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Initiator des Bildermuseums: Jan Nicolaisen über Adolph Heinrich Schletter

Interview mit Kurator Initiator des Bildermuseums: Jan Nicolaisen über Adolph Heinrich Schletter

Auf Adolph Heinrich Schletter (1793-1853) geht die Gründung des Museums der bildenden Künste in Leipzig zurück, doch über ihn und seine Sammlung ist kaum etwas bekannt. Das ändert sich nun mit einer Ausstellung und neuen Forschungen. Im Interview spricht Kurator Jan Nicolaisen über den Mäzen und seine Vorliebe fürs Dramatische.

Alexandre Calame Vevey (1810–1864): Die Kette des Monte Rosa bei Sonnenaufgang, 1846, Öl auf Leinwand (Ausschnitt).
 

Quelle: MdbK

Leipzig.  Er ist der Initiator des  Museum der bildenden Künste in Leipzig, aber viel bekannt ist über ihn nicht: Adolph Heinrich Schletter (1793-1853). Der beim Bombenangriff am 4. Dezember 1943 zerstörte Bau auf dem Augustusplatz geht auf seinen letzten Willen zurück, wonach er seine Kunstsammlung unter der Bedingung vermachte, dass fünf Jahre nach seinem Tod ein Museum in der Stadt entsteht. Am 18. Dezember 1858, am Vortag seines fünfjährigen Todestages, wurde das Museum eröffnet. Im Zuge der spektakulären Delaroche/Delacroix-Ausstellung „Geschichte als Sensation“ ist jetzt ein Auszug der Kollektion zu sehen, außerdem wurden Werke restauriert und Hintergründe der Sammlung erforscht. Im Interview spricht Kurator Jan Nicolaisen über das Projekt.

Warum ist über diesen Adolph Heinrich Schletter und seine Sammlung heute so wenig bekannt?

Die Sammlung ist ein Opfer des Geschmackswandels. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts haben sich Museumsleute und Kunsthistoriker von der sogenannten Salonkunst der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts abgewandt, weil diese als unmodern galt. Diese Epoche wirkte nach dem Aufkommen des Impressionismus überholt, die Malweise zu glatt. Viele Jahrzehnte lang hat die Kunstwissenschaft diese Künstler und ihre Bilder ignoriert. In Leipzig wanderten im Laufe des 20. Jahrhunderts viele Bilder aus der Schletter-Sammlung ins Depot. Erst in den letzten Jahren hat sich die allgemeine Missachtung dieser Epoche auch in der deutschen Museumslandschaft etwas gelegt. Im Vorfeld der Ausstellung „Eugène Delacroix / Paul Delaroche - Geschichte als Sensation“ haben wir die Restaurierung wichtiger Werke aus der Sammlung initiiert und mit Hilfe der Hermann-Reemtsma-Stiftung die wissenschaftliche Erforschung der Sammlung intensivieren und neue Gemälderahmen nach historischen Vorlagen anfertigen können.

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Auf Adolph Heinrich Schletter geht die Gründung des Museums der bildenden Künste zurück. Jetzt zeigt das Museum erstmals einen größeren Teil seiner Sammlung. Der Leipziger Mäzen liebte das große Gefühl und das Drama. Zu sehen in der Ausstellung „Geschichte als Sensation“.

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Nun zeigen Sie einen Auszug der Sammlung. Ist das die erste Zusammenschau von Arbeiten aus der Schletter-Sammlung überhaupt?

Wir präsentieren bereits seit der Eröffnung des Neubaus 2004 einen kleinen Ausschnitt von Bildern des 19. Jahrhunderts aus der Sammlung gemeinsam in einem Raum im 3. Geschoss des Museums. Und weitere Werke aus anderen Epochen sind auf das ganze Haus verteilt. Aber unsere jetzige Ausstellung ist die erste Sonderausstellung in größerem Umfang, die dem Sammler seit seinem Tod 1853 gewidmet ist.

Was ist das Besondere an der Sammlung?

Schletter, der Richard Wagner förderte, liebte in der Malerei das Abenteuerlich-Dramatische, das große Gefühl. Ob Krieg, Schiffsuntergang, Kampf gegen Eisbären, Wüstensturm oder wahnsinniger König - nicht alle, aber viele Bilder wollen den Betrachter emotional packen. Er selbst wirkt auf seinen Porträts wie ein eher stiller, ja in sich gekehrter Mensch, aber er umgab sich in seinem Haus mit oft großformatigen Bildern, die überwältigen, zum Beispiel durch einen Sonnenaufgang im Hochgebirge, den Alexandre Calame malte. Schletter lässt sich aber nicht auf einen Geschmack oder eine Stilrichtung festlegen, das macht den vielfältigen Charakter seine Sammlung aus. Wir finden klassizistische, romantische und realistische Bilder nebeneinander. Das spricht für einen weiten Horizont des Sammlers, den man im Übrigen auch daran erkennen kann, dass sich der Leipziger für die französische Kunst der Gegenwart mehr interessierte als für die zeitgenössische deutsche Malerei. Seine Geschäftsreisen unter anderem nach Paris und Lyon verknüpfte er mit dem Besuch von Künstlerateliers und Ausstellungen. Wir zeigen als Ergänzung zur Delacroix/Delaroche-Ausstellung vor allem die französischen Gemälde aus seiner Sammlung. Die Gegenüberstellung „seiner“ Franzosen mit den Werken von Delacroix und Delaroche ist extrem erhellend und spannend. Delacroix war ihm wahrscheinlich zu wild in der Handschrift, obwohl er das Wilde im Thematischen mochte.

