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Interview mit Sewan Latchinian: "Mir hat das Herz geblutet"

Interview mit Sewan Latchinian: "Mir hat das Herz geblutet"

In Senftenberg vollbrachte er ein Theaterwunder, nun geht der 1961 geborene Theatermacher Sewan Latchinian 2014 ans Rostocker Volkstheater. Seiner Heimatstadt Leipzig bleibt er verbunden.

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Mit Leipzig immer noch verbunden: Sewan Latchinian.

Quelle: Steffen Rasche

Im Interview äußert er sich kritisch über die vergangenen fünf Jahre am Schauspiel, blickt auf Rostock und die Situation des Theaters in Deutschland.

Frage: Sie scheinen ein Faible für sinkende Schiffe zu haben - oder warum begeben Sie sich nun auf den ziemlich leckgeschlagenen Rostocker Theater-Kahn?

Sewan Latchinian: Nicht dafür, dass sie sinken, sondern dass sie möglichst gerettet werden. Aber es stimmt, ich habe immer Lust gehabt, den Kampf zwischen Kultur und Barbarei, als den ich das Leben empfinde, als Theatermensch zu unterstützen im Sinne von Kultur. Und dazu gehört, dass die Theater erhalten bleiben und möglichst gut sind und möglichst Zukunft haben.

Sie werden sich ja den Laden angesehen haben, bevor sie dort unterschrieben haben. Wie ist die Situation in Rostock?

Da muss ich Ihnen ein kleines Geheimnis verraten: Ich habe mir den Laden vorher nicht angeschaut. Bei der Neuen Bühne Senftenberg habe ich das auch nicht gemacht. Wahrscheinlich ist das meine Methode: Wenn ich da schon alles weiß, bin ich vielleicht gar nicht handlungsfähig.

Konkret geht es in Rostock um Spartenschließungen. Wie stehen Sie dazu?

Ich trete an, um das Vier-Sparten-Theater zu retten. Das ist ein großer Schatz. Ich könnte mir noch eine fünfte Sparte, nämlich das Puppenspiel vorstellen. Natürlich sind zwei oder drei funktionierende Sparten besser als vier, die nicht funktionieren und geschlossen werden. So viel Realitätssinn muss sein, sonst würde ich unseriöse Heilsversprechen geben. Ich werde tun, was ich kann, aber es ist nicht meine private Entscheidung. Wichtig ist schließlich auch: Was will die Bürgerschaft, was will die Theater-Belegschaft, was will das Bundesland. Natürlich bin ich auch für den Neubau, der dort seit 30 Jahren versprochen wird, aber zur Not reicht mir auch eine Bohle, das berühmte Brett, das die Welt bedeutet.

Sie haben das Theaterwunder von Senftenberg vollbracht. Haben Sie keine Angst, dass es sich in Ihrem Rücken wieder auflöst?

Es ist der beste Moment, verantwortungsbewusst adé zu sagen, weil es am Schönsten und Leichtesten geworden ist. Da soll man ja gehen, und da kann ich nun gehen. Es gab auch vor fünf oder sieben Jahren Angebote, mich persönlich zu verbessern, aber die habe ich ausgeschlagen, weil es zu früh gewesen wäre. Jetzt ist es stabil, die Neue Bühne Senftenberg hat Schwung. Möglicherweise wäre mir dort nicht mehr viel eingefallen.

Liegt darin, dass es Leute gibt wie Sie, die mit begrenzten Mitteln viel erreichen, nicht auch das Risiko, dass die Geldgeber sagen: Ok, wir fahren Budgets weiter zurück, geht doch?

Wir sind ja nicht in einer idealen Welt, in der überall neue Theater aufmachen und Etats gesteigert werden - und da kommt plötzlich einer, der sagt, ich brauche nicht soviel Geld, es geht auch anders. Tatsächlich stehen Theater akut in Frage, und da braucht man andere Denkweisen und Methoden, um Theater wieder zu einem Ereignis zu machen, so dass auch die Politik keine Chance hat, Einsparungen durchzusetzen, sondern vielleicht sogar Lust bekommt, mehr zu geben. So wie es in Senftenberg und im Bundesland Brandenburg gelungen ist.

Muss sich Theater an diesem allgemeinen Effizienzdenken beteiligen, wenn man sagt: Theater ist präventive Jugendarbeit, es holt Leute von der Straße, es bildet, es macht, es tut. Muss es sich nicht dieser Kosten-Nutzen-Denkweise entziehen?

