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Intellektuelle Fleißarbeit: Die Hass-Revue „La Haine“ in den Cammerspielen

Premiere Intellektuelle Fleißarbeit: Die Hass-Revue „La Haine“ in den Cammerspielen

Das Berliner Musiktheaterkollektiv „Glanz & Krawall“ ist den Cammerspielen in der Hass-Revue „La Haine“ derzeit der menschlichen Mussgunst auf der Spur.

Hasserfüllt: Katrin Kaspar, Luise Lein und Kara Schröder (von links).

Quelle: André Kempner

Leipzig. Im Sauseschritt düst niemand über die Bühne und bringt die Liebe mit vom Himmelsritt. Nein, in „La Haine“, erklärtermaßen eine „Hass-Revue“, bleibt es bis zum Schluss bei der These, die eine Stimme aus dem Off zu Beginn formuliert: „Der Mensch ist ein Hasswesen.“ Die Schauspielerinnen Katrin Kaspar und Kara Schröder illustrieren das zuerst in einer Art französisch-deutschem Simultanspiel. Theater solle nicht das Leben darstellen, sondern es in seiner Wahrheit hervortreten lassen, heißt es da zudem.

Was so ungefähr der Anspruch des Berliner Theaterkollektivs „Glanz & Krawall“ sein mag. Ein Musiktheater zu finden, „das etwas über die Welt erzählt“, formuliert die Gruppe um Regisseurin Mariella Sterra jedenfalls in einem programmatischen Text zur eigenen Arbeit als Ziel. In der Revue „La Haine“ sind etliche Textfetzen der abendländischen Kulturgeschichte Hilfsmittel dieser Suche.

„Der Krieg ist aus der Welt gekommen, der ewige Friede hat ihn erbärmlich beerbt“, raunt etwa Schröder aus einem Gedicht Georg Heyms. „Ich verwandle die Milch meiner Brüste in tödliches Gift“, klingt bald Heiner Müllers „Hamletmaschine“ an. Nun liegt die Funktion dieser Zitate wohl weniger auf der inhaltlichen Ebene als darin, eine hässliche Atmosphäre zu erzeugen. Sinnlich gelingt das, wozu die Marseillaise in all ihrer Grausamkeit entscheidend beiträgt. „Unreines Blut, es tränke unsere Felder“.

Albernheit und das großes Drama

Der Hass, lässt sich aus der intellektuellen Fleißarbeit schließen, war schon immer maßgeblicher Faktor menschlichen Denkens und Handelns. Kein Entrinnen? Nur John Cages Nichtstück „4’33“ dient als Intermezzo der Zuneigung. Vier Minuten und 33 Sekunden Stille – Kaspar, Schröder und Sängerin Luise Lein liegen sich in den Armen. Doch ein „Vogel des Hasses“ beendet die positiven Gefühle. Als Plüschtier verkleidet, stellt Schröder mit österreichischem Dialekt fest, dass „der Mensch ein politisches Geschöpf ist, das seiner Gattung gar nichts gönnt“. Patriotismus nenne man diese Missgunst. Näher kommt man mit dem kulturhistorischen Fokus den Hass­tiraden der Gegenwart leider nicht.

Auf Albernheit folgt im Szene-Reigen rasch großes Drama. Der ulkige Vogel tritt ab, schon bebt der Saal ohrenbetäubend und im Stroboskop-Licht. Das sieht gut aus auf Wiebke Bachmanns Europalettenbühne. Und Luise Lein singt schlicht grandios, so wie auch Katrin Kaspar und Kara Schröder im gesamten Stück mit toller Wandlungsfähigkeit und Präsenz überzeugen. Eigentümlicherweise berührt das Ganze trotzdem nicht. Oder besser gesagt: erst, als die drei zum Schluss sehr charmant PJ Harveys „Written on the Forehead“ interpretieren: Unpassend gut gelaunt verlässt man das Theater, im Sauseschritt geradezu.

„La Haine“, wieder Freitag, Samstag, je 20 Uhr, und Sonntag, 18 Uhr, Cammerspiele (Kochstraße 132), Eintritt 10/6 Euro

Von Mathias Wöbking

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