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In vollem Ornat: 21.000 Gruftis beim 22. Wave-Gotik-Treffen

In vollem Ornat: 21.000 Gruftis beim 22. Wave-Gotik-Treffen

Ein reines Szene-Ereignis ist das Wave-Gotik-Treffen längst nicht mehr. Nicht unbedingt müssen die Gäste in den auffälligsten Klamotten überhaupt im Besitz eines der 21.000 verkauften Tickets sein, um eines der mehr als 200 Konzerte zu erleben.

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Eine von 21.000: Tisbeth (39) aus Venezuela.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Womit die Schwarze Szene freilich gut umgehen kann - Eindrücke von der 22. Ausgabe und dem Schaulaufen seiner (Zaun-) Gäste.

Freitagnachmittag, Clara-Zetkin-Park. Das Viktorianische Picknick war vor etlichen Jahren von der belgischen Künstlerin und Szene-Ikone Viona Ielegems ins Leben gerufen worden, um die stilbewussten Gothics mit Hang zu pompöser Romantik und barocker Kostümierung zu versammeln. Inzwischen ist es kein Subgruppen-Meeting mehr, sondern ein von beiden Seiten inszeniertes Aufeinandertreffen von Voyeuren und Exhibitionisten. Nicht schlimm, so lange es beide Seiten wollen, auch kein Ausverkauf der Szene-Werte. Es bildet nur eine Facette der schwarzbunten Gothic-World ab. Wenn auch jene, die von den meisten wahrgenommen wird, wozu die Schnappschussjäger der Medien das Ihrige beitragen.

Jene Prachtgruftis jedoch, die tagsüber durch die Innenstadt wandeln und sich freundlich-willig Hunderte Male ablichten lassen, sind in erster Linie deshalb beim Treffen. Ihre aufwendigen Kostüme sind für die Gedränge vor den nächtlichen Konzertbühnen der fast immer rappelvollen Clubs und Hallen völlig untauglich, sie passen auch nicht in die Stuhlreihen bei den Lesungen. Viele der Schauläufer ziehen sich am Abend noch mal um, etliche haben gar keine Treffen-Karte. Die Trends in der Goth-Couture, der eher karnevalesken Seitenströmung der Bewegung: Schwarz ist nicht mehr dominierend in der Reifrockfraktion, Cyber-Goth stirbt - beweint von sehr wenigen - aus, Steampunk ist weiter stark im Kommen. Warum nicht, das ist schön anzusehen.

Hauptort des Treffens ist natürlich das Agra-Messegelände. Am Eingang stehen die gierigen Knipser Spalier. Das mutet fast wie ein Spießrutenlauf an, die wenigen, auf die sie es abgesehen haben, nehmen es aber locker. Sie haben sich ja genau deshalb so herausgeputzt. Drinnen dann endlich der viel entspanntere treffeninterne Catwalk zwischen der Agra-Halle und den Fressbuden. Natürlich alles Öko und Bio. Und wenn viel weiter hinten Geklapper von Büchsen ertönt, dann ist das der Treffenkindergarten, wo die Jungzombies mit Stoffkugeln Dosen-Pyramiden zusammen ballern. In der Alterspanne hat das WGT längst jede Grenze geknackt. Am Stand für ayurvedische Küche gibt es auch Seniorenteller - und es ist ausreichend Kundschaft dafür da.

Größte Gothic-Shopping-Mall

Die übliche Runde über den Treffenmarkt: Für vier Tage entsteht in der Agrahalle die größte Gothic-Shopping-Mall der Welt. Hier gibt es alles, was das schwarzromantische Herz begehrt, vor allem natürlich Klamotten und Schmuck. An den S/M-Ständen wird mit großen Augen bestaunt, was für Dinge man sich in Körperöffnungen einführen kann, man fragt sich besorgt, wie so etwas einvernehmlich möglich ein soll. Renner in der Rubrik Szene-Humor ist noch immer die Grufti-Parkuhr mit Sensenmann und dem Spruch "Wem die Stunde schlägt!" über der Wahlscheibe. Umsonst zum Mitnehmen gibt's ein kleines Döschen "Mints des Todes": Okay, du bist schon tot, aber man muss es ja nicht gleich aus deinem Mund riechen!