Das ist sicher der eigentliche Ansatz von Kunst. Aber Kultur ist für mich etwas mehr als Kunst. Das hat man ja im Falle von Sebastian Hartmann gemerkt. Der ist stringent seiner Nase nach gegangen, hat sich nicht gefragt, was etwas kostet, wer das sehen will: Ich bin ich, ich bin das Konzept. Ich mache meine Kunst. Das hat zu punktuell tollen Inszenierungen geführt, aber letztendlich zu seinem Scheitern als Intendant.

Hätte Sie der Job als Intendant in Leipzig gereizt?

Mir war meine Heimatstadt, in der ich meine ersten wunderbaren Theatererlebnisse als Kind hatte, die ich erst mit 18 verlassen habe, natürlich nie egal. Ich habe zum Teil mit Grausen auf die Situation in Leipzig geschaut, vor allem auf den Umstand, dass das Publikum nicht mehr in sein Theater gehen will, dass man sich für eine Art Monokultur entschieden hat, besonders am Anfang. Da hat mir das Theatermacherherz geblutet, trotz zwei, drei toller Inszenierungen. Ich habe mich dann überreden lassen von der sächsischen Ausgabe der "Zeit", eine halbseitige Analyse in der zweiten Spielzeit von Sebastian Hartmann zu schreiben, weil ich das Gefühl hatte, einer muss doch mal von außen das Reizvolle, aber auch Kreuzgefährliche an dieser Art, Theater zu machen, beschreiben. Leider habe ich Recht behalten. Hätte er mehr an sein Publikum gedacht, hätte er vielleicht eine tolle Ära hingekriegt.

Eine verspielte Chance also?

Absolut. Leipzig hat einem Menschen, der noch nie irgendwie Leitungserfahrung hatte, dieses Theater für fünf Jahre erstmal geschenkt - und einen Riesenetat dazu. Dass der dann seiner Stadt in den Arsch tritt und sagt, die Leipziger seien eh kein Theatervolk, sie hätten auch vor der Wende immer nur stalinistischen Schrott geguckt und verstehen ihn deswegen jetzt nicht, ist absurd. Noch absurder finde ich, dass das eine Stadt mit sich machen lässt und sich fast masochistisch in den Arsch treten lässt, statt den Jungen nach drei Jahren wegzuschicken. Natürlich kann man immer mehr Geld gebrauchen. Aber von dem Etat in Leipzig kann ich wie hunderte andere Intendanten nur träumen. Dann aber zu behaupten, Leipzig gebe zu wenig Geld für sein Theater aus, verdirbt die Preise. Das ist unsolidarisch und unkollegial. Es hat ihm hier ja niemand mal auf die Finger gehauen, aber er hat so getan, als ob er andauernd im Guerillakrieg sei.

Hätten Sie das dem Sebastian Hartmann nicht einfach mal persönlich sagen können?

Sebastian Hartmann hatte ja schon sehr öffentlich harte Kritik an der Leipziger Theatervergangenheit, gegen die Theaterwelt im Allgemeinen und auch an mehreren Intendantenkollegen geäußert, so dass es mir auch um eine öffentliche Gegendebatte gehen musste, wissend, dass das Risiko hoch ist, dass es sich wie eine Bewerbung liest. Das war es aber nicht. Dahinter stand das leidenschaftliche Interesse, dass diese Truppe mit einer leichten Kurskorrektur das Theater voll kriegt. Natürlich wird jeder verantwortliche Kulturpolitiker gemerkt haben, dass mir Leipzig am Herzen liegt.

Hat Sie jemand angerufen?

Nein, obwohl ich erreichbar gewesen wäre. Aber gerade deswegen habe ich mich jetzt, als es um die Hartmann-Nachfolge ging, nicht beworben, weil der Weg der Bewerbung für mich verbrannt war. Mein Interesse ist öffentlich gewesen. Der Vorwurf, ich wolle schnellstmöglich auf den Leipziger Intendantensessel, stand im Raum. Da gab es nur die Möglichkeit, auf einen Anruf zu warten. Es hätte mich gereizt, aber ich freue mich über die jetzige Aufgabe noch mehr.

Was sagen Sie zu Enrico Lübbe als kommendem Intendanten?

Ich drücke ihm beide Daumen. Ich halte seine Wahl für eine interessante Entscheidung und sehe gute Chancen dafür, dass man das jetzige Publikum nicht verliert, und das verlorene Publikum wieder ins Theater kriegt. Es ist ein Traum, in einer Stadt wie Leipzig Theater machen zu dürfen.Interview: Jürgen Kleindienst

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 12.06.2013

Jürgen Kleindienst

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