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Im neuen „Kursbuch“ geht es um Stadt, Land, Zukunft

Kulturzeitschrift Im neuen „Kursbuch“ geht es um Stadt, Land, Zukunft

Was haben die Trump Towers mit dem Wahlkampf in Regensburg zu tun? Warum sind Städte ein Spiegel der Toleranz? Es geht um Architektur, Urbanität und Selbstverständnis im neuen „Kursbuch“, in dem Wissenschaftler, Schriftsteller und ein Fotograf „Stadt.Ansichten.“ teilen. Es hilft zu verstehen, wie es zum Hype um Leipzig kam.

Berlin, Leipzig, München? Manche Städte gleichen einander – doch nur auf den ersten Blick. Dieses ländliche Idylle gedeiht auf einem Balkon in Sankt Petersburg.

Quelle: dpa

Leipzig. Es ist gar nicht so lange her, da waren „Shrinking Cities“ das große Thema engagierter Stadtbewohner. Da drängen nach den schrumpfenden die wachsenden Städte ins Bewusstsein: „Stadt/tt finden“ heißt ein Kunstfestival, das für September in der Leipziger Glasfabrik geplant ist mit „Projekten zur Wachsenden Stadt“, einer „Auseinandersetzung mit urbanistischen Themen“. Schon heute kann man sagen, dass der Ort (gründerzeitliche Maschinenfabrik im Leerstand) und die Form (interdisziplinäres Arbeiten im thematischen Spannungsfeld) mit genau dem spielen, was im neuen „Kursbuch“ untersucht wird.

Die aktuelle Ausgabe der Kulturzeitschrift widmet sich unter dem Titel „Stadt.Ansichten.“ der Urbanität. Ko-Herausgeber Armin Nassehi stellt „Kein Editorial“ voran, in dem er schreibt, im Gegensatz zum Dorf oder Kloster „kommt in Städten zusammen, was nicht zusammengehört“: unterschiedliche Milieus, Schichten und Klassen, Kulturen und Lebensformen, Lautstärke und Stille, Verbrechen, Sünde und Tugendhaftigkeit, Sichtbares und Unsichtbares. „Alles, was Gesellschaften ausmacht, nämlich die Gleichzeitigkeit all dieser Formen“, trifft dort aufeinander. „Es ist eine fragile Form der Sozialität – deshalb ist derzeit auch Urbanität das Ziel von Terroranschlägen.“

Die digitale Revolution ist zugleich eine urbane

Denn Urbanität meint ja mehr als das Gegenteil von Landleben, ist nicht Umstand, sondern Habitus. Das machen auch die weiteren zwölf Texte deutlich. Verlagschef Sven Murmann nennt die Hamburger Elbphilharmonie ein mutiges Statement einer Stadt, „die damit ihr eigenes hanseatisches Understatement überschreitet“. Es kommen Wissenschaftler zu Wort und Literaturredakteure (auch dieser Zeitung) – daneben stehen literarische Ansichten. Die Illustrationen stammen von Iwan Baan, dessen Fotografien unter anderem auf Sao Paulo blicken, Nairobi und Caracas. Es sind keine Sehnsuchtsbilder.

Ganz gleich, ob Städte schrumpfen oder wachsen – immer sind sie im Werden begriffen, nie fertig mit sich selbst. Als einen zentralen Treiber der „urbanen Aufladung unserer Kultur“ sieht Alexander Gutzmer die Digitalisierung. Die digitale Revolution ist zugleich eine urbane. Und Teil des urbanen Interaktionskosmos sind, „selbst wenn das Stadtromantiker nicht wahrhaben wollen“, Autos. Denn sie verursachen nicht nur Feinstaubbelastung, sondern sind „kulturelle Artefakte und Sehnsuchtskondensatoren“. Nicht die autofreie Stadt sei darum ein Ideal, sondern ein anderes Fahren. Das Zauberwort heißt – wie so oft – Bewusstsein.

