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In der Leipziger Eisenbahnstraße gibt’s Lesestoff mit Hafermilch

Kulturapotheke In der Leipziger Eisenbahnstraße gibt’s Lesestoff mit Hafermilch

In der Leipziger Kulturapotheke gibt es Kaffee und Bücher nicht auf Rezept, aber auf Bestellung. David Groebner verbindet Buchladen mit Gastronomie mit Musik – und all das mit Menschen.

Kaffee und Bücher gibt’s nicht auf Rezept, aber auf Bestellung: David Groebner in der Kulturapotheke.
 

Quelle: Kempner

Leipzig.  „Und so bin ich in die Gastronomie reingewachsen.“ David Groebner drückt die richtigen Tasten, der Espresso fließt in eine sehr geblümten Sammeltasse vom An- und Verkauf, die zwar nicht perfekt zur Untertasse passt, dafür sehr gut ins Ambiente der ehemaligen Falken-Apotheke in der Leipziger Eisenbahnstraße.

Eigentlich betreibt David Groebner als Buchhändler und Veranstalter die „Kulturapotheke“, kurz „KuApo“, als Buchhandlung mit Gastronomieanschluss. Vielleicht ist es aber auch umgekehrt. Der 36-Jährige hätte sich nicht getraut, heutzutage noch einen klassischen Buchladen zu eröffnen. Schließlich hat er lange genug in der Branche gearbeitet, zuletzt im „Bücherwurm“ in der Gorkistraße. Den gibt es nicht mehr. Außerdem wollte er längst etwas ganz anderes, etwas, das so ist wie das Viertel vor den hohen Scheiben: bunt und vernetzt; unberechenbar und dennoch treu; gewachsen, jedoch längst nicht fertig.

Kulturapotheke in der Eisenbahnstraße/Ecke Elisabethstraße

Kulturapotheke in der Eisenbahnstraße/Ecke Elisabethstraße.

Quelle: André Kempner

Hier, kurz vor dem Torgauer Platz, wirkt Leipzig sehr lebendig. Über der „KuApo“ sitzen ein russischer Kulturverein und ein Steuerbüro. Das Transparent am Haus nebenan fordert „Räumung verhindern“. Auf der anderen Seite schließt sich ein „Barber Shop“ an, gegenüber gibt es russische Lebensmittel und deutsche Versicherungen. Die Bars und Kneipen in der Nachbarschaft geben nicht auf Anhieb preis, ob sie gerade geschlossen oder gerade eröffnet haben. In den benachbarten Straßen stehen „die schönsten Häuser im Jugendstilbereich“, findet Groebner, etliche werden gerade saniert. Eben noch warb hier ein Wahlplakat für „Bezahlbareren Wohnraum JETZT!“. Womöglich ist es dafür zu spät.

David Groebner kam genau richtig. 1981 in München-Schwabing geboren, was man ihm nicht anhört, hat er nach dem Abitur zunächst ein Jahr in Indien gelebt, später in Frankreich, dann in Namibia. Er hat Buchhandel und Kulturwissenschaften studiert, in kleineren und größeren Buchhandlungen gearbeitet und immer wieder für kleinere und größere soziokulturelle Projekte mit Ideen vom solidarisch gemeinschaftlichen Leben; man kann auch sagen: mit Idealen. Dazu gehörte zuletzt das Mehrgenerationen-Hausprojekt „SchönerHausen“ im Leipziger Osten.

Fast wie in einem Wiener Kaffeehaus

Fast wie in einem Wiener Kaffeehaus.

Quelle: André Kempner

Dennoch zieht Groebner, der seit sechs Jahren in Leipzig lebt, demnächst in einen anderen Stadtteil – der Miete wegen. Denn hier in Volkmarsdorf wird nicht nur viel saniert, es wird inzwischen auch reichlich Miete dafür verlangt. Was bei ihm die Frage aufwirft, ob er mit seiner „KuApo“ womöglich Teil eines Problems ist, gegen das er sich seit Jahren engagiert: Gentrifizierung. Für ein paar Sekunden verstummt er und schaut über sein Arrangement der Gemütlichkeit hinweg auf die Kreuzung hinaus, über die im Fünfminutentakt die Straßenbahnen der Linien 3 und 8 rauschen.

Für seine Sorge sprechen ein paar Klischees – dagegen spricht Groebner selbst mit dem, was er tut und plant. Zum Strukturwandel gehört eine Speisekarte, auf der vegane Tagessuppe neben vegetarischer Quiche steht. Der Schoko-Kuchen ist glutenfrei, der Kaffee stammt – fair trade – von einer Kooperative in Nicaragua, sanft köchelt der Masala Chai. Soja- oder Hafermilch verstehen sich von selbst.

