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Jenny Erpenbeck macht Flüchtlinge sichtbar

Lesung in Leipzig Jenny Erpenbeck macht Flüchtlinge sichtbar

Für Jenny Erpenbeck sind Asylsuchende nicht erst seit 2015 ein Thema. Wer es „sehen wollte, konnte es schon sehen“, sagt sie. Und erzählt in ihrem Roman „Gehen, ging, gegangen“ die Geschichten der Flüchtlinge vom Berliner Oranienplatz. Am Donnerstag war sie damit im haus des Buches.

Jenny Erpenbeck im Haus des Buches.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Der Zustrom Asylsuchender ist in Deutschland ein Nachrichtenthema, das von Bildern lebt und von starken Worten. Es wird das Land verändern, weil es (auch) die Deutschen sichtbar macht, deren Haltung und auch deren Handeln. Für die Berliner Schriftstellerin Jenny Erpenbeck kommt das wenig überraschend. Ihr Roman „Gehen, ging, gegangen“ ist Ende August erschienen und hat genau das zum Thema: den Umgang mit Flüchtlingen. Aber auch deren Lebensgeschichten. Am Donnerstag hat sie darüber im Haus des Buches gesprochen.

Das Literaturcafé platzt aus allen Nähten, das Interesse ist groß, die Schlange am Signiertisch lang. „Das habe ich selber gesehen!“, versichert Erpenbeck mitten in einer Passage über ein NPD-Plakat. Der Moment steht für den Anspruch dieses Buches: beschreiben, was wirklich ist, mehr Fakten als Fiktion. Dass sie so früh zu diesem Thema fand, wirke nur auf den ersten Blick überraschend, liege auf den zweiten gar nicht mehr so fern, sagt sie. Schon in ihren vorherigen Büchern, in „Aller Tage Abend“ etwa, habe sie sich damit beschäftigt, „was Biographie ist, wodurch Brüche ins Leben kommen“, mit Einschnitten, die aus einem Menschen einen anderen machen. So gesehen sei der Roman eine „logische Schlussfolgerung“ ihrer vorherigen Arbeit.

„Ich bin kein Kompendium für Flüchtlinge“

Auslöser war im Herbst 2013 eines der ersten großen Bootsunglücke auf dem Mittelmeer, mit rund 300 Toten. „Ich habe erwartet, dass es eine große Erschütterung gibt.“ Doch die blieb aus. Dazu kam das Flüchtlingscamp am Berliner Oranienplatz, das 2014 geräumt wurde. Auch das eine Nachricht, die verhallte. Wer es „sehen wollte, konnte es schon sehen“, sagt Erpenbeck. Es sei klar gewesen, dass die Flüchtlingsfrage eine Frage ist, „die uns betrifft“.

Ihre Recherchen haben sie zur Teilnehmenden gemacht. Dies sei ihre Weise der Annäherung: Fragen zu stellen, sich bestimmten Erfahrungen auszusetzen. Ziel war, Geschichten zu hören, die guten wie die schlechten, vom Leben vor der Flucht, Familien, Arbeitsalltag. Hinzuschauen, unter welchen Bedingungen die Asylsuchenden in den Camps und Heimen leben, wo sie auf „künstliche Art dazu verdammt sind, alt zu sein: zu sitzen und zu warten.“

Jenny Erpenbeck

Jenny Erpenbeck: Gehen, ging, gegangen. Knaus Verlag; 352 Seiten, 19,99 Euro

Quelle: Verlag

Und es gab, erzählt die Autorin auf Nachfrage von Moderatorin Claudia Kramatschek (Sprecherin der Jury, die den Roman für den Deutschen Buchpreis nominiert hatte), beim Schreiben darüber nicht wenige Fettnäpfchen auf einem Parcours um Klischees, Vorurteile und politisch korrekte Sprache. Aber: „Ich bin kein Kompendium für Flüchtlinge.“

Sie ist die Erzählerin, die sichtbar macht, was gesehen werden muss. Sehen, sah, gesehen. Den, wie sie es nennt, „deutschen Part“ im Roman spielt Richard, ein Rentner. Der sieht in TV-Nachrichten Asylsuchende im Hungerstreik, sieht deren Schild „We become visible“, wir werden sichtbar. Er ist selbst dort gewesen, wieso hat er die Männer nicht bemerkt? Nicht zufällig ist Richard Ostdeutscher, er weiß, wenn auch auf andere Art, „was es bedeutet, in eine fremde Welt zu kommen, wenn die ganze Gesellschaft plötzlich eine andere ist, die Gesetze, die Produkte, naja, wir wissen das alle“.

Was wir nicht wissen ist, wie es weitergeht. „Auf Gesetzes-Seite hat sich nichts verändert“, sagt die 48-Jährige, „eher auf Seiten der Privatinitiative“. Jenny Erpenbeck liest noch eine Passage, die nach dem Totensonntag spielt und vor dem 2. Advent. Literatur in Echtzeit sozusagen, Während die Blicke sich schon wieder abwenden. Die der Menschen von den Nachrichten und die der Nachrichten von den Schutzsuchenden.

Von Janina Fleischer

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