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Interview mit der Alin Coen Band: "Stehenbleiben ist keine Option"

Interview mit der Alin Coen Band: "Stehenbleiben ist keine Option"

Auf dem Weg: Drei Jahre nach "Wer bist du?" stiefelt die Alin Coen Band auf ihrem zweiten Album "We're Not The Ones We Thought To Be" auf dem Identitätspfad weiter Richtung Ich.

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Lebt seit mehr als zehn Jahren in Weimar: Alin Coen (31).

Quelle: André Kempner

Leipzig. Das Ziel: bloß nicht ankommen. Vor ihrem Konzert in Halle D sprach Alin Coen mit Jennifer Beck über das Nein-Sagen, musikalische Mischkalkulationen und die Angst vor der Endgültigkeit.

Frage: Der Titel eures neuen Albums deutet auf einen Identitätswechsel hin. Was hat sich verändert?

Alin Coen: Der Titel ist nicht auf die Band im Kleinen, sondern die Menschen im Großen bezogen. Es geht um unser Handeln und dessen Auswirkungen auf andere und die Umwelt, über die wir uns meist gar nicht im Klaren sind. Sicher, rückblickend hat man immer eine Vorstellung davon, was man in der Zukunft mal machen möchte, wer man sein will. Unsere persönliche Entwicklung war aber eher prozesshaft, und es gab keine plötzliche Bruchstelle, an der wir festgestellt haben: Wir sind ja gar nicht das, was wir dachten.

Ist dieser Prozess jetzt abgeschlossen - habt ihr euch auf "We're Not The Ones We Thought To Be" als Band gefunden?

Bei uns gibt es keinen Punkt, an dem wir ankommen, kein Finden im endgültigen Sinne. Es ist vielmehr ein konstantes Sich-Weiterentwickeln-Wollen. Stehenbleiben ist keine Option. Im Moment fühlt es sich tatsächlich noch nach einer unerschöpflichen Quelle an - als ob es in diesem kreativen Brunnen überhaupt keinen Boden gäbe.

Diese Fülle an Möglichkeiten ist auch Thema des Songs "Kites", der ganz gut das Bedürfnis unserer Generation widerspiegelt, irgendwo ankommen zu wollen. Gab es in deinem Leben auch Phasen der Orientierungslosigkeit?

Als ich 19 war und für ein halbes Jahr in Schweden gelebt habe, war ich absolut ankerlos. Nach dem Abi hatte ich angefangen, Medizin zu studieren, wusste aber eigentlich, dass ich nicht Ärztin werden möchte. Nach dem Studiums-Abbruch wusste ich gar nicht, was kommt - dieses Gefühl konnte ich einfach nicht akzeptieren. Ich hatte Angst davor, eine Entscheidung zu fällen, weil sich das so endgültig angefühlt hätte.

Ist die stetige Weiterentwicklung eurer Musik auch Resultat dieser Angst vor Endgültigkeit?

Konfuzius hat gesagt: "Wer ständig glücklich sein möchte, der muss sich oft verändern." Da ist was dran. Ich mag Flexibilität, Leichtfüßigkeit und Veränderung. Vielleicht rührt meine Leidenschaft fürs Reisen auch daher.

Inwieweit haben Reisen deinen kulturellen Horizont erweitert?

Das halbe Jahr, das ich in dieser Phase des Suchens in Schweden verbracht habe, hat mir überhaupt erst den Weg zur Musik eröffnet. Ich hatte dort viel Zeit und dadurch den Raum und das Umfeld, um Lieder zu schreiben. Ich habe eine Schule für Gesangstherapie besucht und war quasi ständig umgeben von Menschen, die Musik schreiben. Da habe ich gedacht, jetzt mache ich das auch.

Du hast nie eine klassische Gesangsausbildung genossen, trotzdem stand deine Stimme auf dem ersten Album "Wer bist du?" sehr im Fokus. Jetzt klingt die Musik weitaus organischer ...

Wir wollten das Augenmerk absichtlich mehr auf etwas legen, was die Band zusammen kreiert. Es geht nicht mehr allein darum, was ich auf der Gitarre schreibe. Das Ziel war eine Bandplatte.

Thematisch wirkt das Album eher dunkelgrau bis schwarz im Vergleich zu vorangegangenen Veröffentlichungen ...

... ich finde dunkelgrün passt schon eher.

Das heißt die pessimistische Grundstimmung täuscht, und es steckt auch eine Menge Hoffnung in den Songs?

Für mich sind die Songs nicht pessimistisch. Ich glaube, das hat tatsächlich mehr mit der Wahrnehmung der Menschen zu tun und dem, was sie daraus machen. Ich beobachte und beschreibe, ohne zu urteilen - das überlasse ich tatsächlich lieber dem Zuhörer.

In "A No Is A No" singst du über die Erfahrung, wie ein Typ dein Nein nicht respektiert. Inwieweit haben persönliche Erfahrungen Einfluss auf die Lieder?

Auch wenn ich aus der Ich-Perspektive singe, wechsele ich gern die Perspektive. Der Text ist entstanden, als Assange wegen sexuellen Missbrauchs angeklagt wurde. Und auch heute ist dieses Thema im Zusammenhang mit den Massenvergewaltigungen in Indien ja wieder sehr präsent.

Also beeinflusst der öffentliche Diskurs deine Ideen?

Die Ideenfindung ist eine Art Mischkalkulation aus Ereignissen in meiner Umwelt und einer Emotionalität, die auf eigenen Erfahrungen beruht. Ausgerechnet in Indien hatte ich ein Erlebnis, wo ich gemerkt habe, dass jemand anders die von mir gesetzte Grenze überschreiten möchte. Ich habe also selbst schon Nein gesagt.

Und du möchtest durch deine Musik dazu beitragen, dass mehr Mädchen diesen Mut aufbringen?

Ich war sehr bewegt, als ich erfahren habe, dass meine Musik Anlass zur Aufarbeitung solcher Themen ist. Eine österreichische Sozialarbeiterin hat den Song mit in ihre Jugendgruppe genommen und die Mädchen haben daraufhin von Situationen erzählt, in denen Männer ihre persönlichen Grenzen überschritten haben. Wenn Musik Anstoß solcher Auseinandersetzungen sein kann, gibt das dem Songschreiben einen ganz neuen Sinn, den ich persönlich sehr lohnenswert finde.

Alin Coen Band, Mittwoch, 20 Uhr, Halle D (Werk 2, Kochstraße 132), ausverkauft

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 28.01.2014

Jennifer Beck

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