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Jennifer-Rostock-Interview: "Wir haben einen Nerv getroffen"

Nach dem AfD-Song Jennifer-Rostock-Interview: "Wir haben einen Nerv getroffen"

Kommende Woche erscheint „Genau in diesem Ton das neue Album von Jennifer Rostock. Vorher hat die Band aber noch einen viralen Hit gelandet: Ein Anti-AfD-Video von ihnen wurde seit Dienstagabend mehr als fünf Millionen Mal geklickt. Wir sprachen mit Keyboarder Johannes „Joe“ Walter-Müller und Bassist Christoph Deckert über die Notwendigkeit, sich als Musiker zu positionieren.

Die Band Jennifer Rostock (Archivaufnahme)

Quelle: PR

Leipzig. LVZ: Herzlichen Glückwunsch zu dem viralen Hit – wie kam es zu dem Video?

Walter-Müller: Jennifer und ich waren vor einigen Wochen in Wolgast, um bei der Aktion „Nicht komplett im Arsch“ von Feine Sahne Fischfilet mitzumachen. Wir sind dort in der Gegend aufgewachsen und die rechte Szene war omnipräsent. Und ist es nach wie vor. Bald sind dort Landtagswahlen. Die AfD wird wahrscheinlich mit circa 20 Prozent in den Landtag einziehen. Und wir dachten: Okay, was können wir tun? Einen Song, denn darauf verstehen wir uns am besten.

Der Song kommt fast zärtlich daher.

Walter-Müller: Wir wollten kein plumpes AfD-Bashing betreiben. Dass wir die AfD scheiße finden, wissen sowieso alle. Darum wollten wir mal ein paar Fakten präsentieren …

So dass der Song sich jetzt als Wahlempfehlung tarnt: Wenn ihr wirklich wollt, dass verwirklicht wird, was in deren Parteiprogramm steht – die Steuererleichterungen für Besserverdienende, der Verzicht auf Mindestlohn, das reaktionäre Familienbild –, dann wählt die AfD. Steckt dahinter der Eindruck, dass viele potenzielle AfD-Wähler dieses Programm gar nicht kennen?

Walter-Müller: Das hat sich bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt gezeigt: Laut Umfragen wussten 80 Prozent der AfD-Wähler nicht, wofür die Partei wirklich steht, oder interessierten sich sowieso nicht dafür, weil sie rein aus Protest gewählt haben. Sie wissen nicht, dass sie eine Partei wählen, die ihnen ins eigene Fleisch schneidet. Die AfD stellt sich hin als Partei des kleinen Mannes, aber im Programm steht genau das Gegenteil. Wir hoffen, dass wir ein paar dieser Leute erreichen und sie zum Nach- oder vielleicht sogar Umdenken bewegen können.

Was kann ein Song verändern?

Walter-Müller: Das weiß man nie. Aber wenn man sieht, wie oft dieser Song jetzt bei Facebook geteilt wird, sieht man, dass wir offenbar einen Nerv getroffen haben.

Am Ende steht die Aufforderung, wählen zu gehen. Können denn Wahlen etwas verändern?

Deckert: Ja, denn dazu sind sie da.

Walter-Müller: Auf jeden Fall. Wir nehmen in unserer Gesellschaft zwar vieles für selbstverständlich hin. Aber die Demokratie ist eine wahnsinnige Errungenschaft, die über Jahrtausende erkämpft werden musste. Nicht wählen zu gehen, ist ein Schlag ins Gesicht all derjenigen, die dafür eingestanden haben.

Deckert: Und klar ist die Demokratie noch nicht 100%ig ausgereift und im Prozess - aber im besten Fall hat die Menschheit noch 2000 Jahre Zeit, das ganze zu perfektionieren.

Es gibt erste Kritiker, die sagen, im Video werde überhaupt nicht empfohlen, wen man denn dann wählen solle ...

Deckert: Und das soll ein Vorwurf sein? Das Letzte, was wir hier machen wollen, sind parteipolitische Empfehlungen. Sondern: Beschäftigt euch mit dem Thema, denkt nach, geht wählen.

Es gibt im Moment eine Menge Kollegen, die sich engagieren: vorneweg Feine Sahne Fischfilet mit ihren Konzerten, Marteria, der da auch mitspielte. Selbst eine Band wie Silly bringt ein hochpolitisches Album heraus. Es fällt auf, dass es vor allem Künstler aus dem Osten sind. Wieso?

Walter-Müller: Das kann sein. Ich meine, Feine Sahne und wir sind in einer Gegend aufgewachsen, wo rechtes Gedankengut alltäglich ist. Dann hat man wohl den Drang, etwas zu verändern.

Deckert: Ich als Wessi habe diese Erfahrungen so krass einfach nicht gemacht.

