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Inneres Brennen: Mario Schröders Ballettabend „Van Gogh“ an der Oper Leipzig

Premiere Inneres Brennen: Mario Schröders Ballettabend „Van Gogh“ an der Oper Leipzig

Impressionen aus dem Leben eines Impressionisten. Mit „Van Gogh“ durchtanzt das Leipziger Ballett in 140 Minuten und fünfzehn szenischen Bildern eine Künstlerexistenz zwischen bitterem Scheitern und grandiosem Schaffen.

Alles im Rahmen in der Oper Leipzig.

Quelle: Leipzig report

Leipzig. Impressionen aus dem Leben eines Impressionisten. Das Drama des begabten Kindes und die Einsamkeit des Genies als choreographische Allegorien des Scheiterns: Mit „Van Gogh“ durchtanzt jetzt das Leipziger Ballett in 140 Minuten und fünfzehn szenischen Bildern diese Künstlerexistenz, die geradezu exemplarisch eine zwischen bitterem Scheitern und grandiosem Schaffen ist. Am Freitag hatte die Inszenierung Mario Schröders nach einem Szenarium von Maxim Dessau im ausverkauften Opernhaus Premiere.

Ein Biopic-Reigen in so pragmatisch chronologischer Abfolge, als hätte ihn ein Hollywoodproduzent kreiert. Bloß nichts komplizieren! Klar strukturiert, entlang an wichtigen biografischen Stationen, geht es vom ersten Bild „Kindheit und Jugend“ zum „Abschied von Daheim“, um unmittelbar darauf „Im Kunsthandel“ zu landen. „Die Ärmsten der Armen“ sieht man bald ebenso tanzen, wie den Maler in „Schmerz“, „Trauer“ oder im „Malrausch“. Es gibt die Innenschauen wie bei „Nachhall und Vergebung“ (Vincent vergibt dem toten Vater), oder die „Vergitterten Seelenlandschaften“, die von der Unmöglichkeit sprechen, aus dem Schatten von Prägungen, Erfahrungen, mithin dem Käfig der eigenen Persönlichkeit, zu entkommen. Und es gibt immer wieder die Sinnbilder einer Entfremdung zwischen sensiblem Individuum und einer Gesellschaft, die zwischen religiöser Bigotterie und kaltem Effizienzdenken jegliche Sensibilität, mithin Individualität, zu verbannen sucht.

Dynamisches Familienpsychogramm

Am auch emotional intensivsten verschmilzt all das gleich zu Beginn, in „Kindheit und Jugend“. Zu den scharf schneidenden, unerbittlich treibenden Akkorden aus Strawinskys „Symphony in Three Movements“ entspinnt sich in nüchtern gehaltenem und zwischen Beengung und Weite effektvoll variierendem Bühnenraum, ein dynamisches Familienpsychogramm zwischen extremer Gefühlskälte und der Suche nach Nähe. Und mag auch der Kontrast zwischen dem strengen, protestantischen Schwarz der Kleidung und dem klinischem Weiß der Kulisse samt passend bleicher Lichtsetzung (Bühne, Kostüm: Paul Zoller, Licht: Michael Röger) etwas zu Forciertes haben: Die Wirkung gibt dem Ganzen recht.

Das gilt auch für jene Szenen zwischen dem kleinen Vincent (hinreißend, weit über den Ach-wie-süß-Effekt hinaus: Peter August Bertel) und seinem Vater. Den gibt Piran Scott in einer stilisiert körpermächtigen Überpräsenz. Eine auch mal an der Grenze zur Karikatur schrammende Figur (etwa beim etwas inflationärem Gefuchtel mit der Bibel), die aber zugleich glaubwürdig eine schon horrorhafte Kraft aufzeigt.

Eine Kraft, die sich auch tänzerisch wie aus Kälte und Kontrolle fügt – und der gegenüber, auf der anderen Seite eines unüberwindbaren Charaktergrabens, Vincent steht. Kraftvoll auch der – nur ist seine Kraft eine des inneren Brennens. Ein Mensch im Taumel der Selbstverausgabung. Wie Oliver Preiß, als Van Gogh fast in jeder Szene auf der Bühne, diese Kraft auch in der Entkräftung einfängt, ist, wenn auch manchmal etwas zu sportiv aufscheinend, nichtsdestotrotz imponierend. Immer wieder ist da eindringlich das verzweifelte Ausscheren aus der Norm, das einsame Zusammenbrechen am Bühnenrand, immer wieder das Aufraffen und Zurückkehren ins Geschehen dahinter, ins „Leben“.

Dessen Darstellung sich indes, zumal im Mittelteil, ziemlich zu ziehen beginnt. Van Gogh mag ja brennen – die Dramatik glimmt eher. Weil eben ein Zuviel an „Handlung“, die choreographischen (Sinn-)Bilder immer öfter zu bloßen Illustrationen des Biographischen schrumpfen lässt. In die Breite geht noch einiges, in die Tiefe nicht mehr so viel. Und mögen Tänzer zwischen schwebenden Pinseln als trippelnde Staffeleien oder beim Spitzentanz mit Goldrahmen (Kapitel „Malschule“) irgendwie noch pittoresk anmuten, so wird soziales Elend in einem Szenario wie „Bei den Ärmsten der Armen“ auch schon mal ästhetisch wattiert.

Schmerzlich-schöner Traum-Tanz

Dass derlei Schwächen vor allem bei „gesellschaftkritischen“ Tableaus herausstechen, mag man bezeichnend finden. Auch wie im Gegenzug Schröder die „privaten“ Szenen gelingen. Die zwischen Vincent und Theo (mit markanter Zurückhaltung: Lou Thabart), oder jener unmittelbar berührende Pas de deux, den Preiß und Urania Lobo Garcia (als schwangere Prostituierte Clasina) zum schmerzlich schönen und kurzen Traum-Tanz vom privaten Glück erwecken.

Unter der musikalischen Leitung von Tobias Engeli, spielt dazu das Gewandhaus den Soundtrack zum Choreographie-Biopic. Verfügt aus einer Auswahl Maxim Dessaus, wartet die neben Strawinksy mit Kompositionen von Benjamin Britten, Leoš Janácek oder Charles Ives auf. Ein Mix klassischer Moderne, der angesichts seiner dramaturgischen Konzeption in dieser Ausschließlichkeit durchaus als doch ein wenig zu naheliegend bekrittelt werden könnte. Allein: diese Musik zu hören, ist großartig. Begeisterter Applaus fürs Orchester. Eine Spur verhaltener der für die Choreographie. Zu erwarten war beides. Angemessen auch.

Weitere Vorstellungen: 26. Februar (18 Uhr), 3. März, 19. Mai, 20. Juni (19.30 Uhr), Oper Leipzig, Karten (15 bis 78 Euro) gibt es an der Kasse im Opernhaus, unter Tel: 0341 1261261 (Mo–Sa 10–19Uhr) oder unter www.oper-leipzig.de

Von Steffen Georgi

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