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"Ist doch egal": Wolfgang Welt, literarische Randfigur trotz namhafter Fans, liest in Leipzig

"Ist doch egal": Wolfgang Welt, literarische Randfigur trotz namhafter Fans, liest in Leipzig

Es passt fast zu gut, dass gerade Timm Völker auf die Idee gekommen ist, den Bochumer Schriftsteller Wolfgang Welt zu einer Lesung am Freitag ins Noch Besser Leben einzuladen.

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Nachtportier am Bochumer Schauspielhaus und "größter Erzähler des Ruhrgebiets": Wolfgang Welt, 62.

Quelle: Peter Wasielewski

Denn Völker, 28 und Sänger der Leipziger Punkrock-Band 206, teilt mit Welt, 62 und im Hauptberuf Nachtportier am Bochumer Schauspielhaus, eine prägende Erfahrung: Vom Feuilleton und Kollegen in alle denkbaren Höhen gelobt, fristen sie ihr Künstlerdasein dennoch weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Vor vier Jahren war es, als die "Zeit" in der Band 206 eine "Avantgarde des Aufbegehrens" erblickte und der "Rolling Stone" der Gruppe "die Zukunft der Musik" anvertraute. Nun, diese Zukunft ist leider noch nicht angebrochen. Ein paar Jahre zuvor war Wolfgang Welts Ruhmesstunde. Peter Handke verschaffte ihm einen Vertrag mit dem Suhrkamp-Verlag, der gleich drei seiner Romane neu auflegte und noch einen weiteren veröffentlichte.

Rainald Goetz, Leander Haußmann, Diedrich Diederichsen zählten zu den frühen Anhängern. Noch vor einem Jahr initiierte Marc Degens einen offenen Brief mit der Forderung, Welt den Literaturpreis Ruhr zu geben. 30 namhafte Autoren unterschrieben, Friedrich Küppersbusch, Fritz Eckenga, Dietmar Dath und Katja Kullmann etwa. Für den "größten Erzähler des Ruhrgebiets" hält ihn gar Willi Winkler von der Süddeutschen Zeitung: "Kunstlos ist die Sprache, aber sie hat keine Kunst nötig, denn sie weiß, was sie erzählen will", findet er.

Die Wortkargheit seiner Bücher pflegt Welt auch im Alltag. "Es war gut für mein Selbstbewusstsein, hat mir am Ende aber nichts geholfen", antwortet er auf die Frage, was ihm der Einsatz der 30 Kollegen bedeutet. Wie er überhaupt seinen Status als Außenseiter im Literaturbetrieb sieht, unbeachtet von der Masse, aber hochgeschätzt von etlichen Edelfans? "Es lebt sich gar nicht gut", entgegnet er. "Ich würde auch meine Unterstützer nicht Edelfans nennen."

Sie jedenfalls schätzen an seinen Texten nicht nur die unmittelbare Sprache, sondern vor allem, dass auch das Erzählte offenbar direkt aus seinem Leben auf die Seiten fällt und so immer wieder äußerst berührt. Welt war in den 80ern ein fast berühmter Popmusik-Journalist, von dem sich Herbert Grönemeyer einen Artikel über sich wünschte. Doch dann landete er mit der Diagnose einer manischen Depression und einer schizoiden Persönlichkeitsstörung in der Psychiatrie. Genau davon und von Frauen, mit denen er schlafen möchte, und vom Bochumer Fußball-Kreisligisten SuS Wilhelmshöhe berichtet er. Erklärtermaßen ist nichts erfunden, "ist mir zu anstrengend", sagt er. Und warum steht trotzdem "Roman" drauf? "Ist doch egal."

In Leipzig las er zuletzt vor viereinhalb Jahren beim Festival "Kunst ist verrückt", aber dass dort auch andere Autoren Texte über ihre Psychosen präsentierten, hat ihn "nicht besonders" bewegt. Ebenso wenig springt er an, wenn man ihn auf das Zweitliga-Duell RB Leipzig gegen VfL Bochum anspricht ("Zweite Liga interessiert mich nicht") oder auf Grönemeyer, der im Juni im Bochumer Stadion an zwei Abenden ein Jahr zu spät den 30. Geburtstag seines Albums "Bochum" feiert. "Grönemeyer macht großen Mist. Natürlich geh ich nicht hin", lautet Welts Kommentar.

Am nächtlichen Arbeitsplatz im Schauspielhaus gefällt ihm denn auch vor allem, "dass ich meine Ruhe hab". Die nahm ihm vor einigen Monaten vor Dienstantritt der 206-Musiker Völker mit einem Freund. Zu dritt gingen sie auf einen Kaffee in die Filiale einer Kettenbäckerei. Aber auch das beeindruckte Welt nicht sonderlich. "Ich kenne die Gruppe nicht", sagt er über 206, "bin auch 30 Jahre aus dem Musik­geschäft raus".

So wie sich 206 schon mit ihrem nicht Google-fähigen Bandnamen den PR-Anforderungen ein gutes Stück weit entziehen, passt auch Wolfgang Welt nicht so recht in den Selbstvermarkter-Literaturbetrieb, wie man ihn kommende Woche wieder auf der Leipziger Buchmesse besichtigen kann. Es mag keinen von beiden interessieren, aber diese Verweigerung - sei es aus Prinzip oder Gleichgültigkeit - ist eine weitere Gemeinsamkeit zwischen dem Bochumer Schriftsteller und dem Leipziger Punkrocker.

Wolfgang Welts Roman "Fischsuppe" ist Ende 2014 im Engstler-Verlag erschienen, hat 80 Seiten und kostet 14 Euro; Lesung Freitag, 20.30 Uhr, Noch Besser Leben (Merseburger Straße 25), Abendkasse 6,50 Euro

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 05.03.2015
Mathias Wöbking

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