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Irina Pauls: Neun Stücke aus 30 Jahren neu inszeniert

Tanztheater im Lindenfels Westflügel Irina Pauls: Neun Stücke aus 30 Jahren neu inszeniert

1986 feierte Irina Pauls’ erste Choreografie in Altenburg Premiere. 30 Jahre später schaut die 55-Jährige in „ShortCuts & U-Turns“ ab Mittwoch im Lindenfels Westflügel keineswegs rührselig zurück. Vielmehr gießt sie ihre früheren Arbeiten mit Künstlern von damals in heutige Formen.

Aus Irina Pauls’ jüngerem Schaffen: Szene aus den „Catulli Carmina“ bei den Carl-Orff-Festspielen Andechs 2014.

Quelle: Stefan A. Schuhbauer von Jena

Leipzig. Wer Irina Pauls auch nur ein bisschen kennt, ist nicht überrascht: Wenn die Choreografin eine Retrospektive über 30 Schaffensjahre erarbeitet, schließt die Herangehensweise bei einem so konsequent vorwärts denkenden Menschen wie ihr einen Aufguss oder gar rührseliges Resümee aus. „ShortCuts & U-Turns. Irina Pauls and 30 Years of Dance“ beschäftigt sich ab Mittwoch im Lindenfels Westflügel also keinesfalls nur mit der Vergangenheit, sondern gleicht einem Spiegelkabinett, aufgestellt im Raum der Zeit – und ist Anregung zum Blick aus verschiedenen Winkeln. Eine Besonderheit: Die ausgewählten neun von mehr als 80 Pauls-Arbeiten zeigen dieselben Tänzerinnen und Tänzer, die die Stücke jeweils zur Premiere brachten.

Während des Sichtens ihres umfangreichen Materials formte sich bei der am 2. Juni 1961 geborenen Leipzigerin bald der Entschluss: Pure Rekonstruktion ist zu kurz gedacht bei all den Veränderungen durch Zeit, Lebenserfahrung und Körperlichkeit. All diese hat Pauls mit den Künstlern in neue Formen gegossen, in die das Heute einfließt. Viele der damals Beteiligten bewegen sich mittlerweile in anderen Welten: Ein Ex-Tänzer führt heute einen Friseursalon am Prenzlauer Berg in Berlin, ein anderer betreibt einen Vierseithof in Brandenburg, der nächste serviert in einem Café Kuchen, eine verdient ihr Geld als Heilpraktikerin.

Ein Wiedersehen und -erleben gibt es zum Beispiel mit Romy Liebig. Sie stand 1986 in der ersten Choreografie Pauls’, damals blutjunge Ballettdirektorin in Altenburg, auf der Bühne. Liebig wird „Die schlecht behütete Tochter“ tanzen – mit nötig gewordener neuer Hüfte. Es ist auch das Andersgewordensein der Körper, das dem Publikum einen Zugang zu einem Tanztheater verschafft, in dem zeitpolitische Äußerung steckt und das sich selbst in den letzten Jahrzehnten wandelte. „Tanztheater in der DDR zeigte reale Szenen und Figuren mit den Mitteln des Balletts“, erklärt Pauls, „im Westen Deutschlands dagegen war das ein Theater der Bruchstücke, es mischten sich die verschiedensten Stile und Ausdrucksweisen.“

Konfliktreiche Zeit in Oldenburg

Ab 1998 lernte die Künstlerin selbst die enormen Unterschiede zwischen Ausbildungssystemen, Auffassung und Umsetzung der Gattung kennen. Nachdem die Tanztheater-Sparte am Schauspiel Leipzig – von ihr 1990 gegründet – dem Sparzwang zum Opfer fiel, übernahm sie die Leitung des Tanztheaters am Staatstheater Oldenburg. Dem blinden Verständnis mit dem international besetzten Ensemble standen innerdeutsche Kommunikationsprobleme und unterschiedliche Auffassungen gegenüber. „Man hatte Schwierigkeiten mit meiner Direktheit und mit meinem künstlerischen Verständnis.“ Die Konflikte wuchsen, die Leipzigerin sah sich einer auch in den Medien ausgetragenen Kampagne ausgesetzt – nach zwei Jahren verließ sie Oldenburg Richtung Heidelberg, dort lief es besser.

2004 bekam sie den Posten als Direktorin der Tanztheaterkooperation Freiburg und Heidelberg, drei Jahre später kehrte sie in ihre Heimat zurück, um als künstlerische Leiterin der Company des Leipziger Tanztheaters zu inszenieren. Seit 2009 entwickelt sie Choreografien am Theater Junge Generation in Dresden, außerdem entwirft sie an der Universität Mozarteum Salzburg mit Studenten und der Performance-Gruppe „Das Collektif“ neue Stücke; durch ihr Engagement entstand 2010 die Initiative „!mehrTANZ“, um zeitgenössischen Tanz in Mitteldeutschland zu fördern. 2011 folgten ein Lehrauftrag an der hiesigen Hochschule für Musik und Theater, ein Jahr darauf einer am Salzburger Carl Orff Institut für Elementare Musik- und Tanzpädagogik.

Ein Mehrweg-Konzept, das nur die Kunst bieten kann

Eine Menge Leben und Erleben, Erfolge und Tiefschläge, die Pauls haben wachsen lassen. Bis hinein in die Klugheit, zum 30-Jährigen auf eine Ballung von Reminiszenzen zu verzichten. Es gleicht einer kreativen Hausbesetzung, was sich bis Sonntag in der Hähnelstraße 27 abspielen wird; einem Mosaik aus Kunst, dessen Teile sich jeder Besucher nach eigenem Gusto zusammenlegen kann.

Das Prinzip des Großunternehmens ist tatsächlich außerordentlich: Im alten Ballsaal laufen jeweils 20-minütige Szenen aus Inszenierungen, die Pauls mit den Protagonisten neu erarbeitet hat. Einen Vergleich zu den Ur-Versionen ermöglichen Filmsequenzen. Nach jeder Szene kann der Gast entscheiden, ob er bleibt oder den Saal verlässt, um später zurückzukehren und dazwischen in der Bar Froelich & Herrlich Gesprächsrunden zwischen Akteuren und Wegbegleitern von Pauls mitzuerleben – Ausstatter, Musiker, Tänzer und viele mehr reden miteinander, auch Filme werden gezeigt. Da sich der Zyklus der Tanztheater-Szenen nach drei Stunden wiederholt, kann man Verpasstes nachholen.

Eine reizvolle Möglichkeit, ein Mehrweg-Konzept, das nur die Kunst bieten kann – im Gegensatz zum Leben da draußen, in dem die Entscheidung für eine Richtung die Absage an eine andere ist.

„ShortCuts & U-Turns. Irina Pauls & 30 Years of Dance“ – von Mittwoch bis Freitag, jeweils von 17 bis 23 Uhr im Lindenfels Westflügel (drei Durchgänge), außerdem am Sonntag um 11 Uhr (ein Durchgang). Einlass stündlich ab 17 Uhr, letzter Einlass 21 Uhr. Am Samstag um 19 Uhr gibt’s ein Screening mit Reinhild Hoffmann und Arila Siegert über „Pionierinnen des deutschen Tanztheaters“. Im Anschluss daran wird in der Bar gefeiert.

Von Mark Daniel

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