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Indianer und andere Superhelden: Tolles Album der Leipziger Band Karl die Große

Soundcheck L.E. Indianer und andere Superhelden: Tolles Album der Leipziger Band Karl die Große

Nach zwei EPs in fünf Bandjahren nun der große Wurf: Mit dem Debüt „Dass ihr Superhelden immer übertreibt“ legt Karl die Große das beste Leipziger Popalbum seit der h-moll-Messe vor.

Nach knapp fünf Bandjahren legt Karl die Große das erste Album vor, von links: Yohann Thicé (Gitarre), Clemens Litschko (Schlagzeug, Percussion), Wencke Wollny (Gesang, Texte, Kompositionen), Simon Kutzner (Keyboard, Klarinette), Antonia Hausmann (Posaune) und Christian Dähne (Bass).

Quelle: Sonja Stadelmaier

Leipzig. „Dass ihr Superhelden immer übertreibt“, ist natürlich schon mal ein sehr schöner Titel für ein deutschsprachiges Popalbum. Und wie Bass, Schlagzeug und Gitarre im gleichnamigen Song loslegen, wie Wencke Wollnys Stimme sich dahin hinaufschwingt, wo unsereinem sonst im Flug der Umhang um die Strumpfhose weht, wie Violine und Cello schließlich das Drama beschwören – das ist fernab irgendeines Leipzig-Boni einfach große Popmusik. Genauer: Karl-die-Große-Popmusik.

Die Leipziger Band existiert seit knapp fünf Jahren, auf die beiden EPs „Mal gucken was passiert“ und „Dichter bei den anderen“ lässt sie nun das Debüt­album mit dem eingangs erwähnten schönen Namen folgen. Und dieses Album hebt die ungewöhnliche Band auf die nächste Stufe. Oder sagen wir: auf die viertnächste. Denn wo die auffällige Instrumentierung mit Posaune und Klarinette zu Keyboard-Gitarre-Schlagzeug-Bass bisher allzu sehr zum Wohlklang verleitete, wurden nun Ecken und Kanten eingezogen. Field Recordings und sachte Elektronik schmirgeln an den Songs herum. Der Sound ist aber nach wie vor warm und voll und atmend. Passend dazu eröffnet das Album mit einem Einatmen und dem „Lied aus Stille“, das glücklicherweise nicht nur aus Stille gemacht ist und einem die „müden Ohren, die soviel Lärm ertragen mussten“, ein erstes Mal wärmt.

Auch „Die Stadt“, im Sommer Vorabsingle zum Album, schält sich ganz behutsam aus der Stille. Sprechgesang à la Francesco Wilking trifft auf Karl-die-Große-typische Haa-aah-Chöre und eine Sängerin, die spätestens in der Zeile „Rot, rot, rot sind alle meine Straßen“ an Sophie Hunger erinnert. Apropos Wilking und Hunger: Man hört dem Album an, welche Musik Wencke Wollny, Kopf und Herz von Karl die Große, hört. Nicht weil sie deren Musik kopiert, sondern weil ihre Band versucht, deren Attitüde zu spiegeln. Zu den Genannten müsste man mindestens noch Leslie Feist hinzufügen. „Es ist mir wichtig, dass Sophie Hunger und Feist meine Musik hören“, sagt Wollny, „weil sie so großen Einfluss darauf haben“. Also hat sie neulich auf einem Festival Feists Tontechniker eine Karl-CD in die Hand gedrückt.

Hinreißendes Duett mit Moritz Krämer

Wie an Sophie Hunger ranzukommen ist, wird sich zeigen. Dass Wilking und seine Band Die Höchste Eisenbahn das Album aber hören, muss nicht angezweifelt werden. Schließlich ist Moritz Krämer Gast auf der Platte, singt mit Wollny das hinreißende Duett „Cowboy und Indianer“: eine glockenklare Wencke zu Gitarre und Flöte, Moritz schluchzt die zweite Strophe, die hausmannsche Posaune bläst Trübsal dazu – der Indianer möchte sich doch nur einmal als Cowboy verkleiden, weil Schleichen und Spuren-Lesen bei den Mädels nicht so zieht. Dann galoppiert der Song so locker los durch die Prärie, dass man das gesungene „Die beiden auf dem Foto grinsen glücklich Arm in Arm“ deutlich vor sich sieht.

Sicher, Karl die Große wird keine Party-Band mehr werden, die Melancholie legt sich wie eine Decke über einen, die Texte sind von vielen „Ichs“ und „Dus“ durchzogen. Beides wird im Song „Schau mich einmal an“ auf die Spitze getrieben und zugleich konterkariert: „Schau mich einmal an / und ich sag dir, was du nicht kannst“, heißt es dort tocotronisch sloganhaft. Aber „Ich“ und „Du“ sind vertauscht, das Du spricht hier (und wird zum Ich). Das eigentliche Ich entgegnet dessen Pessimismus mit einem beherzten „Reiß deine Arme hoch und ta-hanz!“, dem sich nur entziehen kann, wer keine Arme und kein Herz hat.

Kurzum, Karl die Große hat das beste Leipziger Popalbum seit der h-Moll-Messe vorgelegt. Und das ist nur ein bisschen übertrieben.

Karl die Große: „Dass ihr Superhelden immer übertreibt“ (Kick the Flame/Broken Silence) lässt sich unter anderem für 15 Euro bei www.karldiegrosse.de bestellen. Nächstes Leipzig-Konzert am 2. Dezember, 19.30 Uhr, im Neuen Schauspiel (Lützner Straße 29), Karten für 12/10 Euro bei Culton.

Von Benjamin Heine

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