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Intellektuelle Sehkraft: Der neue Roman von Silvia Bovenschen erscheint

Intellektuelle Sehkraft: Der neue Roman von Silvia Bovenschen erscheint

Mit "Älter werden" landete Silvia Bovenschen im Jahr 2006 einen Bestseller. Inzwischen veröffentlicht die 1946 geborene Literaturwissenschaftlerin und Essayistin zunehmend literarische Texte.

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Autorin Silvia Bovenschen.

Quelle: dpa

Leipzig. Nach "Wer Weiß Was" (2009) und "Wie geht es Georg Laub?" (2011) ist jetzt der Roman "Nur Mut" erschienen. Eine märchenhafte Krimi-Komödie über das Altsein.

Im Eingang der Villa stehen ein Rollstuhl, zwei Rollatoren und zwei Einkaufswagen. So sieht das aus in einer Alters-WG. Hier leben Charlotte, Johanna, Leonie und Nadine, teilen Salon, Bibliothek und die Mahlzeiten. Ansonsten gehen sie getrennt ihrer Wege, die allerdings kaum weiter führen als bis ins eigene Zimmer. Sie schauen alle in den gleichen Abgrund, sind pleite, schrullig, krank, verwitwet, verlassen. Und alt.

Was das bedeutet, davon schreibt Silvia Bovenschen in ihrem neuen Roman "Nur Mut". Es bedeutet Trauer und Frust genauso wie Weisheit und Gelassenheit. Nur das Lachen kommt zu kurz. Und es bedarf eines Anlasses, all das derart herauszulassen, bis es gut tut. Gleichförmig waren bis dahin die Tage vergangen: "Johanna schrie ihr ,Unerhört' in die Welt; Leonie murmelte oder summte; Nadine drapierte ihre Frisur, ihre Kleidung, Zierkissen und gelegentlich auch Blumensträuße; Charlotte hielt den Laden zusammen." Bis sie mit einem Schlag den Schalter umlegt.

In einer knappen Rahmenhandlung wird die eigentliche Handlung an- und abmoderiert, erzählt Drehbuchautor Jean in Malibu seiner Freundin Mary "eine verrückte Geschichte von verrückten alten Frauen", die in Deutschland aus einer Villa verschwunden sind. Reporter hätten von einem grausigen Fund berichtet. Genaues weiß man nicht, darum folgt die Beschreibung eines Tages, wie er sich in der Villa zugetragen haben könnte.

Manchmal geht der Blick auch nach draußen auf die Uferpromenade, auf seltsame Wesen, die sich nicht zufällig ins Bild schieben, sondern wiederkehren werden für einen Showdown voller (Selbst-)Reflexionen und voller Wahrheiten, die deshalb bitter sind, weil sich nichts mehr ändern lässt. In diesem Moment von Bilanz und Entgleisung erreicht der Roman seinen bizarren Höhepunkt. Hier hätte er enden können.

"Ich war eine idiotische Priesterin des positiven Denkens. Ich hatte meine intellektuelle Sehkraft um fünfzig Prozent gesenkt", sagt Nadine, Mitte 70. "Alles ist Zufall, Konstellation und Mischung, die kleine Erzählung, die wir Biographie nennen, und die größere der Menschheit und die ganz große des Universums auch", weiß Charlotte, Jahrgang 1929, einst Professorin für Paläontologie. Sie hat die Villa, das Geld und das Sagen. Neben den Freundinnen hat sie auch Enkelin Dörte aufgenommen, eine "ratlose Göre von ratlosen Eltern", die in der "maroden Geronten-WG" Symptome einer "Luxusverwahrlosung" zeigt. Sie verkörpert, was den alten Frauen erspart blieb. Wobei Johanna, 82, durchaus bloggt, chattet und "sich noch einmal eine satt zeitenthobene Gegenwart in der Cyberwelt" schafft.

Während Dörte vor der Gegenwart in Zombie-Filme flieht, gönnt Nadine sich die Verfilmung eines Trivialromans: "Ich will nichts mehr lesen, hören oder sehen, das mich beunruhigt. Ich führe einen Krieg gegen meine Hinfälligkeit. Einen Krieg, den ich nicht gewinnen werde. Das ist mehr als beunruhigend. Und wie das so ist, in Kriegen wollen die Menschen Lustspielfilme sehen." Dass ihrer entschlossenen Rede ein Arztbesuch vorausging, erklärt den Wandel. "Die Sensationen dieses Welt - seien sie berauschend oder beängstigend - dringen nicht durch das Grauen, das ich in mir trage. Ist das egoistisch?", fragt sie.

So geht das schon den ganzen Tag. Obwohl bis auf Charlotte keine der Frauen ahnen kann, was sich am Abend zutragen wird, verhalten sich alle anders als sonst. Haushälterin Janina beobachtet mit Beunruhigung, dass Nadine und Johanna, das Ex-Modell und die vergessene Belletristik-Autorin, sich plötzlich etwas zu sagen haben, auch, dass Leonie, die Tieftraurige, heute nicht in der Küche vorbeischaut. Stattdessen verlangt Johanna einen Schnaps. Dann klingelt Herrenbesuch.

Es folgt ein furioses Zerstörungsballett und eine fabelhafte Verhandlung der Frage: Gibt es noch etwas zu hoffen, zu wünschen, zu sagen, zu tun? Jedenfalls gibt es in jedem Leben eine Glücksblindheit, ist in jedem Leben eine Feigheit, ein Mangel, ein Verrat. Silvia Bovenschen schafft Situationen für Kommentare zur Gegenwart - von Krisen-Geschwätz bis Internet-Gläubigkeit. Aus reichlich intellektueller Sehkraft speist sich das Vergnügen an diesem verhalten optimistischen Roman, in dem Charlotte schließlich sagt "Jetzt erst, hier, in diesem Moment der Explosion, im Beisein von drei alten Krähen, bin ich zum ersten Mal ganz gegenwärtig."

Silvia Bovenschen: Nur Mut. Roman. S.Fischer Verlag; 160 Seiten, 16,99 Euro

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 05.08.2013

Janina Fleischer

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