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Im Namen der Pose - eine kultur-politische Jahresendbetrachtung

Im Namen der Pose - eine kultur-politische Jahresendbetrachtung

Leipzig. In Politik und Kultur führt das Wegducken und Kriechen zu Haltungsschäden - wie wir ins neue Jahr gehen, hängt weniger von den Vorsätzen ab, als von der Haltung, mit der wir das alte durchstanden haben.

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Der ehemalige Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg ist nicht der Verlierer des Jahres, er ist der Prototyp 2011, findet LVZ-Redakteurin Janina Fleischer.

Quelle: dpa

LVZ-Redakteurin Janina Fleischer widmet sich in ihrer kultur-politischen Betrachtung den vergangenen zwölf Monaten.

Politische Geschäfte werden im Sitzen gemacht, im Aussitzen. Da mag ein Karl-Theodor zu Guttenberg eine Doktorarbeit im Vorübergehen, wenn nicht Überflug kopieren, am Ende steht ihm das Wasser bis zum Hals. Ist sein äußerlich aufrechter Abgang nach dem Rücktritt im Verteidigungsministerium Pose oder Geste? Zur Erinnerung: Er entschwindet im März eine Treppe hinauf. Um im November an der Hand von Zeit-Chefredakteur und Interview-Buch-Autor Giovanni di Lorenzo wieder herabzusteigen zu Parteivolk und Gefolge. Weder gibt es einen moralischen Teppich, auf dem er bleibt, noch ein ehrenhaftes Ideal, nach dem er strebt. Doch Guttenberg ist nicht der Verlierer des Jahres, er ist der Prototyp 2011. Bei ihm wie auch bei Bundespräsident Christian Wulff ist Haltung als Habitus zu beobachten. Was wiederum einiges aussagt über die innere Einstellung, die Denken und Handeln prägt. Was im Berliner Reparaturbetrieb die Auftragsbücher füllt, sind Haltungsschäden durch Davonlaufen, Hinterherhecheln und Drunterdurchtauchen. Wort des Jahres ist: Feigheit.Auch die Haltung des gemeinen Massentieres erweist sich erneut als eine eher geduckte. Während der Mensch an der persönlichen Glücksformel knobelt und den Blick in die Ferne richtet, agiert er im Naheliegenden ausgesprochen unglücklich: Im Januar erschüttert ein Dioxin-Skandal die Republik. Nach (und vor) Nitrat im Salat, Pestiziden im Obst, Acrylamid im Weihnachtsgebäck oder Bakterien im Bauernkäse finden zur Abwechslung polychlorierte Dibenzodioxine und Dibenzofurane übers Futter ins Essen. Verbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) kündigt Kontrollen an und speist sie ein in den ewigen Kreislauf: Gier, Schaden, Skandal, Kontrolle, Strafe, Gier, Schaden, Skandal ...In der sommerlichen EHEC-Krise verschwinden spanische Gurken schneller vom Markt, als ein Lebensmittelchemiker „Ersatzstoff" auf die Verpackung schreiben kann, und Aigner schimpft: „Ich finde es fast schon unerträglich, wie alle möglichen selbsternannten Experten alle möglichen wahnsinnigen Theorien in die Welt setzen - das verunsichert die Verbraucher mit Sicherheit am allermeisten." Sicherheit würde die Verbraucher am wenigsten verunsichern. Gebunden an eine Aufklärung, die nicht erst mit der Schadensbegrenzung beginnt, sondern den Drang nach Schneller-Billiger-Mehr hinterfragt.