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Im Windbruch der Geschichte - Werke von Hans Brosch

Im Windbruch der Geschichte - Werke von Hans Brosch

In den 70er Jahren war Hans Brosch ein Ostberliner Geheimtipp. 1979 blieb er nach einer Parisreise im Westen. Im Rahmen des Projekts Carte Blanche zeigt die Galerie für Zeitgenössische Kunst eine Retrospektive.

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Jetzt in der Galerie für zeitgenössische Kunst (GfzK) - Die Ausstellung „Der Freundeskreis Hans Brosch“.

Quelle: Wolfgang Zeyen

Leipzig. Leichte Kost ist seine Malerei nicht.

Für Überraschungen bleibt die  Galerie für Zeitgenössische Kunst (GfZK)  gut. Ein Aufsteller im Neubau teilt mit, dass Carte Blanche XI, eine Ausstellung mit der Sammlung von Vivien und Horst Schmitter, nicht stattfindet. „Abgesagt /Cancelled“ bleibt von den Plänen dieser Zusammenarbeit mit privaten Sammlern. Überraschend seien die Partner vor 11 Monaten aus dem Projekt ausgestiegen. Wer hätte gedacht, dass so etwas auch passieren kann? Acht Wochen stehen die Ausstellungsflächen nun leer. Konsequent, meine Damen, wäre die Öffnung dieser Leere für Besucher, damit sie darinnen höchst intensiv über Carte Blanche nachdenken.

Was soll man dazu noch sagen? Glücklicherweise wird parallel als Carte Blanche X die erste retrospektive Ausstellung des Berliner Malers Hans Brosch eröffnet. Durch frühere Kontakte - Werke Broschs sind dank Klaus Werner in der Sammlung der GfZK - ist der „Freundeskreis Hans Brosch“ in das Projekt gekommen. Im Rheinischen gegründet, hat die Gruppe von Sammlern und Förderern das Ziel, dem Werk des 1943 geborenen Malers mehr Anerkennung zu verschaffen.

Brosch war in den 70er Jahren ein Ostberliner Geheimtipp. Er kratzte dem Berliner Sensualismus die Gemütlichkeit weg, schnitt und klebte dadaistisch an seinen Bildern herum und unterlief die tonige Braunmalerei der Böttchers und Metzkes mit zerrissenem Schwarz. Er zeichnete in einem halbabstrakten Modus, der staunend die Formen annimmt, in die sich die Dinge auf dem Papier verwandeln. Allerdings geht ihm die Berliner Poesie - zum Beispiel eines Goltzsche - fast völlig ab. Brosch ist meist härter und schroffer.

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Plakat am Eingang der Ausstellung.

Quelle: Wolfgang Zeyen

Es kann aber sein, dass eine ausführlichere Präsentation des Frühwerks diesen Eindruck korrigiert hätte. Als Bühnenbildner - ausgebildet noch bei Karl von Appen - arbeitete Hans Brosch für renommierte Regisseure wie Adolf Dresden und den jungen Alexander Lang, auch privilegiert, im Ausland. Doch er verstand sich immer als freier Maler, als solcher passte er nicht ins erwünschte Bild. Die Einladung zu einer großen Pariser Ausstellung 1975 und ihr Echo in Deutschland machten ihn im Westen bekannt. Dort stellte er folgend aus, im Osten nur subkulturell, 1979 blieb er nach einer Parisreise im Westen.

Ausgestellt sind zumeist großformatige Gemälde und frühe Zeichnungen. Der Rundgang beginnt und endet mit Arbeiten der 70er Jahre. Doch dazwischen ist in jedem Kabinett ebenfalls eine zeitliche Achse geöffnet. Diese Ordnung der Ausstellung, kuratiert von Carsten Probst und Heidi Stecker, betont die Logik der Entwicklung. Sie verschleift die Schritte darin zugunsten eines Zusammenklangs, was ausgezeichnet aufgeht.

Broschs Malerei ist keine leichte Kost. Er schlägt und rudert wild und hektisch, zerstört wütend, er kratzt und radiert aus. Streifige Gerüste klemmen schief in den Formaten. Deren Gründe sind dunkeltonig, schimmern aber weißlich aus der Ferne. Drei Momente wohl tragen die meiste Kraft dieser Bilder in sich. Zum einen ist es das durchscheinende Dahinter, das raunt und droht, in dem es flackert, das ein Echo des Geschehens im Vordergund gibt. Zweitens ist es die Energie der einzelnen Linien, wirr und unglücklich ebenso wie auf geometrische Sicherheit hoffend. Schnelle Knäuel bildend, zerrupftes Gefieder, immer auch selbst bekratzt und streifig verwischt, ein herbes Wehen. Drittens ballen sich diese Linien zu Bildornamenten, in sich verschoben, zu zersplitterten Klumpungen. Wahrscheinlich trifft der Ausdruck Bildinsekt am besten. Überwiegend - die Titel lenken das Auge - sind das Ahnungen kaputter Figuren, aber auch Szenerien, Physiognomien im engeren Sinne. Die Aggression, die diese Bildfiguren aushalten müssen, wird vom sphärischen Sound der Gründe eingehüllt, jedes Bild ein umstürmtes Ich, ein Windbruch der Geschichte.

Der bildnerische Ernst, viel zu steif für das tänzelnde Informel, hing diesen Bildern in den 80er Jahren als Gewicht an. Man hat bei etlichen Ost-Künstlern, die in den Westen gingen, eine form-strukturelle Erleichterung registrieren müssen, einfach gesagt: Sie wurden schlechter. Brosch hat wohl auch versucht, die Westberliner Verkennung als zu spät gekommener informeller Maler auszugleichen, mit mehr Farbe (ein Genie der Farbe ist er nicht), kurzzeitig wohl auch mit einem Schritt in Richtung des expressiven Kollegen Walter Stöhrer. Doch seinen schwierigen Charakter wurde er nicht los, legte er nicht ab.

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Leipzig. In den 70er Jahren war Hans Brosch ein Ostberliner Geheimtipp. 1979 blieb er nach einer Parisreise im Westen. Im Rahmen des Projekts Carte Blanche zeigt die Galerie für Zeitgenössische Kunst eine Retrospektive. Leichte Kost ist seine Malerei nicht.

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Das mit der Entfernung seiner Übersiedlung abflauende Interesse des Marktes an Hans Brosch parallelisiert die Ausstellung mit seinen Problemen vor 1979 im Osten. Dort Probleme, hier Probleme. In dieser Hinsicht ist Genauigkeit dringend erbeten. Es werden Ebenen verwechselt und Ereignisse unterschlagen. Immerhin kaufte die Deutsche Bank 1985 bei Hans Brosch, zwei Jahre später Eberhard Roters für die Berlinische Galerie, und einige kleine Galerie-Publikationen existieren. Verkannte Künstler haben andere Biographien. Doch tatsächlich ist es wohl die erste größere und retrospektive Hans-Brosch-Ausstellung. Im übrigen bräuchte so eine kraftvolle, beängstigend intensive Ausstellung gar keine Begründung.

Carte Blanche X, Freundeskreis Hans Brosch, bis 5.4. in der Galerie für Zeitgenössische Kunst, Di-Fr 14-19, Sa,So 12-18 Uhr

Meinhard Michael

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