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Im Zweifel für das Buch - Schriftstellerin Anna Kaleri aus Leipzig veröffentlicht neuen Roman

Im Zweifel für das Buch - Schriftstellerin Anna Kaleri aus Leipzig veröffentlicht neuen Roman

Am Anfang war das Blog. Standen Gedankengänge rings um das Entstehen des Romans. „Eine Freundin lebt in San Francisco und ich beschloss, meinen dreißigsten Geburtstag an der Westküste der Vereinigten Staaten zu verbringen", schreibt Anna Kaleri.

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Am 5. Oktober erscheint Anna Kaleris zweiter Roman „Der Himmel ein Fluss".

Quelle: André Kempner

Leipzig. Doch dann bekam die Leipzigerin für eben diese Zeit ein Reisestipendium nach Polen. Masuren. Historisch gesehen der Süden Ostpreußens. „In Polen war ich mehr oder weniger immer nur auf Durchreise", schreibt sie 2004 am Beginn einer Spurensuche, die tief in die Vergangenheit führt.

Es geht um ihre Familiengeschichte, „durch die seit meiner Kindheit ein Junge in Kniehosen rennt". Es ist ihr Vater, den sie nicht mehr fragen kann. Und es ist das Dorf Gedwangen, das jetzt Jedwabno heißt. Dort hat die Mutter des Vaters gelebt, sie soll ein Verhältnis mit einem polnischen Zwangsarbeiter gehabt haben, ins Gefängnis gekommen sein und – wahrscheinlich – in ein Arbeitslager. Fest steht, dass der Pole hingerichtet wurde.

Kaleri interessiert nicht allein die Wahrheit, sondern die Geschichte jener Emilie Sawitzki, einer Frau, die, zumal Mutter zweier unehelicher Kinder, offenbar nicht in die Gesellschaft passte. Von der es kein Bild gibt und auch keinen Grabstein. Menschen, die ihre Nachbarn gewesen sein könnten, leben heute in der Bundesrepublik verstreut. Und sie können sich an dieses Detail ihrer Kindheit nicht erinnern, sagt Kaleri. Sie schweigen oder weinen am Telefon, sind noch immer traumatisiert von den Erlebnissen während der Flucht, vom Verlust der Heimat, der Entwurzelung.

Die Autorin, 1974 im Ostharz geboren, trifft auch auf Revanchisten, Nazis, Verdrängung. Sie erzählt von erschütternden Gesprächen. Immer mehr Antworten werfen immer neue Fragen auf. „Meine Reise nach Polen konfrontiert mich damit, dass eine Gegenwart anders aussieht als jene, die in der eigenen Vorstellung jahrzehntelang ein Eigenleben führte", schreibt sie im Blog. Es sind kleine, doch viele Mosaiksteine, die sie in den vergangenen Jahren gesucht, gefunden, ertrotzt hat bei umfangreichen Recherchen in Bibliotheken und auf Reisen nach Polen. Manchmal stockt die Arbeit, ist es des Erfahrenen zu viel, oder sind es der Fakten zu wenig.

Obwohl Kaleri einen Roman schreibt und keine Dokumentation, möchte sie alles verstehen, Emotionales in Historisches einordnen können. Natürlich ist die Hauptfigur „aus mir heraus erfunden", eine naive Figur, die meint, dass es möglich ist, unpolitisch zu sein, und die diesem Glauben zum Opfer fällt. „Was in dem Ort ,Deutschenwalde’ passiert, könnte überall dort passieren, wo es ethnische Überlappungen gibt und Abgrenzungstendenzen um so stärker sind", sagt sie.

Immer mal wieder hat sie gedacht, das Manuskript sei abgeschlossen. Im Oktober 2011 ist er dann tatsächlich fertig, der Roman, und der Graf Verlag gefunden. Ab dem 5. Oktober gibt es „Der Himmel ist ein Fluss" im Buchhandel.

Der Weg dorthin mit all den Zweifeln und Überraschungen ist in den Blog-Einträgen nachzuvollziehen, die ein eigenständiges Werk bilden, für das sich seit einiger Zeit schon das Literaturarchiv in Marbach interessiert. Doch Anna Kaleri zögert. Es irritiert sie, „etwas Lebendiges statisch werden zu lassen". Auch ist die Sprache natürlich eine andere, da kommt nicht jedes Wort auf die Goldwaage. Doch findet sie es „ehrenwert", dass in Marbach Blogs schon „relativ früh als Form von Literatur anerkannt" wurden.

Sie ist keine, die jeder Mode folgt, aber aufgeschlossen für Möglichkeiten. Elektronische Bücher zum Beispiel. Die verlegt sie jetzt selbst im eigenem, dem Lindenau Verlag. Lindenau, weil sie mit ihrer Familie in diesem Stadtteil zu Hause ist. Ein Verlag, weil sie Bücher geschrieben hat, die sich nicht den üblichen Kategorien zuordnen lassen. Und vor allem, weil sie unabhängig sein will. Für den Moment sieht sie E-Books als Ergänzung zum gedruckten Buch. Für jene, die jetzt Kinder sind, aber werden sie „das Medium der Zukunft" sein. Dass Hinz und Kunz ein elektronisches Buch veröffentlichen kann, ohne auf Verlage angewiesen zu sein, findet sie demokratisch. Ein Vorteil, der zugleich ein Nachteil ist, der Leser selbst muss die Spreu vom Weizen trennen.

Anna Kaleris erstes eigenes E-Book ist ihr Debüt, die Prosaminiaturen „Es gibt diesen Mann", 2003 im Luchterhand Verlag als Hardcover erschienen. „Der Stil ist frech, spielerisch, neurotisch – was ich ja vielleicht damals auch war. Nie wieder würde ich so schreiben", sagt die Schriftstellerin, die „für jedes Buch eine eigene Sprache" findet und glaubt, dass diese Texte den Nerv der Nerds und Hipsters treffen könnten. Als nächstes plant sie ein Kinderbuch, das seit vielen Jahren in der Schublade liegt.

Kaleri hat als Kind mit dem Schreiben begonnen, kam über Kreis- und Bezirkszirkel zum landesweiten Treffen schreibender Schüler, nach dem Mauerfall zu Workshops und schließlich ans Deutsche Literaturinstitut in Leipzig, wo Dozenten wie Sten Nadolny und Katja Lange-Müller sie beeindruckt haben. Heute gibt sie selbst Kurse für angehende Autoren und leitet die Prosawerkstatt.

„Man muss sich darauf gefasst machen, dass so große Neuerungen die gesamte Technik der Künste verändern, dadurch die Invention selbst beeinflussen und schließlich vielleicht dazu gelangen werden, den Begriff der Kunst selbst auf die zauberhafteste Art zu verändern", zitiert sie auf der Internetseite ihres Lindenau Verlags den französischen Philosophen Paul Valéry. Dieser Prozess fasziniert auch Anna Kaleri, die ihren E-Reader ganz pragmatisch in einem Hand-Waschlappen mit sich herumträgt – „der schützt auch".

Buchpremiere: 5. Oktober, 20 Uhr, Schaubühne Lindenfels, Karl-Heine-Straße 50

Janina Fleischer

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