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Im ehemaligen Nazitreff an der Odermannstraße hat die Clubkultur gesiegt

Bunt statt braun Im ehemaligen Nazitreff an der Odermannstraße hat die Clubkultur gesiegt

„Odermanns Garten“ war früher Sitz des Leipziger NPD-Zentrums, heute dröhnen durch den Lindenauer Club Elektro- und Housebeats. Nach dem Rückzug der rechtsextremen Partei im vorigen Jahr haucht eine Partycrew dem Areal neues Leben ein und distanziert sich vom einst braunen Neonazi-Spuk.

Die Neuen: Devon Miles, Dirk Blank, Marcus Jahn und Dexter Curtin (von links) sind die Betreiber von „Odermanns Garten“ in Lindenau. Die Partys seien gut besucht, sagen sie.

Quelle: Dirk Knofe

Leipzig. Jetzt wird’s bunt: Das ehemalige NPD-Abgeordnetenbüro in Lindenau wurde zur Disco-Location mit regelmäßigen Veranstaltungen umfunktioniert. Die Odermannstraße 8 – auch O8 genannt – war sechs Jahre lang der Treffpunkt für Rechtsextreme aus dem Dunstkreis der regionalen Neonazi-Szene. Mit dem Club „Odermanns Garten“ wurde im September vorigen Jahres im Leipziger Westen nun ein neues Kapitel aufgeschlagen.

Offiziell ging’s am 6. Dezember mit der Opening-Party los. Dutzende Gäste feierten schon wie am Abend zuvor bis weit nach Mitternacht zu harten Techno-Sounds. „Um auch die letzten bösen Geister der Vergangenheit zu vertreiben“, sagt Devon Miles, einer der Veranstalter. Weg vom braunen Schmuddel-Image: Das wollen er, Marcus Jahn, Dexter Curtin und Dirk Blank – Leipziger Diskjockeys und Partymacher als die neuen Betreiber des Areals. Als Headliner trat am Eröffungswochenende der Teheraner DJ Iman Deeper auf. „Hier soll sich ein breites Spektrum von Leuten treffen, wir sind multikulturell offen“, so Miles. „Mit denen von früher haben wir nichts am Hut“, versichert Marcus Jahn, „wir sind unpolitisch.“

Im ehemaligen Nazitreff an der Odermannstraße erhält nun die Clubkultur Einzug.

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Allerdings: Der Stachel sitzt tief Lindenau, die Wunden sind noch nicht ganz verheilt. Schon der erste Veranstaltungsabend von „Odermanns Garten“ sorgte für Ärger, als manche Passanten beunruhigt und mit Argwohn am Gebäude vorbeigingen, aus dem Discosound drang. Erinnerungen an das ehemalige Neonazi-Zentrum wurden wach. Die neuen Club-Betreiber brachten daraufhin mit einer Licht-Projektion an der Hauswand (A place for open minds – gegen Nazis) auf ihre ablehnende Haltung gegenüber rechter Gesinnung zum Ausdruck. „Um den Leuten im Viertel zu zeigen: Von dem Objekt geht kein Terror mehr aus“, so Videokünstler Devon Miles.

„Wir wollen sukzessive die Location ausbauen“, blickt Marcus Jahn voraus. Der Flachbau, wo der Main-Floor und blau beleuchtete Bar-Bereich untergebracht sind, ist bereits alles überstrichen, teils renoviert. Im Hauptraum des Clubs – wohl früher der NPD-Konferenzsaal und zu DDR-Zeiten eine Zeltsattlerei – stehen alte Kinosessel und ein weißes Regal an den Wänden. Eine Stehtischlampe mit rotem Licht strahlt am DJ-Pult. Ins zweistöckige Wohnhaus nebenan soll ein Musikstudio einziehen, auf dem Hof sind im Sommer ein Freisitz und ein Urban-Gardening-Projekt, eine Art Bürgergarten, geplant. „Da steckt viel Ehrenamt dahinter, da wir nebenbei noch Berufe haben“, so Dexter Curtin. Das städtische Bau- und das Ordnungsamt wollen in Fragen des Lärm- und Brandschutzes allerdings regelmäßig Fortschritte sehen.

