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Intimer Liederabend der Giganten: Matthias Goerne und Leif Ove Andsnes

„Winterreise“ im Gewandhaus Intimer Liederabend der Giganten: Matthias Goerne und Leif Ove Andsnes

Ein Liederabend der Sonderklasse, aber ganz ohne kraftmeierisches Star-Gehabe: Der Bariton Matthias Goerne und der Pianist Leif Ove Andsnes zogen sich am Dienstagabend im Gewandhaus mit Schuberts „Winterreise“ ganz ins Innerste der verletzten Seele zurück.

Leif Ove Andsnes am Klavier und Matthias Goerne.

Quelle: Kempner

Leipzig. Schlichtheit, die zum Kern führt, das ist das Wesen des ästhetischen Ansatzes, mit dem der Weimarer Edelbariton Matthias Goerne mit dem Pianisten Leif Ove Andsnes seine zweite „Winterreise“ im Gewandhaus ausstattet. Als Weltstar für Brahms und Berg realisiert er am Dienstagabend konsequent seinen persönlichen Anspruch: Unmittelbare Bewegung und unbedingte Aufmerksamkeit.

Franz Schubert (1797–1828) ließ beim Titel von Wilhelms Müllers (1794–1827) gereihter „Lazarettpoesie“ (so nannte es Goethe) den Artikel einfach weg und nannte seinen komponierten Zyklus bündig „Winterreise“. Das ist programmatisch: Müller lässt einen faktischen Ereigniszustand, eine Art äußerer Handlung, die ein Individuum durchmisst, immerhin noch erkennbar. Schuberts Vertonung der zweimal zwölf Lieder dagegen führt fort von derlei realen Wegstationen, tief hinein in eine erkaltende Seele – vielleicht gar in eine von innen längst erkaltete. Fort von der angesprochenen „Eh‘“ mit dem entschwundenen Mädchen, ganz tief hinein in den Kokon gepanzerter Einsamkeit.

Die Chiffren und Metaphern für Isolation und Verlassenheit sind heute andere im Farbrausch der Allverfügbarkeit und Netzwerk-Transparenz. Oder doch nicht? Mehr noch als „Fremde“ ist „Entfremdung“ das Thema von „Winterreise“. Und Entfremdung entsteht, wenn Vertrautes nicht mehr nahe sein kann, sondern schal wird oder matt. Davon erzählen Schubert und Goerne an diesem für das gewaltigen Raumvolumen des großen Gewandhaussaals bemerkenswert intimen Abend.

In den einleitenden Läufen zum „Lindenbaum“ zeigt der Norweger Leif Ove Andsnes eher Gewissheit als Zögern bei der Entscheidung des sich mitteilenden Wanderers: Innehalten oder doch weiter. Matthias Goerne setzt dann mit Festigkeit ein nach dem herzweichen Legato der vier ersten Lieder: Jetzt akzentuiert er eine Erinnerung, die bleiben wird. Die Fragen aber nach der Wahrhaftigkeit dieser Erinnerung, nach erlebtem Glück oder erlittenem Trug – derlei kommt erst in der zweiten Strophe hoch.

Bewusst vermeiden Goerne und Andsnes in den 70 Minuten dieser Wanderung überpointiertes Kontrastieren der Dynamik, des Tempos oder der Diktion. Goerne hält Bariton-Adrenalin bis auf wenige schonungslose Vollschüsse zurück, setzt sein erstes Fortissimo gar erst im siebten Lied ein: „Auf dem Fluss“ – also nach einem Viertel des gesamten Zyklus.

Dieser Fluss hält auch den Absturz im „Leiermann“-Finale zusammen. Andsnes macht die leeren Akkorde mit Stoßkraft dringlicher als die sonst so oft allzu quälend gedehnten Pausen dazwischen. Dazu bleibt auch Goernes stimmliches Ertasten von Silben und Tönen in zaghafter Bewegung. Stockend, doch ohne Stillstand. Auch er zermürbt Pausen nicht zu Starre. Es bleibt die Beredtheit des Sängers in der Frage an den „wunderlichen Alten“.

Matthias Goerne zieht die Bremse und verweigert sich dem Missbrauch dieser „schauerlichen Lieder“ als Spielvorlage zum Seelenstriptease. Er führt diese Einlasskarte zum Olymp des Liedgesangs vorbei an den Bewertungspolen zwischen „affektiert-gekonnt“ und „verinnerlicht-selbstverleugnend“ direkt hinunter an die Basis der Seele. Mit dem Schubert und vor allem seiner „Winterreise“ oft zugesprochenen Existentialismus hat er nichts zu schaffen. Auch nicht mit Isolations- und Überdruss-Dramatik, europäischer Revoluzzer-Romantik oder dem beseeltem Selbstmitleid der Schubertiaden-Fraktion. Der Solist mit Faible für schwierige Charaktere wie Wozzeck und Mathis der Maler drosselt derartige Kraftansätze ins Intime.

Goerne bleibt vorsichtig im Augenkontakt mit dem Auditorium, agiert oft im Profil. Er muss nicht mehr beweisen, dass er Schubert und Müller in Breite und Tiefe durchmessen kann. Er riskiert Nicht-Dramatik mit seiner einzigartigen Befähigung, Zuhörende ganz nah an sich zu holen. Er und Andsnes machen zusammen tatsächlich Kammermusik. Deshalb braucht Andsnes keine Samt-Wellen und Akkord-Ballereien, deshalb meidet Goerne scharfe und gestoßene Konsonanten. Im gemessenen Fortschreiten wird die „Winterreise“ hier vom dramatischen Monolog in 24 Kontrastreizungen zur Meditation, als Deutung eigenständig und – angesichts gegenwärtig überwiegender Individualitätsorgien – mit Ernst und Mut. Bewegter Applaus.

Von Roland H. Dippel

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