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Jazz, Klamauk und Magensäure: Helge Schneider vor 2200 Parkbühnen-Besuchern

Konzert Jazz, Klamauk und Magensäure: Helge Schneider vor 2200 Parkbühnen-Besuchern

Beim diesjährigen Gastspiel im Clara-Zetkin-Park hat Helge Schneider am Dienstag – am Vorabend seines 62. Geburtstags – unter anderem verraten, warum er Leipziger Allerlei so mag.

Sergej Gleithmann, Carlos Boes, Rudi Olbrich und Peter Thoms (von links) umrahmen eine Singende Herrentorte: Helge Schneider am Vorabend seines 62. Geburtstags im Clara-Zetkin-Park.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Wie soll man das eigentlich den ausländischen Touristen erklären? Denen, die am Dienstagabend durch den Clara-Zetkin-Park schlendern und beim Passieren der Parkbühne ein stotterndes „Pizza! Pi-Pi-Pi-Pizza. azziP! azziP!“ zu hören bekommen? Obendrein noch 2200-faches Gelächter aus einer Menge, die jede Silbe als Pointe annimmt, während im Hintergrund eine fünfköpfige Band die skurrile Akustik mit Jazzharmonien untermalt. „You know“, würde man sagen, „sis is just Helge Schneider, he is crazy. But he is famous here.“

Wofür, das zeigt Schneider – blauer Anzug, wildes Haupt- und sichtbares Brusthaar – am Vorabend seines 62. Geburtstages ganz deutlich: gelebte Bühnen-Anarchie. Seine improvisierten Ansagen und Geschichten, die sich irgendwann in sich selbst verlieren, seine Band-Beleidigungen und Song-Abbrüche, seine gerade eben ausgedachten Witze, über die er selbst lachen muss, oder sein Show-Butler Bodo Oesterling, der abrupt Kamillentee servieren soll – nichts davon ist vorhersehbar, das Publikum wird von Schneiders Klamauk-Lawine stets von hinten erwischt. Sicher also, dass hier nichts sicher ist.

Adler Horst heißt eigentlich Günther

„240 Years of Singende Herrentorte!“ heißt das Sommerprogramm, mit dem der Tausendsassa gerade durchs Land tourt. Unermüdlich, war er doch im Dezember erst im Gewandhaus zu sehen. Leipzig-Dauergast ist Schneider sowieso, und an diesem Abend erklärt er nun endlich, warum. Das Leipziger Allerlei habe schon der kleine Helge gern gegessen und sich sofort verliebt. „Ich wollte immer in die Stadt, in der dieses tolle Gericht erfunden wurde, das Kinder essen können, ohne sofort zu kotzen.“ Soso.

240 Jahre, klar, dass da einige Klassiker zu erwarten sind. „Ich bin der Wurstfach, ja der Wurstfach, ja der Wurstfachverkäuferin“, trällert die knätschige Stimme, die in weiteren Rollen den Telefon- und Meisenmann mimt. Letzteren in Begleitung einer exzellent dilettantischen Tanzeinlage von Saxophonist und Show-Opa Sergej Gleithmann. Der Vollbart-Mischling aus ZZ-Top und Vetter Itt hüpft mit ausschweifenden Flatterarmen und krummem Rücken über die Bühne, während Schneider einen Nonsens-Dialog zwischen dem Meisenmann und Adler Horst entsinnt, der eigentlich Günther heißt. Der Meisenmann selbst bleibt namenlos und wird zu guter Letzt von seiner eigenen Frau verspeist. „Maaagensäure“, singt Schneider. „Magensäure!“ entgegnet die Background-Band, was wiederum den Maestro zum Lachen bringt. Als Schneider beim Boogie-Woogie dann auch noch seine Hose verliert, ist klar: Heute kann alles passieren. „Tja, das kann sich nicht jeder Star leisten. Bei den meisten hängt dann ein Ei raus.“

Als der Tonmann ins Katzeklo greift

Bei all den Gags vergisst man schnell, was für ein begnadeter Musiker Helge Schneider ist, hat er doch gerade erst mit Jazz-Drummer Pete York ein Album herausgebracht. Klavierspieler seit 57 Jahren, dazu Cello, Trompete, Saxophon und Gitarre. Schneider, das Allround-Talent, das so schnell einen Lacher provoziert, dass die ganze gute Musik gelegentlich hinten runter fällt. Zum Glück hält der Abend auch für den Laien unverkennbare Momente bereit, in denen diese Musik einen Schritt nach vorn machen darf. Als Schneider mit der einen Hand Saxophon spielt und mit der anderen die Begleitakkorde am Flügel, zum Beispiel. Und auch das obligatorische Solo bekommt dann jeder Musiker gestattet: Peter Thoms trommelt locker aus dem Handgelenk, Alterspräsident Rudi Olbrich lässt den Kontrabass laufen, Sandro Giampietro saftet an der Gitarre, Carlos Boes bläst in Querflöte und Saxophon.

Leider greift der Tonmann zwischendrin immer wieder kurz ins Katzeklo, lässt Mikrofone fiepen, Gitarren stechen und andere Instrumente im unausgewogenen Sound untergehen. Zudem ist die Sicht für Menschen jenseits von 180 Zentimetern Körpergröße in den hinteren Reihen mehr als mager, da muss auch der Bühnenschrauber beim nächsten Mal den kleinen Extraaufwand einplanen.

Inhaltlich und musikalisch hingegen schmeißt Schneider einen wunderbar witzigen und kurzweiligen Abend zusammen, der Gang zum nächsten Gewandhaus-Gig sei also wärmstens empfohlen.

Noch existiert kein Termin für Helge Schneiders nächstes Gewandhaus-Gastspiel – aber es wird einen geben, so sicher, wie er auf die Parkbühne zurückkehren wird.

Von Tobias Ossyra

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