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Immer neue Gipfel

Andris Nelsons dirigiert Wagner, Schubert und Bruckner im Großen Concert Immer neue Gipfel

Anton Bruckners vierte Sinfonie, Franz Schuberts Unvollendete und das Vorspiel v on Richard Wagners Oper „Lohengrin“ stehen in den Großen Concerten dieser Woche auf dem Spielplan, alle drei vom kommenden Gewandhauskapellmeister Andris Nelsons angelegt als Abfolge gewaltiger Steigerungen.

Der designierte Gewandhauskapellmeister Andris Nelsons dirigiert das Gewandhausorchester.

Quelle: Andre Kempner

Leipzig. Schuberts Unvollendete wird gern genommen, um Programme mit Bruckner-Sinfonien abzurunden. Das hat zunächst einmal recht pragmatische Gründe. Denn die, je nach Interpret, zwischen knapp 20 und gut 30 Minuten passen perfekt zu den 60 bis 70 von beispielsweise Bruckners Vierter, der „Romantischen“. Leipzigs designierter Gewandhauskapellmeister Andris Nelsons gehört in beiden Fällen nicht zur den Flottesten – trotzdem spendiert er überdies noch Wagners „Lohengrin“-Vorspiel, und umreißt in diesen wenigen Minuten bereits zu Beginn die Marschrichtung der so langen wie beeindruckenden Großen Concerte dieser Woche: Aus dem Nichts holt Nelsons die unwirklich flirrenden Streicher ab, verdichtet die Stille mit einer fein ausbalancierten Steigerung, ohne dabei die Details der Einstimmung in Wagners romantischste Oper aus dem Auge zu verlieren. Dann lässt er es auf dem Höhepunkt mächtig und gewaltig krachen. Das ganze dreieinhalbstündige Drama um den Schwanenritter und seine Elsa fließt da in ein emotionales Destillat von höchster Dichte und Flexibilität. Denn immer wieder richtet Nelsons mit seinem suggestiven Schlag die Aufmerksamkeit auf andere Schichten der Dichtung in Tönen, kann sich dabei auf die Flexibilität des Orchesters verlassen. Hell klingt es, edel, mitreißend und entrückt.

Diese Herangehensweise lässt Nelsons auch Schuberts so vollendet schöner Unvollendeter angedeihen: Schlicht, verhalten, zart tasten sich die Bässe ins Geschehen, fassen rhythmisch Fuß, die höheren Streicher bringen ihre Figurationen in Stellung, Bläser steuern melodische Bausteine zu, alles in größter Natürlichkeit entwickelt, nicht schnell, aber auch nicht verschleppt, dem ersten akkordischen Tutti-Höhepunkt entgegen.

Steigerungen und ihre Zurücknahme, allmählich oder abrupt, sie machen für Nelsons offenkundig das Wesen romantischer Sinfonik aus. Aber er versteht dies nicht als dynamische Entwicklung, sondern als Intensivierung des Satzes, die immer wieder neue Blickwinkel erlaubt. Drum gerät ihm die Wiederholung der Exposition auch nicht zur Wiederholung, sondern als Neuformulierung mit anderen Worten. Jeder Ton, jede Phrase, jeder Formteil erwächst bei diesem Schubert aus Vorangegangenem und zeugt seinerseits Folgendes – mit dem Ergebnis eines sinfonischen Mahlstroms aus emotional aufgeladener Schönheit, aus dem es für den Hörer kein Entrinnen gibt.

Gewiss: Längst sind die Originalklinger bei Schubert angekommen, haben ihn neu befragt, ihm klangliche Diät verordnet, mehr Fitness bei der Fortbewegung – und dabei Unerhörtes zu Tage gefördert. All das scheint Nelsons nicht zu belasten. Er bleibt sich treu, schöpft Schubert aus dem Augenblick, setzt auf die Reaktionsschnelle seines Orchesters, auf die wunderbaren Farben im Holz, auf die beseelten Soli, auf die Kraft des Blechs (dessen Zügel er bisweilen ein wenig zu locker lässt) und auf die Magie der Kommunikation zwischen ihm und den Musikern – sowie zwischen beiden, dem Raum und den Menschen darin. Wie so oft bei Nelsons lässt sich feststellen: Vieles kann man anders machen als er, manches sollte man vielleicht anders machen. Aber würde es dadurch besser? Kaum. Denn dieser Schubert muss nicht das Stil-Handbuch bemühen, er dringt mit seiner Wahrhaftigkeit direkt zur Seele vor.

Das gilt ohne Einschränkung auch für die Binnen-Sätze von Bruckners Vierter, die einfließt in Nelsons erstes Leipziger CD-Großprojekt (siehe Rand). Das Andante quasi Allegretto, dieses betörende Mittelalter-Bild im Vexierspiegel des spätromantisch ausgeschrittenen Quintenzirkels, klingt selten nur so selbstverständlich, so klug entwickelt wie unter Nelsons, der immer wieder neue Herrlichkeiten aus allen Ecken und Enden des wirklich grandiosen Orchesters nach vorn holt, dabei aber nie Gefahr läuft, ins Episodische abzudriften. Die Spannungsbögen tragen sicher auch über die Abgründe dieses komplexen Satzes hinweg, auch über die Generalpausen. Und im Jagd-Scherzo lenkt der designierte Chef den Weg auf die Inseln der Stille, in denen der sonst so verwegen quirlende Satz mit traumverloren isolierten Linien und Motiven an die Grenzen der Selbstauflösung stößt. Wunderbar, was das Holz hier an Reflexen und Luftspiegelungen einflicht, fabelhaft das Horn – ebenso fabelhaft die markante Attacke von der anderen Blech-Seite.

Im Prinzip gilt das auch für die Außensätze. Und doch hinterlassen die einen zwiespältigen Eindruck. Weil mit jeder Steigerung, jedem Grandioso, jedem Anstieg Nelsons einen ähnlich hohen Gipfel ins Auge fasst, was den gewaltigen Sätzen das Ziel nimmt. Besonders auffällig ist das im Finale, wo der Dirigent gleich mit dem ersten Crescendo so hoch hinauf steigt, dass sich die Frage aufdrängt, was da wohl noch kommen mag. Und tatsächlich: weiter geht es nicht mehr, bis zum Schluss dieser Sinfonie gleicht ein Gipfel dem nächsten. So könnte es auch vor dem Schlussakkord bereits vorbei sein oder nach ihm noch weitergehen. Das schubst Bruckner dann doch wieder in die Klischee-Ecke von der blockhaften Orgel-Improvisation – tut dies aber mit so eindrucksvoller Emphase, so viel Ausdauer und Energie, dass sich die Frage nach der Form erst in der Rückschau stellt. Folgerichtig entlädt sich die klangsatte Überrumpelungs-Dramaturgie dieser „Romantischen“ in gewaltigen Jubel im ausverkauften Saal.

Die sensationelle „Unvollendete“ wird heute, 16 Uhr, im Familienkonzert wiederholt. Dafür gibt es an der Tageskasse noch Restkarten (16 Euro). In der nächsten Woche (18., 19., 21. Mai) dirigiert nelsons in den großen Concerten Werke von Antonín Dvorák, dabei ist dann auch seine Frau Kristine Opolais als Sopranistin zu erleben. Mit etwas Glück gibt es noch Restkarten unter Tel. 0341 1270280.

 

Von Peter Korfmacher

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