Volltextsuche über das Angebot:

8 ° / 2 ° wolkig

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
Jens Nitzschner ist ab August nicht mehr Wirt der „Skala“

Schlechtest gelaunter Kult-Kneiper der Stadt Jens Nitzschner ist ab August nicht mehr Wirt der „Skala“

Irgendwann wird er halt ungemütlich. Dann stützt Jens Nitzschner die Fäuste in die Hüften und poltert seine Gäste an: „Wenn ihr nur quatscht und nichts trinkt, setz’ ich euch auseinander!“. Ungezählte Male hat sich diese Szene in der „Skala“-Kneipe abgespielt. Längst nicht die einzige Charmeoffensive, die der Wirt in petto hat. Damit ist es bald vorbei.

Kneipier Jens Nitzschner.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Wer es wagt, einen grünen Tee zu bestellen, erntet die Weisung „Wenn du krank bist, bleib zu Hause!“. Eine Umgangsart, bei der andere Betreiber schon am Tag der Kneipeneröffnung einen Termin beim Insolvenzverwalter vereinbaren sollten. In der Kneipe an der Gottschedstraße 16 aber saugt man die Nitzschnerschen Unverschämtheiten auf wie Raucher den Tabak. Und auch der wabert verlässlich dicht durch den Raum.

Sehr bald werden Skala-Besucher bedauern, ihre Ruhe vor den Pöbeleien zu haben. Ende Juli will Nitzschner zum letzten Mal den Schlüssel in die Tür stecken, dann endet der Mietvertrag. Nach jüngstem Stand wird es nach vierwöchiger Schließung eine Verlängerung geben – und mit dem schon lange dort zapfenden Clemens Kennert einen neuen Betreiber, doch Nitzschner nutzt diesen Einschnitt für den Schlussstrich.

Gäbe es einen Leitspruch für das Leben des 1961 geborenen Wiederitzschers, es wäre wohl Henry Miller: „Leben ist, was uns zustößt, während wir uns etwas ganz anderes vorgenommen haben.“ Zu Nitzschners Ur-Entwurf hat das Dasein als Gastronom nie gehört. Und oft waren es unbedachte Sätze in bestimmten Situationen, die zu Abweichungen vom geplanten Kurs führten – weil sein loses Mundwerk die Regie übernahm, ohne das mit seinem Besitzer abzusprechen.

Image des Revoluzzers

Als Schüler zum Beispiel: Eigentlich kennt Nitzschner Wolf Biermann gar nicht, will aber selbst Liedermacher werden und pinnt eine Unterschriftensammlung gegen die Ausbürgerung ans Schwarze Brett, von ihm als Erstem unterzeichnet. Und als Letztem. Er fliegt von der Schule. „Von da an hatte ich das Image des Revoluzzers, der das System gefickt hat“, berichtet er, „obwohl ich mich da nur reingeschusselt habe“. Als es um ein Studium der Zahnmedizin bei der NVA geht, fragt ihn der Offizier, wie lange er sich zu verpflichten gedenke. „Am liebsten gar nicht“, entfährt es dem jungen Kerl, und dieser Drops ist gelutscht.

Irgendwann, gibt der 54-Jährige zu, hat er sich damals im Image gesonnt und es bedient, als Träger langer Haare, Römerlatschen und Jeans. Um sein Berufsziel über Umwege zu erreichen, beginnt er eine Ausbildung zum Zahntechniker, arbeitet in dem Beruf drei Jahre nach dem Abschluss. Spät abends, wenn die gerade geborene Tochter Marie schläft, schnappt er sich immer öfter die Gitarre.

Mitte der 80er bewirbt sich Nitzschner („Mir fehlte die kritische Selbsteinschätzung, ich war völlig bescheuert“) in Leipzig an der Musikschule, rauscht mit Pauken und Trompeten durch – und nimmt Gitarrenunterricht. „Zu dieser Zeit habe ich Demut gelernt.“ Und das Saitenspiel. Nur knapp zwei Jahre später fällt der Fachbereichsleiterin bei der zweiten Eignungsprüfung die Kinnlade herunter. Nitzschners Weg führt über Weiterbildung zum Konzertgitarrenstudium, nebenbei arbeitet er ehrenamtlich in der Moritzbastei; 1990 macht der nun zweifache Vater seinen Abschluss an der Musikhochschule unter Siegfried Thiele, bekommt einen Job an der Musikschule Ottmar Gerster.

Programm-Organisator in der Moritzbastei

Mit Muggen vor allem bei Vernissagen in Galerien und durch Privatunterricht hat er bis dahin gutes Geld verdient, nun zieht ihm der Fall der Mauer die finanziellen Standbeine weg – Galeristen und Eleven geben ihr Geld für Anderes aus, die Musikschule baut Stellen ab. Mit einer ABM als Programm-Organisator in der Moritzbastei hält er sich über Wasser, später als selbstständiger Veranstaltungsmacher. „Zwischendurch hab ich immer drauf gewartet, dass mich als Gitarrist die Welt entdeckt“, erzählt der Mann mit seinem typischen schief gelegten Grinsen und öffnet eine neue Packung Lord Extra, von der viele nicht mehr wissen, dass es die Marke noch gibt. „Die rauchen nur alte Frauen und ich.“

Mitte der 90er Jahre nimmt Nitzschner eher notgedrungen einen Kneipenjob an – und findet Spaß daran. Das erste Bier, das er zapft, fließt aus dem Hahn des Tuvalu. Im Shamrock (dem heutigen Stoned) und im Café Westen steht er hinter dem Tresen. 1998 klingelt ihn eines Morgens Wolfgang Engel aus dem Tiefschlaf. Der Schauspiel-Intendant sucht einen Betreiber für die Kneipe der Spielstätte „Neue Szene“; 14 Tage darauf sitzen die Unterschriften unter dem Mietvertrag, auch die von Kompagnon Thomas Weikert als Zuständigem für die Zahlen-Arithmetik, die Nitzschner hasst bis heute.

