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In den Himmel gespielt: Berührendes Gedenkkonzert für Kurt Masur in Leipzig

Gewandhaus In den Himmel gespielt: Berührendes Gedenkkonzert für Kurt Masur in Leipzig

In Leipzig haben Prominente und Weggefährten noch einmal musikalisch Abschied von Kurt Masur genommen. Am Samstagabend erklang im Gewandhaus ein Festkonzert zu Ehren des im Dezember verstorbenen Dirigenten. Seine Witwe Tomoko Masur erhielt den Leipziger Mendelssohnpreis, Geigerin Anne-Sophie Mutter wurde bejubelt.

Prominenter Besuch im Gewandhaus: Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich (l.), Bundespräsident Joachim Gauck (3.v.l.) mit seiner Lebensgefährtin Daniela Schadt (2.v.l.) und Tomoko Masur rechts neben ihm.

Quelle: Gert Mothes/Gewandhaus

Leipzig. „Felsen“ hat der Leipziger Komponist Steffen Schleiermacher sein Stück für Kurt Masur genannt. Es ist eine künstlerische Verbeugung vor dem Ziehvater, der 1985 dessen erstes Orchesterwerk mit dem Gewandhausorchester aufführte. Felsen, in diesem Wort warten so viele Assoziationen darauf, Musik zu werden: Grundstein, Charakter, Brandung, Unverrückbarkeit in bewegten Zeiten. Felsen, schreibt Schleiermacher im Programmheft zu diesem Festkonzert für den am 19. Dezember 2015 im Alter von 88 Jahren in den USA gestorbenen Kurt Masur, „sind ein Sinnbild eines langen Lebens. In Kurt Masurs Falle auch über den Tod hinaus.“ Melancholisch in die Höhe und die Stille zieht am Ende einsam eine Melodie.

Leipzig ist im ausverkaufen Gewandhaus nicht nur ganz nah bei diesem großen Musiker und Humanisten, sondern auch bei sich selbst. Viele Freunde und Weggefährten aus der halben Welt sind gekommen, einige davon sind auf der Bühne, so wie der Cellist Michael Sanderling, den Masur 1987 als Solist ans Gewandhaus geholt hatte, der heute Chefdirigent der Dresdner Philharmoniker ist und das Konzert leitet. Viele Kreise schließen sich an diesem Samstagabend, der mit der Ouvertüre zu Goethes Trauerspiel „Egmont“ op. 84 von Ludwig van Beethoven beginnt, mit der Masur sein Antrittskonzert als Leipziger Gewandhauskapellmeister am 9. September 1970 in der Kongreßhalle enden ließ. Prominenz ist auch aus der Politik zugegen, unter anderen Bundespräsident Joachim Gauck mit einem sogenannten stillen Besuch, Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich und sein Vorgänger Kurt Biedenkopf (beide CDU). Aus dem polnischen Wroclaw ist eine Delegation angereist. Seit 2007 ist Kurt Masur dort Ehrenbürger.

Glaube an die Macht der Musik

Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) erinnerte in seiner mehrfach von Applaus unterbrochenen Rede an den „Weltbürger, der immer in Leipzig zu Hause“ war. An den Mann, ohne den es das neue Gewandhaus nicht gäbe. An seinen Einsatz für das Erbe Mendelssohns. Und, natürlich, an den Idealisten und Realisten, der im bewegten Herbst 1989 zu jenen gehörte, deren Aufruf zur Gewaltfreiheit eine Katastrophe verhindern half. „Er glaubte unbeirrbar an die Macht der Musik – zur Menschlichkeit, zum Humanismus.“ Er vermisse seine Stimme und seinen Humor „in dem extremistischen Geschwätz, das wir zur Zeit erleben“, sagte Jung. „Seine Musik, sein Können und seinen Glauben an die Möglichkeit, dass das Gute siegt – ohne das wollen wir nicht auskommen. Wir wollen unser Bestes tun, seine Ideen fortzuführen.“

Darum wurde jetzt in Leipzig das Internationale Kurt-Masur-Institut, dem der Erlös aus dem Konzert zugute kommt, gegründet. Und darum wurde auch Masurs Witwe Tomoko mit dem Internationalen Mendelssohn-Preis ausgezeichnet. Eine „Menschenfängerin“ nennt sie Burkhard Jung. Sie glaube, dass die Entscheidung auch ihrem Mann gegolten habe, sagt sie, „damit er sich von oben freut. Und deswegen habe ich den Preis angenommen.“ Bei all seiner körperlichen Schwäche in den letzten Jahren, habe er ihr immer mit seiner Inspiration und seinen Träumen Kraft gegeben, erzählt sie. Dass ihn Leipzig und sein Orchester nie losließ, belegt sie mit einer Anekdote. Auch als er in den USA die New Yorker Philharmoniker dirigierte, fragte er immer wieder: „Wann ist meine Probe mit dem Gewandhausorchester?“

Berührend sind auch die Worte des 1977 geborenen gemeinsamen Sohnes Ken-David Masur. Seiner Mutter dankt er für ihre „Liebe und Aufopferung“, seinem „lieben Paps“ für seinen Glauben an den Frieden, die Konzerte mit ihm und für die, die nun in stillem Gedenken an ihn stattfinden.

Sternstunde mit Anne-Sophie Mutter

So wie dieses, das mit einer Sternstunde zu Ende geht, mit dem Weltstar Anne-Sophie Mutter an der Geige. 2008 hatte sie selbst den Mendelssohn-Preis bekommen und im Großen Concert Mendelssohns 1845 in Leipzig uraufgeführtes Violinkonzert in e-moll gespielt. Damals dirigierte der Dirigent, den sie wie keinen anderen bewundert: Kurt Masur.

Der Ernst, die absolute Konzentration, das Licht und auch der leise Schatten, mit dem sie im fast schwarzen Kleid diese unmittelbar zum Herzen sprechende, wunderbare romantische Halsbrecherei spielt, sie machen mit den ersten Klängen klar: Die 52-Jährige spielt für ihn, zu Kurt Masur, in den Himmel. Minutenlang und stehend donnert am Ende der Applaus, übersetzt sich die stille Berührtheit der Zuschauer in Bewegung, während sich auf der Bühne Anne-Sophie Mutter, Joachim Gauck und Tomoko Masur umarmen und an den Händen halten.

Von Jürgen Kleindienst

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