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„Irgendwie gartenzwergig“ - Wischmeyer über Wulff, die Medien und die Hannover-Connection

„Irgendwie gartenzwergig“ - Wischmeyer über Wulff, die Medien und die Hannover-Connection

Der Autor und Komiker Dietmar Wischmeyer hat Christian Wulff seit Mitte der 90er satirisch begleitet. Im Interview rät er ihm zum Rücktritt als Bundespräsident, spricht über neues und altes Geld sowie die Rolle der Medien im Skandalbetrieb.

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Der Autor und Satiriker Dietmar Wischmeyer.

Quelle: Frank Wilde

Leipzig. Frage: Wie würden Sie Christian Wulffs Verfehlungen einordnen?

Dietmar Wischmeyer: Er hat im Wesentlichen nichts Strafbares angestellt. Der Kredit, die Reisen, der Mailbox-Anruf laufen für mich unter Tapsigkeit, Blauäugigkeit, Dummheit. Das Problem daran ist: Es ist passiert, das kann man nicht mehr ändern. Das ist ja das Blöde an der Vergangenheit. Da nun jede Postille nach neuen Affärchen sucht, werden auch neue auftauchen.

Womit müssen wir rechnen?

Seine nicht vorhandene Fähigkeit „Nein“ zu sagen, sich auch gegenüber solchen „Wohltätern“ wie Carsten Maschmeyer und Co. strategisch zu verhalten, wird wohl noch zum einen oder anderen „Upgrade“ oder Rabatt geführt haben, über den noch nicht berichtet wurde.

1998 hat der damalige AWD-Chef Maschmeyer 650.000 Mark in Anzeigen für Gerhard Schröder gesteckt. Das ist Schröder nie zum Verhängnis geworden. Wieso nun aber Wulff, dem Maschmeyer viel weniger spendierte?

Schröder ist ein anderer Typ. Er hat eine Art proletarische Großkotzigkeit an den Tag gelegt, die heutzutage eher goutiert wird als kleinbürgerliches Spießertum. In Brioni-Anzügen mit Cohiba-Zigarren rumlaufen ist okay, aber hinter Klinkerfassaden mit aufgeklebten Fensterkreuzen zu wohnen, gilt als verdächtig. Der schlimmste Vorwurf, der erhoben wurde, war der, dass es sich bei Wulff um einen Parvenü handele, der den Ansprüchen des „alten Geldes“ nicht gewachsen sei. Ich dachte immer in meiner Naivität, das Wesen der Demokratie liege in der sozialen Durchlässigkeit. Nun wirft man ihm seinen Aufstieg vor: Er kommt aus kleinen Verhältnissen, weiß nicht, wie man sich benimmt. Die ganze Affäre ist irgendwie zu klein, gartenzwergig.

Irgendwie hannovermäßig ...

Ja, Hannover-Bashing ist jetzt angesagt. Es fing an in Münchner Zeitungen, wo man sich geärgert hat, dass man nicht mehr die Amigo-Hauptstadt ist, reine Eifersucht.

Wozu brauchte Wulff den Kredit eigentlich, der Mann verdient doch ordentlich?

Als er das Haus in Großburgwedel gekauft hat, hatte er wohl wirklich kein Geld. So eine Scheidung ist teuer. Und die neue Frau brachte auch kein altes Geld mit ein.

Wen finden Sie peinlicher: Wulff oder die, die ihm hinterher recherchieren?

Im Moment sind wirklich die Medien lächerlicher. Wulff wird vorgehalten, dass er die Würde des Amtes beschädige, und genau um diesen Vorwurf nicht zu bestätigen, darf er sich nicht mit gleichen Waffen wehren. Er muss immer den seriösen Mann mit dem Stock im Arsch machen – zu deutsch: der Würde des Amtes entsprechen. Aber alle fallen über ihn her wie auf dem Schulhof. Das hält keiner auf Dauer aus.

Wozu raten Sie ihm?

Zum Rücktritt. Nicht weil die Würde des Amtes beschädigt ist – blabla –, sondern um seiner psychischen Gesundheit willen.

Kann es sein, dass Sie Wulffs Mitleidsmasche auf den Leim gegangen sind?

Jetzt da Sie’s ansprechen, fällt’s mir auch auf, verdammt … und ich habe mich immer für eine investigative Rampensau gehalten.

Sollte ein Präsident nicht ein Vorbild sein statt nur ein Abbild?

Das ist nicht so wichtig. Bewährt im Amt haben sich die echten Knallchargen wie Heinrich Lübke. Die sind nicht zurückgetreten. Wir hatten mit Theodor Heuss einen Bundespräsidenten, der 1933 dem Ermächtigungsgesetz zugestimmt hat, und mit Walter Scheel und Karl Carstens ehemalige NSDAP-Mitglieder im Amt. Dagegen ist es vergleichsweise harmlos, wenn einer einen Urlaub billiger gekriegt hat.