Wie schon in den vorigen Locations kultiviert der Kneiper den rustikalen Ton und einen Humor, der so trocken ist wie die Sahara. Menschen, die er mag, begrüßt er herzhaft mit „Es hätte so’n schöner Abend werden können!“.

Talkgast für die Reihe „Flughafen Klein-Paris“

Der „Zottlige“, so nennen ihn einige, ist gut aufgehoben im Schauspieler-Umfeld. Die Kneipe – seit Sebastian Hartmanns Intendanz „Skala“ betitelt, doch für die Alteingesessenen immer noch die „Neue Szene“ – ist für (Lebens-)Künstler ein Wohnzimmer, in dem man diskutiert und herumspinnt, in dem man die Zeit vergisst, in dem man vom Gastgeber gern herzhaft angefurzt wird.

Hinter der mürrischen, genäselten Schnoddrigkeit des Jens Nitzschner steckt ein Mensch mit weichem Herzen, großer Sensibilität und Sinn für geistige Feinheiten. Im privaten Leben, das er mit seinem jüngsten Sohn Friedrich (fast 17) und seiner Frau Dörte Waurick (Academixer-Chefin) teilt, hängt an den Wänden eine Menge anspruchsvoller Kunst der Gruppe Solitaire Factory, auch Arbeiten von Sebastian Gahntz. Einen antiken Bücherschrank teilen sich Sartre, Hesse, Frisch und Tolstoi. Und im Flur hängt noch die alte Leuchtwerbung: „Neue Szene“.

Zum Ende seiner Kneiper-Karriere hat man Nitzschner als Talkgast für die Reihe „Flughafen Klein-Paris“ entdeckt („Mensch, die sollen sich richtige Promis einladen!“); das Schauspiel Leipzig holte ihn für „Die Räuber“ in seiner Paraderolle als Publikumsbeschimpfer auf die Bühne. Ein bisschen suspekt ist ihm die Aufmerksamkeit. „Das Besondere in der Kneipe ist das Publikum, nicht meine Fresse“, knurrt er.

Was auf die Zeit hinterm Tresen folgt, ist noch nicht konkret. Es gibt eine Idee, die er „MoZaRT“ nennt, Abkürzung für „Mobiles Zahntechnisches Reparatur-Team“. „Gemeint sind mein Auto und ich!“, fügt er an. Zahntechniker Nitzschner will zu den Leuten fahren, denen Praxisbesuche schwer oder gar nicht möglich sind. Wie war das noch? „Wenn du krank bist, bleib zu Hause!“ Vielleicht aber kommt auch alles ganz anders.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus News
  • Schauspiel Leipzig
    Mikrologo Schauspiel Leipzig

    Theater in Leipzig: Höhepunkte, Premieren, Spielplan und Angebote der Spielzeit 2016/2017 im Schauspiel Leipzig mehr

  • Dreamhack Leipzig

    Auf der Dremhack 2017 treten die besten Computerspieler gegeneinander an. mehr

  • Asisi - Welt der Panoramen
    Panometer Leipzig: Alle Infos zum "Great Barrier Reef" und den weiteren Panoramaprojekten von Yadegar Asisi

    Erfahren Sie im Special von LVZ.de alles zum Great Barrier Reef im Panometer Leipzig und den asisi-Panoramen in Dresden. mehr

  • Schau! Das Leipziger Museumsportal
    Schau! Das Leipziger Museumsportal

    Alle Informationen zu den Museen in Leipzig, ihren Ausstellungen und Events auf einen Blick im Special der LVZ. mehr

Blättern Sie hier durch die aktuelle Veranstaltungsbeilage "Applaus" und finden Sie Konzerte, Shows, Ausstellungen, Sport-Events und mehr in Leipzig und Umgebung. mehr

Erfahren Sie mehr auf www.leipziger-museen.de

Leipzig gilt als der Geburtsort der modernen Psychologie. Wie früher und heute im Geist geforscht wurde ist vom 14. September bis zum 16. Dezember 2016 in der Ausstellung "Psychologie in Leipzig - Geburt einer Wissenschaft" zu sehen. Besucher können sowohl Beobachter als auch Versuchsperson sein. Unsere Schau des Monats November! mehr

  • E-Paper
    E-Paper

    Mit unserem E-Paper-Abo können Sie die LVZ in digitaler Form täglich im Original-Layout im Web oder auf Ihrem Tablet lesen. mehr

  • Magicpaper
    Magicpaper

    Wenn Sie an Beiträgen in der gedruckten LVZ das Handy-Symbol entdecken, stehen ab sofort mithilfe der Magicpaper App zusätzliche digitale Inhalte f... mehr

  • Onlineabo

    "LVZ-Online Extra" heißt das Online-Premiumangebot der Leipziger Volkszeitung, das Sie überall auf der Welt und rund um die Uhr nutzen kö... mehr

  • Leipzig Wiederentdeckt
    Leipzig Wiederentdeckt

    Die 13 Filme schildern eine einzigartige Zeitreise durchs 20. Jahrhundert der Stadt Leipzig – von den Anfängen des Films bis zur Wendezeit. Mit bis... mehr

  • So war das damals...
    So war das damals...

    Dies ist ein Geschichtenbuch der besonderen Art: Leserinnen und Leser der Leipziger Volkszeitung erzählen Erlebnisse aus ihrer Kindheit und Jugend,... mehr