Man hat das Gefühl, auch wenn man das neue Album hört, dass eine Menge Wut in Jennifer Rostock steckt, auch musikalisch – da steckt viel Punk drin, viel Retro-Sensibilität, aber auch viel Tempo nach vorne. War das Absicht?

Deckert: Ich muss erst mal gratulieren zu der Formulierung „Retro-Sensibilität“ (lacht).

Walter-Müller: Uns war es wichtig einzufangen, wo wir gerade stehen als Band. Nachdem die letzten beiden Alben doch eher schwermütig waren - wir aber doch lebensbejahende Menschen sind, die ändern, was sie wollen - wollten wir genau dieses Gefühl wieder nach vorne bringen. Der Punk ist wieder da, vieles ist rebellischer, aber auch positiver.

Deckert: Die Positionen waren ja schon vorher da. Wir haben sie nur vielleicht noch nie so deutlich formuliert.

Das führt dann zu Zeilen wie „Komm, wir teilen uns diese Erde. Komm, wir teilen uns noch ein Bier“. Da sind Jennifer Rostock auch noch ein Band, die gerne das eine oder Schnäpschen auf der Bühne trinkt?

Walter-Müller: Schnäpschen ja, aber hier ging es uns darum zu sagen: Weltpolitische Themen fangen beim alltäglichen Miteinander an. Das muss man sich immer wieder klar machen.

Aus dem Song, „Wir sind alle nicht von hier“, spricht auch eine gewisse Sattheit. Da heißt es weiter: „Es gibt kein Brot für die Welt, wir verschlucken uns am Kuchen“.

Walter-Müller: Wer ein Dach über den Kopf und täglich was zu essen hat, der hat es schon besser als die meisten andern Menschen auf der Welt. Wenn man sich diesen täglichen Luxus vor Augen hält, setzt man andere Probleme nochmal in ganz andere Relationen.

Jennifer Rostock in Leipzig

Jennifer Rostock in Leipzig (Archivbild)

Quelle: André Kempner

Mit „Silikon gegen Sexismus“ gibt es einen Song, der sich explizit mit dem Sexismus gegenüber eurer Sängerin, Jennifer Weist, befasst. Musste das mal raus?

Walter-Müller: Jennifer mag ihren Körper, geht damit auch offensiv um. Aber darauf kann man sie halt nicht reduzieren.

Deckert: Als Mann kannst du auch in Unterhose auf die Bühne kommen, und niemanden interessiert das groß. Und wenn Jennifer zum Schluss im Bikini dasteht, ganz einfach, weil sie auch schwitzt, heißt es: Die hat es wohl nötig, ihre Titten herauszuholen.

Wie sexistisch ist das Musikgeschäft?

Walter-Müller: Nicht weniger sexistisch als die Welt als Ganzes. Man denkt ja immer, dass das Business fortgeschrittener ist. Irrtum. Wie viele Frauen stehen bei einem durchschnittlichen Festival auf der Bühne? Wie viele sitzen in den Chefetagen der Plattenfirmen?

Das Schlüsselstück des Albums ist für mich der Opener, „Uns gehört die Nacht“, in dem das Anderssein zelebriert wird: „Wir tanzen durchs Leben, immer neben dem Takt“ ...

Walter-Müller: Da geht es um Rebellion, um das Feiern des eigenen Lebensstils, das Sich-Lossagen von falschen Werten. Man sollte nie das eigene Glück abhängig machen von der Meinung anderer Leute, teuren Autos oder einer Soho-House-Mitgliedschaft.

Geht es um Gegenöffentlichkeit?

Deckert: Nein, denn wir wollen ja eher ein Dafür schaffen als ein Dagegen.

Das wiederum richtet sich aber doch gegen die Menschen, die einem verkaufen wollen, was angeblich normal ist und was nicht.

Deckert: In dem Sinne schon. Zumal wir als Musiker ja auch ein Leben führen, das anders ist, mit viele Freiheiten, aber auch mit vielen Unsicherheiten und Verantwortungen.

Es gibt Bands, die sagen: politische Positionierung – klar. Aber bitte nicht in meinen Songs. Eine legitime Sichtweise?

Walter-Müller: Das soll jeder machen, wie er möchte. Ich glaube, es sind mehr Leute politisch, als man denkt. Aber jeder muss selber wissen, wie er damit umgeht.

Deckert: Es war nie unwichtig, sich zu positionieren. Es gab vielleicht Versäumnisse in den vergangenen Jahren sich zu positionieren. Und mit den Folgen haben wir jetzt zu kämpfen.
Und wenn man sich dann positioniert, dann „Genau in diesem Ton“?

Walter-Müller: Wir jedenfalls machen das so.

Interview: Stefan Gohlisch

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