Am Einlass ins Heidnische Dorf tritt drastisch ein Phänomen zu Tage, das die Treffenleitung etwas abschätzig mit "Trittbrettfahrerei" bezeichnet: Eigentlich sollten die Mittelaltermärkte auf der Moritzbastei und am Torhaus Dölitz Begegnungsorte der Szenegänger mit den Leipzigern werden. Man sollte sich ein wenig vermischen, miteinander ins Gespräch kommen. In der langen Schlange für die Einlass Begehrenden ohne Treffenbändchen stehen aber überwiegend Gothics in vollem Ornat: Sie sind zwar wegen des Wave-Gotik-Treffens hier, kaufen aber keine Gesamtkarte für 89 Euro, sondern treffen sich tagsüber mit Freunden und besuchen nachts jene Veranstaltungsorte, wo auch an bändchenlose Gäste Tickets verkauft werden (etwa die Moritzbastei), oder die, welche nicht zu den Treffen-Lokalitäten zählen, aber trotzdem auf den Schwarzen Kanal umschalten. Viele können nur zwei Tage kommen und wollen nicht für vier zahlen - Tageskarten gibt es aber nicht, da ist die Treffenleitung konsequent. Und bietet statt dessen den neben 21000 Ticketkäufern mehreren Tausend Mitfahrern ohne Fahrschein die Chance, am Geschehen teilzunehmen, indem beispielsweise die Qualität der Programme auf den beiden Bühnen des heidnischen Dorfes immer weiter erhöht wird.

Beliebter Treffpunkt der Zaungäste ist auch der Clara-Park, wo man es sich um die Parkbühne herum bequem macht. Die Versorgung ist gesichert, akustisch ist alles bestens zu vernehmen. Am Sonntagabend sind Deutschlands Gothic-Metal-Pioniere Crematory zu Gast. Die spielten in den 90ern mal auf einer Höhe mit Paradise Lost oder Amorphis, haben sich zwischenzeitlich mal aufgelöst, aber bis heute nichts verlernt. Andere Farben als Schwarz gibt es hier kaum zu sehen, die meisten Haartrachten verzichten auf jede künstliche Formung: Diese Lang-Mähnen werden von Wind und Schwerkraft frisiert. Die Ränge sind bestens gefüllt, die Stimmung grandios. Wenn Sängerschwergewicht Felix in breitem Pfälzisch seinen Gitarristen ob seiner hessischen Herkunft aufzieht, hat das was sehr Familiäres, bei den alten Hits wie "Tears Of Time" jubeln die Dunkel­metaller hemmungslos.

Auch sonst verläuft fast alles nach Plan. Die beiden amerikanischen Industrial-Projekte Prurient und Vatican Shadow fallen aus - es sind Solo-Performances des gleichen Künstlers. Einziger Wermutstropfen vielleicht: Im städtischen Schauspielhaus macht die gegenwärtige Möblierung Konzerte fast unmöglich. Das ist sehr schade, denn hier war immer ein wunderbarer Spielort für jene Bands, deren ausufernd-epische Werke entspannt sitzende Zuhörer erfordern. Musik, die im unruhigen Geschiebe vor einer Clubbühne einfach nicht ihre Aura entfalten kann. Das konnte nicht kompensiert werden, auch wenn das alte Landratsamt einen ganz eigenen Charme hat.

Man wird wiederkommen

Montagnacht in der Moritzbastei. Unglaublich, nach vier Tagen Met, Spaß und traurigem Gesang feiern immer noch Tausende. Viele scheinen gerade in der Abschlussnacht noch mal alles zu geben zu wollen. Und in den Gewölben bemerkt man beim Tanzen nicht, wie draußen die Sonne aufgeht. Schnell sind die Tage rum, man wird wiederkommen.

Und das freut die Leipziger. Sie versichern sich gegenseitig, wie originell diese Gruftis doch eigentlich sind, wie brav sie die Auslastung der Hotels befördern und überhaupt, wie weltoffen und tolerant man doch sei. Nun ja, wenn der Geruch nach Patchouli in der Straßenbahn nicht wäre. Aber sonst eitel Freude. Nach 22 Jahrgängen hat es sich herumgesprochen, dass von diesen eigentümlich gewandeten Leuten keinerlei Gewalt gegen andere oder Dinge ausgeht. Gothics sind meist freundlich, lärmen nachts nicht betrunken herum und werfen ihren Müll in die dafür vorgesehenen Behälter, wenn welche da sind. Da ist es nicht schwer, von allen geliebt zu werden.

Es wird manchmal vergessen, dass die Gothic-Kultur in bewusster und konsequenter Abwendung von der zeitgeistigen Spaßgesellschaft entstanden ist und sich noch heute so sieht. Freundliche Akzeptanz durch Mehrheiten ist eigentlich der sicherste Garant für den Untergang einer alternativen Bewegung. Bleibt zu hoffen, dass Gothic auch diese Gefahr übersteht.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 21.05.2013

Lars Schmidt

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