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Jamie-Lee Kriewitz wird Letzte - Ukraine gewinnt den Song Contest

Debakel für Deutschland Jamie-Lee Kriewitz wird Letzte - Ukraine gewinnt den Song Contest

Sie hat alles gegeben, aber nicht gepunktet. Jamie-Lee ist beim Grand Prix nur Letzte geworden. Gewonnen hat die Ukraine vor Australien und Russland.

Jamie-Lee Kriewitz tritt für Deutschland an.

Quelle: dpa

Stockholm. Das ist wohl das Ende der Legende vom unpolitischen Eurovision Song Contest: Mit einer düsteren Ballade über die Deportation der Krimtartaren durch die russische Geheimpolizei im Jahre 1944 hat die ukrainische Sängerin Jamala den Eurovision Song Contest 2016 gewonnen. Und der hoch favorisierte Russe Sergey Lazarev landete nur auf Platz drei. Den zweiten Platz holte sensationell Australien. Und Deutschland? Erlebte ein Debakel: Wieder der letzte Platz. Wieder eine Blamage. Jamie-Lee erlebte einen düsteren Abend.

Die Siegerin: Jamala aus der Ukraine.

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Aus dem bitteren Schicksal ihrer Urgroßmutter auf der Krim machte die 32-jährige Jamala in ihrem Song „1944“ eine intensive, für das europäische Publikum unwiderstehliche Ballade. „Ich wünsche allen hier Frieden und Liebe“, rief sie nach ihrem Sieg. „Ich danke euch so sehr!“ Im Text erwähnt sie Russland nicht explizit. Sie verstieß auf diese Weise nicht gegen die Regeln der European Broadcasting Union (EBU), die den Song zuvor geprüft hatte. Tatsächlich aber geht es um eine historische Sünde von Stalins Geheimpolizei, um Tod und Soldaten, Mord und Vertreibung. Überraschend viele Jurypunkte kamen auch aus dem früheren Ostblock. Das darf man als klares Signal des Kontinents gegen Russland und die Besetzung der Halbinsel Krim werten.


 
Mit ihrer starken, hochmodernen Ballade „Sound of Silence“ und einem spektakulären Auftritt im weißglitzernden Kristallkleid holte die 27-jährige, gebürtige Südkoreanerin Dami Im im zweiten Jahr der australischen Teilnahme Platz zwei. Bulgarien wurde überraschend Vierter, Polen mit einer eher altmodischen Zirkusdirektorennummer Fünfter. Am Ende lag dann doch nicht der als Mitfavorit gehandelte Franzose Amir mit seinem Sommerhit „J'ai cherché“ vorn. Oder die Österreicherin Zoë mit ihrem altmodischen Kleine-Mädchen-Pop. Oder der Israeli Hovi Star mit seiner Träumerhymne.


 
Für Deutschland war es erneut ein bitterer Abend. Eingeklemmt zwischen den Mitfavoriten Schweden und Frankreich lieferte Jamie-Lee eine pannenfreie, engagierte Leistung ab. Aber mit einer melancholischen, träumerischen Ballade zwischen lauter Partynummern und der stark persönlich gefärbten Schicksalsnummer der Ukrainerin Jamala zu bestehen, erwies sich als unmöglich. Damit ist genau das passiert, was die deutsche Delegation um jeden Preis vermeiden wollte. Wieder der letzte Platz. Wieder ein Debakel. Das ist nicht bloß bitter. Das wirft Fragen nach ernsthaften Konsequenzen auf. Deutschland muss sich um seine ESC-Strategie Gedanken machen. Die Bilanz des NDR beim ESC ist verheerend.


 
Dank des reformierten Votingverfahrens stand die Ukraine als Sieger des ESC 2016 tatsächlich erst in den letzten Minuten der Show fest. Erstmals hatten die 42 nationalen Jurys und das Publikum ihre Punkte jeweils einzeln vergeben. Bei den wie immer putzigen Schalten quer durch Europa wurden zunächst die Jurypunkte abgefragt. Diesmal mussten die „Spokespersons“ wie Barbara Schöneberger in Hamburg ihr Manuskript vorher abnicken lassen, um nicht allzu viel Blödsinn zu erzählen („What a great show!“). Erst am Ende schlugen dann die Moderatoren in der Globen Arena die insgesamt 2436 Punkte, die das europäische Publikum verteilt hatte, nach und nach den ESC-Teilnehmern zu – um die Spannung bis zuletzt hochzuhalten. In den Vorjahren hatte der Sieger zum Teil schon zwanzig Minuten vor Ende der Show rechnerisch festgestanden. Deutschland lag schon nach dem Juryvoting auf dem letzten Platz. Daran änderten auch zehn Zuschauerpunkte nichts.
 