Ähnlich am Eigentlichen vorbei reagieren Datenschützer auf Facebook: mit der Ankündigung, sich auf europäischer Ebene für strengeren Datenschutz einzusetzen. Da sind die Chinesen konsequenter, die das Internet zensieren, wo sie es nicht verbieten können. Gleichwohl kräht kein deutsches Hähnderl danach, wenn im Reich der Mitte ein Sack Reis umfällt. Oder nach Eröffnung der deutschen Ausstellung „Die Kunst der Aufklärung" in Peking der Künstler Ai Weiwei verhaftet wird. Da haben sich die Funktionäre längst vom Buffet abgewendet wie die Wähler von der FDP.Wie Haltung mehr als eine Pose ist, zeigt die Berliner Akademie der Künste, die gegen die Ernennung des bekennenden Antisemiten István Csurka und seines Gesinnungsgenossen György Dörner an die Spitze des Budapester Neuen Theaters protestiert. Hier geht es um „Pflicht, das Wort zu erheben", sagt Regisseur Thomas Langhoff, den Rücken gestärkt von Akademiepräsident Klaus Staeck, der bekräftigt, dass die Akademie sich immer einmische, wenn sie die Freiheit der Kunst in Gefahr sehe. Da wird sie auch im Inland fündig - hier liegt es am Geld.Im Prinzip des Reagierens, statt zu agieren unterscheidet sich der Kulturbetrieb vom politischen nur manchmal. Er beugt sich seltener einer Lobby als dem sogenannten Publikumsgeschmack. Letzterer wird in Quoten oder Auflagen gemessen, in Zynismus ausgezahlt und unterm Strich mit Abbau verrechnet: an Qualität, Anspruch, Wagnis, Stellen, Angeboten ... Für Kultur kein (oder weniger) Geld ausgeben zu wollen, offenbart nicht nur einen Verlust von Bewusstsein und Selbstachtung, es sprengt auch den Rahmen, in und an dem eine Gesellschaft sich aus- und aufrichtet. Der ist zunehmend orientiert an Möglichkeiten, vor allem technischen, und weniger an Notwendigkeiten, etwa gesellschaftspolitischen Bekenntnissen. Sucht statt Suche. Es spricht nicht unbedingt für Fortschrittlichkeit, alles zu wagen. Doch ob Gentechnik, Medizin oder Digitalisierung - erst kommt der Größenwahn, dann kommt die Moral.Ein Blick auf die 20 Sachbuch-Jahresbestseller des Spiegel offenbart, Prominent-Biographisches mal beiseite gelegt, eine Bandbreite von Thilo Sarrazin (Deutschland schafft sich ab) über Margot Käßmann (Sehnsucht nach Leben), Axel Hacke/Giovanni di Lorenzo (Wofür stehst du?) und natürlich Richard David Precht (Wer bin ich - und wenn ja, wie viele) bis zu Helmut Schmidt (Religion in der Verantwortung): Das Ratgeberhafte des mit viel medialem Aufwand Vorgekosteten verführt zum Blättern in konventioneller Fast-Food-Mentalität. Es besänftigt Unentschlossene und passt auch zum Protest-Happening derer, die ihre politische Mitte nicht länger beim Power-Yoga suchen und wissen, dass ein Volksbegehren kein Unterschichten-Sex ist. Doch wenn die Wein-Preise im Zweite-Welt-Land anziehen, wird der nächste Urlaub eben in der Dritten gebucht. Wenn die Krankenkasse nicht mehr zahlt, nach dem Staat gerufen. Wenn der eigene Spross von Migrantenkindern geschubst wird, ist Sarrazin plötzlich wählbar. Die angepasste Empörung wird Folklore, wenn Haltung zum Unrecht Pose bleibt.In der Patchwork-Gesellschaft wird nicht nur ein neues Familienbild zusammengestoppelt. Vom Kapital getrieben läuft die Herde in den Wald und ruft nach Konsequenzen. Doch in einem Klima, in dem Begriffe wie „intellektuell" oder „Hochkultur" im Schimpfwörter-Katalog stehen, fehlen die Stimmen der Denker. Daran gemahnen die Verluste des Jahres: Jorge Semprún, Christa Wolf, Franz Josef Degenhard, Georg Kreisler oder Václav Havel - Vorbilder, die politisch reflektierten und Worte fanden gegen Ignoranz oder Anfeindungen, bevor sie selbst all dem ausgesetzt waren. Die gegen Häme oder Desinteresse gesellschaftliche Spielräume ausschritten und Türen öffneten für Gedanken, Visionen, Ideale, mit denen sich aufrecht und aufrichtig etwas Neues beginnen lässt. 

Janina Fleischer

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