Brauchen wir überhaupt einen Bundespräsidenten?

Das Amt eines Ersatzkönigs ist in einer demokratischen Gesellschaft nicht zeitgemäß. Es ist ein albernes Hinüberretten von spätfeudalem Gepränge. Aber Schloss Bellevue ist ja nun echt nicht der Knaller, wenn man es mit dem Élysée-Palast vergleicht. Man muss sich nicht wundern, dass sich Wulff da wohlfühlt. Überhaupt ist Berlin ja das größte Großburgwedel der Welt. Selbst der mickrigste Diktator in Westafrika hat mehr vorzuweisen als Schloss Bellevue.

Müssen wir lernen, die Bild-Zeitung als moralische Instanz zu akzeptieren?

Das ist der ganz bittere Beigeschmack der Affäre. Kai Diekmann hat es geschafft, die Bild zum Hort der Pressefreiheit zu machen. Das hätte noch vor einem Jahr keiner vermutet, dass wir so tief sinken würden. Und alle machen mit.

Spiegel, FAZ und Süddeutsche standen früher auf der einen und Bild auf der anderen Seite. Jetzt spielt man über Bande. Wie erklären Sie sich das?

Das liegt sicherlich auch daran, dass die Grenzen zwischen Politikern und anderen B-Promis verschwimmen. Es begann spätestens, als Guido Westerwelle in den Big-Brother-Container ging. Politiker wollen heute ein Teil dieser großen Populärmaschinerie sein. Es ist nicht verwunderlich, dass das dann auch bei den Medien verschwimmt.

Gefährdet Wulffs Mailbox-Anruf bei Kai Diekmann die Pressefreiheit?

In keiner Weise. Es ist ja nicht so, dass ein SEK bei ihm anrückt und die Mailbox beschlagnahmt. Er kann ja berichten, was er will. Der größte Vorwurf, den man Wulff machen muss, ist, dass er sich überhaupt auf den Boulevardjournalismus und die Homestorys eingelassen hat. Und jetzt wird er niedergeschrieben.

Aber während die Bild Guttenberg lange zu halten versuchte, hat sie Wulff deutlich früher fallengelassen. Warum, wird gerätselt ...

Ich erkläre mir das so: Diekmanns Karriere ist an einem gewissen Endpunkt angekommen. Er ist jetzt elf Jahre Bild-Chef, kommt nicht in den Springer-Vorstand, kriegt kein anständiges Blatt zugewiesen und muss weiter Titten, Bohlen, Dschungelcamp machen. Als durchaus intellektuellen Menschen, der er ja ist, muss es ihn wurmen, nicht wirklich in die Elite aufzusteigen. Also versucht er, Politik zu machen. Er hat es aber weder geschafft, Sarrazin in die Bel-Etage zu bringen, noch mit Guttenberg den adeligen Kanzler zu formen. Jetzt will er wenigstens den Präsidenten meucheln. Das ist ja auch mal was.

Hannover hat sich vom Hort der Gesichtslosigkeit zur Hauptstadt des Klüngels gemausert. Müssen sich die Rheinländer und Münchner warm anziehen?

Ja, die sind draußen. Das Interessante ist, dass all diese Artikel jetzt immer anfangen müssen mit „die biedere Stadt an der Leine“, „der Inbegriff der Spießigkeit“, „wenn das neutrale Pronomen ,man‘ eine Stadt wäre, hieß es ,Hannover‘“. Und dann geht’s los mit: Schießerei am Steintor, Lena, Hells Angels, Maschsee-Connection. Der Maschsee ist übrigens nicht nach Maschmeyer benannt.

Welche Rolle spielt der?

Er ist einer von vielen. Da ist der Anwalt Götz von Fromberg, in dessen Krökelkeller (hannöversch für „Tischfußballkeller“, Anm. d. Red.) sich freimauererhaft verschiedene Gestalten treffen und besprechen, wie sie die Republik unterwandern. Bei diesen Herrenabenden waren meines Wissens Frank Hanebuth, Chef der Hells Angels von Hannover, Gerhard Schröder, Thomas Gottschalk, Scorpions-Sänger Klaus Meine, TUI-Chef Michael Frenzel und diverse andere Prominente dabei.

Und Maschmeyer?

Der hat einen Weinkeller.

Also eher altes Geld?

Nein, in Hannover gibt es nur neues Geld. Maschmeyer gibt es gerne für Machtspiele aus. Gut 40.000 Euro hat er ja 2007 für die Anzeigenkampagne für eines der vielen Bücher, die Wulff hat schreiben lassen, gezahlt, und das nicht gesagt. Aber irgendwann lässt er es raus. Eine interessante Figur: bösartig und schlau. 

Und wie geht die Wulff-Affäre aus?

Wenn ich das Drehbuch geschrieben hätte, würde der Held glorreich untergehen wie im griechischen Drama, aber hier ist ja die Bibabundesrepublik.

Interview: Jürgen Kleindienst

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