Das neue Votingverfahren war deutlich dynamischer. Die European Broadcasting Union verfolgt insgeheim aber noch eine ganz andere Absicht: Mit dem umstrittenen neuen Verfahren entfallen die Diskussionen über vermeintliche Kumpeleien zwischen Nachbarn - das sogenannte Blockvoting – weil kein Land in der Sendung erfuhr, wie ein anderes im Detail abgestimmt hat. Alle Daten, darunter auch die individuellen Juryentscheidungen, finden sich nur im Internet unter www.eurovision.tv
 
Es war einfach nicht das Jahr für melancholisch-träumerische Popinszenierungen. Viele der eher ruhigeren Balladen waren schon im Halbfinale hängengeblieben. Europa stand der Sinn nach Pomp, Party und eben Politik – inmitten einer der tiefsten politischen Krisen der EU-Geschichte. Im Falle der Ukraine traf das offenbar große Bedürfnis, ein politisches Zeichen zu setzen, auf einen starken, unmissverständlichen Popsong. Mit einem mutigen Klageschrei im Mittelteil, der leicht peinlich hätte werden können.
 
Politisch wachsen Gräben zwischen einzelnen Staaten, musikalisch dagegen ist der Kontinent – zumindest beim ESC – wieder ein großes Stück zusammengerückt. Die Homogenisierung schreitet voran, folkloristische Elemente sind Vergangenheit. Es dominiert aseptisch produzierter Reißbrett-Radiopop, hergestellt von Söldnern des Pop, von denen ein Viertel aus Schweden stammte.

Praktisch keines der 42 ESC-Lieder verriet musikalisch auch nur das geringste Detail über die geographische Herkunft seines Auftraggebers. Einzig Bosnien-Herzegovina wagte sich in Landessprache auf die Bühne – und schied im Halbfinale aus. Die Ukrainerin immerhin sang Teile ihres Songs in Landesprache. Die Österreicherin Zoë sang Französisch, und selbst der Franzose Amir sang einen englischen Refrain – und das, obwohl Frankreich mit seiner ihm eigenen Inbrunst die frankophile Tradition des Wettbewerbs seit Jahren vehement (und sehr einsam) verteidigt. Die Professionalisierung des weltgrößten Popevents schreitet voran. Das senkt die Zahl der Fremdschämmomente, nimmt dem Spektakel aber – ähnlich wie im globalisierten Fußball, wo aus Traditionen kommerzielle Events werden – manches von seinem schratigen Charme.


 
25 Prozent aller deutschen ESC-Zuschauer guckt den ESC laut einer aktuellen Umfrage, um „fremde Kulturen“ kennenzulernen. In Großbritannien das nur 13 Prozent. Dort gucken 27 Prozent wegen der Lästereien der TV-Kommentatoren zu. Lästern und Landeskunde – beides wird nicht leichter beim ESC. Dennoch gab es Bizarres: diverse Projektionstricks, beleuchtete Knie aus Bulgarien, einen polnischen Zirkusdirektor mit Schnäuzer, der überraschend Fünfter wurde. Und eine serbische Diva, die wie in Lakritz eingenäht wirkte. Dazu kam ein kroatisches Trickkleid, in dem eine Schulklasse hätte übernachten können.
 
Das ESC-Finale in Stockholm war eine Leistungsshow der internationalen Beleichtungstechnik. Nie zuvor hat es derart geblitzt, geglitzert und gefunkelt. Was für ein Glück, dass zumindest das Moderatorenpaar – die kongeniale schwedische Komikerin Petra Mede und Vorjahressieger Måns Zelmerlöw – das aalglatte Entertainment mit einem Schuss Anarchie durchbrach; etwa mit einer großartig ironischen Musicalnummer über den „perfekten“ ESC-Beitrag. Inklusive allem, was das Eurovisionsherz begehrt: Geigen (vom norwegischen Sieger Alexander Rybak), seltsame Folkloreinstrumente, ein DJ, russische Babuschkas und die unvergessenen polnischen Butterstampferinnen in einer gerade noch jugendfreien Version. Vorher gab's Werbung für die offizielle ESC-Zwangsjacke im Merchandising („Crazy is the new black!“). Ohne diese Brüche wäre die Show inzwischen allzu gravitätisch und kühl. Der Sieg der Ukrainerin ist auch ein Zeichen gegen die Inhaltslosigkeit, gegen einen entpolitisierten Einheitspop.
Imre Grimm

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