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Jenseits der Schwerkraft am sehr dünnen Faden

„Café Melange“ feiert Premiere im Leipziger Krystallpalast-Varieté Jenseits der Schwerkraft am sehr dünnen Faden

Im Leipziger Krystallpalast-Varieté feierte am Donnerstagabend „Café Melange“ Premiere, die Wintershow, die nun bis März in der Magazingasse läuft.

Und jetzt alle: Die Akteure von „Café Melange – Das Wintervarieté“ im Leipziger Krystallpalast.

Quelle: Kempner

Leipzig. Martin von Barabü, seit gestern Abend und noch bis Anfang März führt er durch die neue Wintershow im Krystallpalastvarieté, bückt sich gern und oft nach all den Kalauern, die im Verlaufe einer Zweistunden-Show am Wegesrand liegen. Doch tut er es mit einem so doppeldeutigen Lächeln im Gesicht, mit so viel offensiver Verschämtheit, so viel Geschmeidigkeit und Charme, dass es seine eigentliche Stärke eher befördert als beschädigt: die unbändige Kraft der leisen Töne, das Leuchten zarter Pastelltöne.

Ganz subtil, ganz zärtlich, ganz poetisch und mit nachgerade heiligem Ernst, aber eben auch mit vor Vergnügen bebenden Mundwinkeln lässt dieser einzigartige Zauber-Conférencier Tische und Elfen schweben. Ohne Getue, ohne Licht- oder Knall-Effekte fügt er das Puzzle des Lebens in den Rahmen des Seins – und durchs selbstredend ausverkaufte Varieté-Theater pulsen seufzend sachte Schauer der Erkenntnis.

Das könnte den Rhythmus vorgeben im „Café Melange“ und den zerbrechlichen Rahmen für eine feine nostalgische Show im Wiener Gewand. Doch offenkundig traut Regisseur Klaus Seiffert den Zwischentönen nicht über den Weg. Und so versucht er, die große wienerische Kleinkunst des Martin von Barabü auszubalancieren mit dem groben berlinischen Klamauk der international staunenswert erfolgreichen Collins Brothers.

Ja, gewiss: Streckenweise sind die beiden wirklich brüllend komisch. Die verunglückte Zaubernummer mit zersägtem Deppen lässt kein Auge trocken im Saal – aber weder von der bloßstellenden Tölpelei des einen noch vom alsbald an den Nerven zerrenden klemmigen Genöle des anderen führt ein dramaturgischer Weg hinüber zu von Barabüs weltgewandter Eleganz. Das raubt dem Café Melange das Zentrum, hemmt Rhythmus und Tempo – und motiviert mit seinem unnötigen (schließlich gibt es einen Conférencier) verbalen Mitteilungsdrang auch die Kollegen zu wenig zielführendem Gequatsche.

Jens Thorwächter alias Jeton etwa arbeitet sich in seiner Eigenschaft als der Welt wahrscheinlich letzter Gentleman-Jongleur zwar äußerst gekonnt an den Accessoires der vornehmen Welt ab, von der Billard-Kugel bis zu den Queues, von der Melone bis zum Spazierstock, entwickelt dabei Swing und Timing und Eleganz – aber nur wenn er geschwiegen hätte, wäre er wirklich Gentleman geblieben.

Peter André Rodekur darf nicht schweigen in dieser Produktion. Er ist für die Caféhausmusik zuständig, hangelt sich singend am Klavier vom noch ein wenig schütter vorgetragenen Benatzky-Dauerbrenner „Mein Liebeslied muss ein Walzer sein“ recht gekonnt über Kreisler-Bosheiten bis zum roten „Naserl“ Paul Hörbigers – und zeigt hier gemeinsam mit von Barabü und dessen Handpuppen-Tante Waltraud, dass musikalische Nostalgik dem Café Melange besser bekommt als Brachial-Witz.

Der Rest vom Fest kommt ohne Worte aus: die bezaubernde Viktória Csórdas aus Ungarn beispielsweise, die als Seilspringerin an Preisen und Medaillen rund um den Globus abgeräumt hat, was abzuräumen war. Sie hat vor einigen Jahren erst mit ihrer eindrucksvollen Kombination aus Anmut, Akrobatik und Tempo den Schritt vom Sport zur Show vollzogen. In der Wintershow des Krystallpalastes setzt sie damit nun den artistischen Höhepunkt im ansonsten etwas betulichen erste Teil.

Der zweite birgt deren zwei: Da ist zum einen die atemberaubende Hand-auf-Hand-Körperkunst des österreichischen Duos NightPeople. Kraft und Geschmeidigkeit, Kontorsion und Choreographie, Virtuosität und Witz weit außerhalb der von der Schwerkraft abgesteckten Grenzen. Und da ist die Kronleuchter-Luftakrobatik der Irin Keeva Treanor, die als Augenweide AirCandy ein „Ballett der Lüfte“ präsentiert – dessen Alleinstellungsmerkmal allerdings bei näherem Hinsehen wirklich nur der Kronleuchter ist.

Immerhin nimmt die Show nach der Pause deutlich an Fahrt auf – was indes eher an der Überzeugungskraft der Einzelnummern liegt als am Regiekonzept, dessen roter Faden vom Caféhaus am Rande des finanziellen Zusammenbruchs auch hier sehr, sehr dünn bleibt. Freundlicher Applaus für einen netten Abend mit Potenzial.

„Café Melange. Das Wintervarieté“ im Krystallpalast: bis 4. März; Karten (15 – 35 Euro, Menü 25 / 20 Euro) unter Tel. 0341  140660, www.krystallpalastvariete.de

Von Peter Korfmacher

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