Das alles gibt es nicht auf Rezept, sondern auf Bestellung. Nebenbei die Möglichkeit, zwei Kaffee zu bezahlen und nur einen zu trinken – der andere geht als Spende an Bedürftige. Überraschend verspielt wirkt hier das Alice-im-Wunderland-WC, in dem Hörspiele laufen sollen. Für die Abende organisiert Groebner regelmäßig Klezmer-Konzerte, auch arabische Bands treten auf.

Bei ihm wirken Wandel und Wachsen nicht wie angewandtes Hipstertum, sondern wie gelebte Selbstverständlichkeit. So wie er Kredite eben bei Genossenschaftsbanken aufnimmt und Bücher über Genossenschaften bestellt. Das kleine Küchenteam ist international und multiinteressiert: Clint zum Beispiel, aus Toronto, hat einen philosophschen Literaturkreis.

Bücher gibt es auf rund 30 Quadratmetern

Bücher gibt es auf rund 30 Quadratmetern.

Quelle: André Kempner

Von den rund 140 Quadratmetern der alten Apotheke sind knapp 30 den Büchern vorbehalten. Dort greifen nicht die Bestseller-Stapel der Branchenriesen Raum, sondern liegt Handverlesenes aus dem Angebot unabhängiger Verlage. Die lädt Groebner zu Vorstellungsabenden ein: Als erster war Guggolz da, der in diesem Jahr den Kurt-Wolff-Förderpreis erhalten hat. Berenberg und der cass verlag für zeitgenössische japanische Literatur folgten. Am 3. November wird der Verbrecher Verlag zu Gast sein, später Voland & Quist.

Überhaupt sollen junge Autoren eine Bühne bekommen – am 17. Oktober liest Svenja Gräfen, Jahrgang 1990, aus ihrem Debütroman „Das Rauschen in unseren Köpfen“, der bei „Ullstein fünf“ erschienen ist, dem frischen Imprint des Verlags. Weil sich um Poetry Slam schon so viele andere kümmern, will Groebner ein Impro-Lyrix-Format in Angriff nehmen.

In den Verkaufsregalen finden sich neben deutschsprachigen Ausgaben ein paar Exemplare in Französisch, Arabisch oder Farsi, Türkisch, Russisch oder Spanisch – Sprachen, die im Viertel gesprochen und gelesen werden. Die Tipps bekommt er von Bekannten, etwa dem iranischen Autor Abbas Maroufi, der in Berlin einen kleinen Exilverlag führt.

Der kleinste Raum ist für die Kinder

Der kleinste Raum ist für die Kinder.

Quelle: André Kempner

Seinen soziokulturellen Traum lebt Groebner im originalen Interieur praktikabler Eleganz, einem Ambiente, das ihn „an Wiener Kaffeehäuser erinnert“. Als er die Räume, die seit 2012 leer standen, vor zweieinhalb Jahren entdeckt hat, mochte er sofort den „schönen Ort“ wie auch die Idee, ihn „möglichst vielen Leuten zugänglich zu machen“. Der kleinste der Räume dient als Kinderzimmer. Für die Bücher dort hat ihn seine 7-jährige Tochter beraten und etwa „Udo braucht Personal“ von Jana Heinicke und Joëlle Tourlonias empfohlen. Der Kulturapotheker braucht Mitstreiter. Weil sein Geschäftspartner kurz nach der Eröffnung im Juli abgesprungen ist, musste der Buchhändler und Veranstalter „in die Gastronomie reinwachsen“.

„Wenn es mir schlecht geht, gehe ich nicht in die Apotheke, sondern zu meinem Buchhändler“, wird der französische Schriftsteller Philippe Djian gern zitiert. Hier wirbt der Spruch im Schaufenster, vor dem Passanten stehenbleiben, schauen. Einer rüttelt an der Tür. Noch ist erst ab 13.30 Uhr geöffnet. Das soll sich ändern. Der Laden „wächst mit dem, was gewünscht ist“, sagt David Groebner. Er wünscht sich, dass Menschen und Welten zusammenfinden – vor und hinter Büchern, vor und hinter dem Tresen, jenseits von Klischees.

Lesung mit Svenja Gräfen: 17. Oktober, 20 Uhr;

Konzerte: 12. Oktober: Bassarabia Banda (Electric Balkan Jazz aus Leipzig); 19. Oktober: Dobranotch (Jewish, Gypsy und Balkan Musik aus St. Petersburg); 26. Oktober Jaakko Laitinen & Väärä Raha (alte und neue Romalieder, russische Romanzen und finnischer Tango);

Verlagsabend mit dem Verbrecher Verlag: 3. November, 20 Uhr;

 Kulturapotheke, Eisenbahnstraße 99

Von Janina Fleischer

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