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Jahrhundertzeuge mit universellem Wissen - Politologe Alfred Grosser spricht in Leipzig

Jahrhundertzeuge mit universellem Wissen - Politologe Alfred Grosser spricht in Leipzig

Es ist eine besondere Lehr- und Lernstunde im bis auf den letzten Stuhl besetzten Alten Senatssaal der Universität. In einer Veranstaltung der Konrad-Adenauer-Stiftung tritt Alfred Grosser auf.

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Alfred Grosser kurz vor seinem 90. Geburtstag in Leipzig.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Kurz vor seinem 90. Geburtstag am kommenden 1. Februar referiert der deutsch-französische Politologe zum Thema "Vernichtung und die Macht der Erinnerung". Im hohen Alter hat Grosser von seiner bekannten Intellektualität aber auch gar nichts eingebüßt. Er redet frei, zeigt sich erneut als großer Kenner der Geschichte(n) und gibt Anregungen, wie wir Heutigen damit umgehen sollten.

Grosser wurde 1925 in Frankfurt/Main geboren, er ist jüdischer Herkunft. Mit Machtantritt der Nazis floh seine Familie nach Frankreich, dessen Staatsbürger er 1938 wurde, ohne jemals seine deutsche Herkunft zu vergessen. Auch ein Teil seiner in Deutschland verbliebenen Familie wurde ein Opfer des Holocaust. Grosser kämpfte während des Zweiten Weltkriegs in der Résistance und studierte später Politikwissenschaften und Germanistik. Er setzte sich für die deutsch-französischen Beziehungen ein, sparte aber nie mit Kritik an den jeweilig politisch Verantwortlichen. Die Bundesrepublik Deutschland ist für ihn "ein Sonderfall in Europa", aufgebaut als Staat nicht auf dem Prinzip der Nation, sondern auf der Ablehnung von Hitler und Stalin. Grosser sprach mehrfach im Deutschen Bundestag und wurde in Frankreich wie in Deutschland mit höchsten Ehren bedacht. Seine Stimme zählt viel. Bis heute.

Er ist ja auch ein Jahrhundertzeuge. Seine ungebrochene Vitalität beeindruckt, nicht anders sein Wissen, seine Klugheit. 70 Jahre nach der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz sei die Frage des Gedenkens und des Nachdenkens unverändert hoch aktuell. Zeitzeugen galten auch für Grosser lange als die beste Versicherung gegen Völkerhass, Totalitarismus und extremes Denken. Doch diese "lebendigen Erinnerungen" (der Mann ist selbst eine) sind in die Jahre gekommen, also bestehe die Gefahr, dass mit dem Sterben der Generation, die den Schrecken noch selbst miterlebt hat, auch die Erinnerung verschwinde.

Grosser wird nicht müde aufzuklären, seine Erfahrungen weiterzugegeben an die jüngeren Generationen, die zwar frei von Schuld seien, die aber in Sachen Aufarbeitung in Haftung genommen werden müssen. Erinnerung, sagt Grosser, hat immer mit Wissen zu tun. Kurz vor seinem 90. ist er in Sachsen unterwegs, er "predigt" im Senatssaal der Leipziger Universität und ist zu Gast an Schulen. Hier wie da kann man sich glücklich schätzen, von so einem weisen alten Mann geschichtliche Zusammenhänge vermittelt zu bekommen. Grosser tritt dabei als Botschafter für Toleranz auf, das Wort "die", beispielsweise im Kontext von "die Deutschen", hat er aus seinem Wortschatz gestrichen: "Es gab sie nicht, die Deutschen, auch nicht zu Zeiten des Nationalsozialismus." Viel zu wenig werde bis dato daran erinnert, dass in Deutschland Deutsche ihren jüdischen Mitbürgern zur Seite standen. Was bleibt, ist freilich gerade an einem Tag wie dem 27. Januar auch für Alfred Grosser der nicht zu begreifende Fakt, dass in einem Land der höchsten kulturellen Werte der systematisch vollzogene Völkermord vollzogen werden konnte.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 29.01.2015

Thomas Mayer

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