Die Trump Towers sind „schillernde Hinkelsteine“

Sich ihrer selbst bewusst zu sein, bedeutet für die Stadt, auf sich selbst zu reagieren. Sie ist ein Konfliktfeld. In ihr prallen, schreibt Gutzmer, Identitätsvorstellungen aufeinander. Wie sich das in der Architektur zeigt, erklärt er anhand der „Trumpitektur“. Weil Städte etwas repräsentieren, was „gemäß seiner simplistischen Doktrin gar nicht existieren darf: das meist friedliche und produktive Zusammenleben unterschiedlicher sozialer und kultureller Schichten“, sind die Trump Towers in verschiedenen US-amerikanischen Metropolen eben keine architektonischen Statements der Wertschätzung des Urbanen. „Sie sind schillernde Hinkelsteine, monolithisch hineingepflanzt in den urbanen Kosmos, präsent, aber ohne Bezug zu diesem.“ Wenn rechte Ideologen architektonisch denken, herrscht baulicher Rückschritt, werden „angstgesteuerte, auf Abschottung basierende Dorfszenarien entwickelt, die in ihrer Lächerlichkeit wirken wie schlechte Historienschinken“.

Weil Städte nicht nur der Gesellschaft Raum geben, sondern diesen Raum auch definieren, ist Architektur mehr als eine Geschmackssache. Für Gutzmer, Chefredakteur des Architektur-Magazins „Baumeister“, ist sie „als gesellschaftlicher Resonanzkörper in Zeiten der Digitalisierung“ sogar relevanter denn je.

Dazu mag jeder eine andere und mancher seine Heimatstadt vor Augen haben. Hermann Sottong sieht Regensburg, wenn er über bürgerschaftliches Engagement schreibt und über einen Kommunalwahlkampf, in dem die Begriffe „Urbanität“ und „Transparenz“ elektrisieren. Gregor Dotzauer erzählt von Peking, Kevin Kuhn von Mexiko-Stadt, Kathrin Röggla von Berlin und Alfred Hackenberger davon, dass die schönen alten Zeiten in Tanger vorbei sind, was Connaisseure nicht davon abhält, auf der Suche nach einer Bestätigung ihre Stereotype zu sein.

Hans Pleschinski rehabilitiert München, und Jochen Schmidt porträtiert Sankt Petersburg – mit Metro, Nabokov-Haus und Bussen, in denen Hinweisschilder verbieten, auf Busse zu schießen. So ein Stadtporträt kann kaum anderes sein als ein Porträt der Bewohner. „An einer Ampel ist es dem Fahrer zu aufwendig, zu bremsen, er hupt einfach, die Fußgängerin weiß Bescheid und bleibt stehen.“

Stadt als Persönlichkeit

Seit 2008 leben weltweit mehr Menschen in den Städten als auf dem Land, schreibt Stephan Rammler in seiner „kleinen Geschichte urbaner Mobilität“, weshalb ein Nachdenken über den Personen- und Gütertransport der Zukunft unerlässlich bleibt. „Verkehr ist das, was die moderne Welt zusammenhält und zugleich auseinandertreibt.“ In Afrika ziehen immer mehr Menschen vom Land an den Rand der Metropolen, was den Charakter der Städte wie auch der Dörfer verändert. Oft dient es, sagt die Soziologin Daniela Roth, nur als Zwischenstation auf dem Weg nach Europa.

Der Wirtschaftswissenschaftler Stephan A. Jansen sieht die Zeit gekommen für eine „kulturoptimistische Lesart der neuen Städte“. Was wäre, wenn sie nicht mehr „Gebilde höchster Unpersönlichkeit“ wären, sondern immer stärker selbst zur Persönlichkeit würden, die andere Persönlichkeiten anziehen? Eine Lesart, die hilft, beispielsweise den Hype um Leipzig nachzuvollziehen. Die Lösung vieler städtischer Probleme verdankt sich „der Kreativität, der sozialen Kooperation und Ideen der Beteiligten“.

Ambivalenz ist etwas, das Städte prägt. Alles, was nervt, kann gleichermaßen anziehend sein. Und umgekehrt. Auf jeden Fall spielt hier die Zukunft.

Armin Nassehi, Peter Felixberger (Hrsg.): Kursbuch 190: Stadt.Ansichten. Murmann Verlag; 204 Seiten, 19 Euro

Von Janina Fleischer

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