Wer war dieser Adolph Heinrich Schletter?

Schletter war ein erfolgreicher Seidenkaufmann und Kunstsammler, dessen Eltern das Rittergut Cospuden besaßen. Nachdem er durch den Seidenhandel wohlhabend genug geworden war, erwarb er seit 1839 Kunstwerke, die er ab 1841 in seinem Haus in der Petersstraße 26 öffentlich ausstellte. Aber er unterstützte auch Schauspieler und Musiker, war mit Clara und Robert Schuhmann befreundet, und spendete sozialen Einrichtungen. Er blieb kinderlos und vermachte seine Kunstschätze daher der Stadt Leipzig, aus Museumssicht der perfekte Sammler.

Das Gemälde „Napoleon in Fontainebleau“ von Paul Delaroche war mit 12.000 Francs das teuerste Bild der Sammlung. Und es ist nicht umsonst das Plakatmotiv der Ausstellung. Warum war dem Sammler dieses Bild so wichtig?

Delaroche schuf mit dem Bild einen Napoleon, wie man ihn noch nie gesehen hatte: als Verlierer. Kein Maler hatte zuvor den vielbewunderten Herrscher als eine gescheiterte historische Figur in solch realistischer Malerei inszeniert. Das Gemälde war um 1845/50 wahrscheinlich eines der bekanntesten französischen Bilder in Europa, das auch der preußische Historienmaler Adolph von Menzel und der sächsische Romantiker Carl Gustav Carus bewunderten. Das europäische Kunstpublikum labte sich mit diesem Bild, das auf eine internationale Tournee nach Berlin, Wien und Prag ging, in gewisser Weise am Sturz des gefallenen Herrschers, der Europa jahrelang in Atem gehalten hatte. 1813 hatte Schletter im Zuge der Befreiungskriege im Corps der freiwilligen Sachsen gegen die Napoleonische Armee gekämpft, vielleicht war auch das ein Grund dafür, 32 Jahre später das Gemälde des niedergeschlagenen Napoleon von Paul Delaroche zu erwerben. Daneben hat er die künstlerische Qualität dieses Meisterwerks erkannt, das noch heute fasziniert.

Es gibt verschiedene von Delaroche selbst hergestellte Repliken des Bildes. Ist das Leipziger das Original und wie können Sie das belegen?

Das Leipziger Bild ist die erste von insgesamt sieben Versionen. Im Leipziger Stadtarchiv wird ein Brief des Künstlers an Schletter aufbewahrt, in dem dieser ihm bestätigt, das Original zu besitzen.

Gibt es andere Museen/Institutionen, die das Bild haben, und nun erst erfahren mussten, dass sie nicht im Besitz des Originals sind?

Ja, das Musée de l´Armée in Paris zeigt eine Replik, sehr ähnlich und gleichgroß, aber eben später entstanden. Im Zuge der Vorbereitung der Ausstellung hat man aber auch in Paris eingesehen, dass es sich bei dem Leipziger Bild um das Original handelt.

Von den 108 Werken, die durch Stiftung oder Schenkung Schletters in den Bestand des Museums kamen, sind heute 29 Gemälde und sechs Plastiken ausgeschieden. Wo sind die hin?

Einige Werke sind verkauft, andere im Zweiten Weltkrieg vernichtet und die meisten an den Auslagerungsorten gestohlen worden. Um die Kunstwerke vor den Bomben zu retten, wurden sie ausgelagert, dort aber nach dem Kriegsende wohl oftmals von Mitgliedern der Sowjetarmee nach Russland gebracht, wo sie sich zum Teil noch immer befinden. Eine weitere Recherche nach dem Verbleib dieser Bilder wäre wünschenswert.

Bis 17. Januar im Museum der bildenden Künste in Leipzig, geöffnet Di, Do-So 10-18, Mi 12-20 Uhr. Einen Vortrag über die politischen Bilder von Eugène Delacroix und Paul Delaroche hält am Donnerstag um 18 Uhr die Kunsthistorikerin Claudia Hattendorff

Von Jürgen Kleindienst

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