt im Grassi-Museum für Völkerkunde am Johannisplatz restauriert. Ab 31. August werden sie in der Galerieausstellung "Spurenlese", die auch Einblick in die Arbeit der Restaurierungswerkstatt gibt, vorgestellt.

 Die Masken stammen aus der Südsee. Genauer gesagt von der schmalen Insel Neuirland, nordöstlich von Papua-Neuguinea vor der Ostküste Australiens gelegen. Der Hamburger Kaufmann Johann Cesar Godeffroy schickte ab 1850 Handelsschiffe dorthin und erteilte Kapitänen und Forschern den Auftrag, die Zeugnisse einer fremden Kultur zu sammeln und zu dokumentieren. Dass die Masken im Leipziger Grassi-Museum gelandet sind, liegt daran, dass das Hamburger Handelshaus 1879 insolvent ging. Leipziger Bürger kauften die ethnologische Schausammlung für 100 000 Mark (heute: circa 986 000 Euro). Diese bildet den Grundstock für die Leipziger Südsee-Sammlung im Grassi-Museum.

 "Die Masken wurden von Männern in einer abgelegenen und hierarchisch organisierten Werkstatt hergestellt. Das dauerte oft ein Jahr, sie sind meist nur einmal genutzt worden", erzählt Restauratorin Angelica Hoffmeister-zur Nedden. Nachdem die Masken ihre Funktion erfüllt hatten, wurden sie einfach in den Busch geworfen und dem Verfall preisgegeben. Forscher konnten sie so regelrecht einsammeln. Für das Restaurierungsprojekt, das Lea Ruhnke im Rahmen ihrer Diplomarbeit betreut hat, wurden sechs bisher nie ausgestellte Masken ausgewählt. Die waren zwar in den großen Schränken im Magazin gut geschützt, doch zwei Weltkriege und Umzüge aufgrund der Sanierung des Grassi-Komplexes haben durchaus Spuren hinterlassen. Sie zu restaurieren, erfordert einiges kriminalistisches Gespür.

"Zunächst muss entschlüsselt werden, welche Materialien überhaupt verwendet und wie die verarbeitet worden sind", erklärt Ruhnke. Dabei gab es Hilfe vom Archäometrischen Labor der Hochschule für Bildende Künste Dresden, aber auch vom Institut für Botanik der TU Dresden. So haben die Biologen beispielsweise herausgefunden, dass es sich beim Material zur Verzierung einiger Maskenhelme um das herausgelöste Mark der Binsen handelt. Ruhnke hat dann ein Konzept entwickelt, um Schäden behutsam zu reparieren - etwa um die Objekte zu reinigen, bröckelnde Farbschichten zu befestigen, Stachel aufzurichten, Haare zu entwirren -

 Bei der Rekonstruktion kam den Leipziger Experten zugute, dass die Ethnologen im 19. Jahrhundert nicht nur die Masken mitgebracht haben. "Sie haben die Menschen, die sie herstellten, nach der Entstehung und Verwendung befragt", so Hoffmeister-zur Nedden. Dadurch sind beispielsweise Zeichnungen und Beschreibungen überliefert, aber auch Proben der verwendeten Materialien sowie Werkzeuge. Nun können in der Ausstellung beispielsweise Vorstecher aus Kasuarknochen, Schnitzmesser aus Eberknochen oder eine Feile aus Rochenhaut, mit der raue Oberflächen bearbeitet worden, gezeigt werden.

 Die Staatlichen Ethnographischen Sammlungen Sachsen, zu denen neben Leipzig auch die Völkerkundemuseen in Dresden und Herrnhut gehören, beschäftigen sieben Restauratoren für die unterschiedlichsten Bereiche. Da gibt es auch im Hintergrund viel zu tun, nicht nur um Sonderschauen vorzubereiten. Die Leipziger Einrichtung kann ohnehin nur sieben Prozent ihrer Bestände zeigen. "Das ist für ein Museum in unserer Größe aber nicht unüblich", so Sprecherin Ute Uhlemann. Die Restauratoren begutachten die Sammlungen regelmäßig, um Schäden vorzubeugen. Und Angelica Hoffmeister-zur Nedden hat einen großen Traum.

Sie würde gern ein Vogelhaus aus der Südsee, ebenfalls aus Neuirland, restaurieren. Das ist filigran, besteht aus pflanzlichem Material, Holz, Rohrabschnitten und war einst mit weißen Federchen verziert. Es diente einer "Malangan" genannten Zeremonie, die die Trauerzeit um einen verstorbenen Angehörigen beendete. Schon um 1900 war so ein Objekt selten. Das Haus ist heute das weltweit einzige Exemplar und damit Zeugnis einer kulturellen Tradition. Um es zu retten, werden nun Sponsoren gesucht.

 Die Galerie-Ausstellung "Spurenlese" öffnet am Sonntag. Das Grassi-Museum ist dienstags bis sonntags 10 bis 18 Uhr geöffnet.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 27.08.2014

Mathias Orbeck

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