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Intendant Hartmann: „Stars sind keine Garanten für volle Häuser“

Intendant Hartmann: „Stars sind keine Garanten für volle Häuser“

Leipzigs Schauspielintendant Sebastian Hartmann startet seine letzte Saison im Haus mit einer opulenten Premiere: Der 44-Jährige versucht Leo Tolstois vierbändigen Roman „Krieg und Frieden“ in einer mehr als fünfstündigen Inszenierung mit Stargast Heike Makatsch auf die Bühne zu bringen.

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Sebastian Hartmann, Intendant des Leipziger Centraltheaters.

Quelle: Wolfgang Zeyen

Leipzig. Premiere feierte das Stück bereits im Mai bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen, am Donnerstag zeigt Hartmann es erstmals im eigenen Haus. Mit der Nachrichtenagentur dpa sprach er über Tolstois Erklärungskraft in der heutigen Finanzkrise, den Glücksgriff Rainald Grebe und Kritik an mauer Auslastung.

Sie versuchen sich an Tolstois „Krieg und Frieden“ in einer Mammutinszenierung - kann man diesen Stoff überhaupt inszenieren?

Sebastian Hartmann: „Das ist die Frage, was man sich unter Inszenieren vorstellt. Viele stellen sich darunter vor, einen Text in Szene zu setzen. Natürlich kann man 2000 Seiten nicht in Szene setzen, da müsste man ja eine Woche lang Theater machen. Ich finde es einen unglaublichen Luxus, fünf Stunden ins Theater gehen zu dürfen. Das ist auch unglaublich modern. Allerdings ist die Allgemeinheit eher auf die Spielfilmlänge von neunzig Minuten gepolt.“

Wo liegt denn heute noch der Reiz an „Krieg und Frieden“, was kann uns der alte Leo Tolstoi heute noch sagen?

Hartmann: „Tolstoi stellt in seinem Werk wichtige Machtfragen, ja, er entwickelt eine eigene Philosophie. Als wir uns vor einem Jahr entschieden haben, den Tolstoi zu machen, habe ich gedacht: Das passt ja wie die Faust auf’s Auge, wir sind 200 Jahre später im gleichen europäischen Konflikt wie damals. Die Machtveränderungen zwischen Europa und Asien, die Tolstoi da beschreibt, haben wir ja selbst erlebt, nur nennen wir es Wende. Ich nenne es liebevoll Filialerweiterung Ost. Die Wende hat sich völlig anders gesteuert, als das damals gedacht war. Plötzlich steht die vermeintlich starke Europäische Union vor dem Exodus, und ganz andere Machtlager, die man nach dem Zusammenbruch des sozialistischen Weltsystems schon abgeschrieben hatte, sind plötzlich wieder da.“

Tolstoi knüpft auf Hunderten Seiten zahlreiche Handlungsstränge und führt 250 Personen ein. Welche Rolle übernimmt Ihr Gaststar Heike Makatsch und wie konnten Sie sie für das Stück gewinnen?

Hartmann: „Heike hat schon im Stück „Paris, Texas“ mit uns gearbeitet, und wir waren beide nicht unglücklich über diese Kooperation. Wir arbeiten gern zusammen. Wir machen dieses Jahr auch noch eine Faust-Inszenierung zusammen. In „Krieg und Frieden“ habe ich ein 14-köpfiges Ensemble auf der Bühne, und mit denen baue ich das gesamte Figurenkarussell auf. Die Rollen, Altersschemen und Geschlechter wechseln unentwegt. Ich habe mich eher für Tolstois Themen Liebe, Hass, Neid, Gier, Verrat interessiert, das lässt sich schlecht an einer Figur abhandeln. Es sollte eine Bearbeitung des Romans werden und kein Best-Of der wichtigsten Szenen.“

Makatsch ist nicht der erste Gaststar in Leipzig. Sie haben auch Sophie Rois, Katja Riemann und Rainald Grebe ans Haus geholt. Waren diese Namen ein Versuch, mehr Menschen ins Theater zu locken und wieder für’s Theater zu interessieren?

Hartmann: „Das ist ein positiver Nebeneffekt, aber nicht die Strategie. Mit Sophie Rois habe ich vor zehn Jahren schon gearbeitet, und ich halte sie einfach für eine der besten deutschen Schauspielerinnen. Die Leipziger können stolz sein, wenn so eine Frau auf ihren Brettern auftritt. Rainald Grebe war ein absoluter Glücksgriff. Der hatte vorher noch nie ein eigenes Stück inszeniert, war Puppenspieler und Dramaturg in Jena. Mit anderen hatten wir nicht so viel Glück. Ein Gaststar ist kein Garant für volle Häuser. Wenn Leute kommen, finde ich das gut. Das darf aber keine Taktik sein. Es geht darum, mit wem ich welche Kunst zeigen kann.“

Es geht dann aber irgendwie doch um volle Häuser. Für die mauen Auslastungszahlen standen Sie immer wieder in der Kritik. Stört es Sie, vor allem daran gemessen zu werden?

Hartmann: „Ich verstehe nicht, warum ich dafür immer wieder in der Kritik stehe. Wir hatten in der vergangenen Spielzeit 120 000 Zuschauer. Das ist ein Top-Ergebnis für die Rahmenbedingungen und vor dem Hintergrund der Einsparungen, die wir machen mussten. Dass dann immer nur auf meine Person fokussiert wird, verstehe ich nicht, und daraus habe ich ja meine Konsequenzen gezogen und gehe zum Ende der Spielzeit. Hier gibt es viele Menschen, die mir das Gefühl geben, dass es richtig und wichtig ist, was ich mache. Mit den Menschen, die das Gegenteil behaupten, bin ich leider viel zu selten ins Gespräch gekommen.“

Franziska Höhnl, dpa

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