Die Zeichen stehen auf Neuanfang. „Die Zentrale hatte für die NPD auch eine logistische Bedeutung gehabt“, sagt Frank Kimmerle vom Erich-Zeigner-Haus, „hier wurden Parteianhänger aus ganz Sachsen geschult.“ Kimmerle war Mit-Initiator mehrerer Kundgebungen und Protestmärsche, bei denen verschiedene Bündnisse und hunderte Leipziger seit Eröffnung des NPD-Quartiers gegen die Versammlungsstätte demonstrierten. Ein eher „festungsartiger Szenetreff“ mit einem mannshohen Metallzaun und Stacheldraht, hinter dessen Fassade Rechtsrock-Konzerte, Vortragsabende und Vernetzungstreffen stattfanden. Anwohner berichteten immer wieder von Bedrohungen und Beleidigungen aus der Hooligan-Szene.

Am 11. September 2014, nach der verlorenen sächsischen Landtagswahl, war das Ende der des Parteigeländes besiegelt. NPD-Mitglieder bauten den Schutzzaun zur Straße hin ab und räumten das Objekt, das früher Dreh- und Angelpunkt des rechtsextremistischen Milieus war. Finanzielle Einschnitte und auch die „belagerungsartigen Zustände“ durch Neonazi-Gegner nannte Jürgen Gansel, damals Pressesprecher der Sachsen-NPD, als Rückzugs-Grund. „Wir sehen unsere Aufgabe inzwischen erfüllt, inzwischen ist ein normaler Zustand eingekehrt“, resümiert indes Frank Kimmerle, „dank des jahrelangen zivilgesellschaftlichen Engagements.“

„Nazizentren zu Tanzschuppen“, so lautete auch ein Spruch des „Ladenschluss-Aktionsbündnisses gegen Nazis“, zu deren Veranstaltern Juliane Nagel – Demonstrantin der ersten Stunde – gehörte. „Natürlich ist das eine schöne Entwicklung“, sagt die Linken-Stadträtin und Landtagsabgeordnete. „Dort, wo einst Nazis geschichtsrevisionistische Vorträge, Liederabende und andere Freizeitaktivitäten veranstalteten, wo Aktionen und Wahlkämpfe mit menschenfeindlichem und antidemokratischem Gehalt geplant wurden, wird nun gefeiert.“ Allein das Bild eines offenen Geländes, das mit Graffiti gestaltet ist, sei eine Genugtuung.

Die Kehrseite: Sachsens Ex-NPD-Vorsitzender Winfried Petzold war jahrelang Vermieter des Hauses, wo sich die rechtsextreme Partei ab 2008 einquartierte. Eine Privatinsolvenz zwang ihn 2009, das Grundstück auf dessen Stiefsohn Steven H. zu überschreiben. „Selbst nach Petzolds Tod im Dezember 2011 gab es für Steven H. scheinbar keinerlei Zweifel an der Vermietung des Objektes an Neonazis“, so Nagel. Über den Eigentümer sei zwar nur wenig bekannt, „aber er muss dem politischen Treiben in der Odermannstraße ja zumindest positiv gegenübergestanden haben.“ Ihr Vorwurf: Als der Geldfluss aus der Neonazi-Szene versiegte, habe er mit den jetzigen Mietern eine neue Anknüpfung gefunden.

„Unser Eindruck: Er hat eher kein Interesse an der Immobilie – zum Glück für uns“, sagt Devon Miles. „Pragmatisch gesehen, gibt es zur aktuellen Entwicklung wohl keine Alternative, ein bitterer Beigeschmack bleibt allerdings. Wichtig scheint mir, bei aller Feierei weiter auf die Geschichte des Ensembles hinzuweisen“, betont Juliane Nagel. Geplant sei, wie Dirk Blank ankündigt, das Grundstück perspektivisch per Mietkauf von Steven H. zu erwerben.

Auch der Lindenauer Stadtteilverein äußert sich zum Projekt „Odermanns Garten“ positiv und hofft auf einer Änderung der Besitzverhältnisse. „Schön, wenn das durch ist und Lindenau durch einen Tanzclub noch bunter wird“, sagt die Vorsitzende Christina Weiß. Eine Entwicklung, die zu Lindenau und dem benachbarten Plagwitz passt. Immer mehr Kreative erobern den einst verwahrlosten und herunterkommenden Kiez mit ihren Szeneclubs, Kneipen und kleinen Läden.
Benjamin Winkler

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