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Jenseitsreise in die Neuzeit

Jenseitsreise in die Neuzeit

Er stand auf der falschen Seite: Dante Alighieri, geboren vor 750 Jahren, zwischen dem 14. Mai und dem 13. Juni 1265 in Florenz, gestorben am 14. September 1321 in Ravenna.

Leipzig. Darum musste er in die Verbannung. Darum schrieb er seine "Divina commedia", die "Göttliche Komödie". Darum verlief die europäische Kultur- und Geistesgeschichte so, wie sie verlief. Denn im Denken und Schaffen des gelehrten Exilanten greifen scholastisches Spätmittelalter und humanistische Renaissance ineinander. Er ist das Scharnier. Und darum sind er und sein Schaffen auch nach einem dreiviertel Jahrtausend noch präsent. Gottseidank also stand er auf der falschen Seite.

Doch was wäre die richtige gewesen? Vordergründig ging es im Zank zwischen Guelfen (Welfen) und Ghibellinen (Waiblingern) um die höchste weltliche Macht in Europa: Sollte der Kaiser das Sagen haben, wie Dante und die anderen Ghibellinen befanden. Oder sollte der Papst die letzte Instanz sein im Reich, wie die Guelfen es sahen. Ob diese letzte Instanz dann auch ganz direkt in die Politik eingreifen können sollte, darüber entzweiten sich überdies die Parteien jeweils in "Weiße" und "Schwarze". Und Familienfehden, wie man sie in Italien immer schon gern pflegte, überlagerten das ohnehin unüberschaubare Parteiengeflecht bis zur Unkenntlichkeit.

Leipzig. Er stand auf der falschen Seite: Dante Alighieri, geboren vor 750 Jahren, zwischen dem 14. Mai und dem 13. Juni 1265 in Florenz, gestorben am 14. September 1321 in Ravenna. Darum musste er in die Verbannung. Darum schrieb er seine "Divina commedia", die "Göttliche Komödie". Darum verlief die europäische Kultur- und Geistesgeschichte so, wie sie verlief. Denn im Denken und Schaffen des gelehrten Exilanten greifen scholastisches Spätmittelalter und humanistische Renaissance ineinander.

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In Italiens Städten wuchsen die Türme, heute noch in San Gimignano zu besichtigen, hinter deren Mauern sich die einflussreichen Clans verschanzten und von denen aus sie ihre Gegener mit glühenden Kohlen, Steinen oder Kot bewarfen. Bürgerkrieg allüberall.

In diese Situation hinein machte Dante, als Lyriker, Scholastiker und literarischer Theoretiker bereits weithin gerühmt, eine zunächst vielversprechende politische Karriere. Er schaffte es bin ins Priorat, das höchste Amt in Florenz, bevor er endgültig zwischen die Räder geriet und 1302 in die Verbannung musste. Ein unstetes Wanderleben von Stadt zu Stadt und von Gönner zu Gönner begann, in dessen Verlauf das Opus magnum der italienischen Literatur entstand: die "Divina commedia", geschrieben wohl zwischen 1306 und 1316. In einem berühmten Brief an seinen Mäzen Cangrande della Scala, Herrscher von Verona, bescheinigte Dante Alighieri seiner Schöpfung, man könne sie im Buchstabensinn lesen, dann handle die Erzählung vom Leben der Seele nach dem Tod. Gehe man allegorisch an die Sache heran, dann verstehe man, dass der selbstbestimmte Mensch einer belohnenden wie der strafenden höheren Gerechtigkeit ausgeliefert sie.

Autobiographie und Weltwissen, Lehrgedicht und epische Pracht, 14223 Verse in Dreiergruppen, die der Wechselreim verzahnt (aba, bcb, cdc ...), verteilt auf 100 Gesänge: Ein Prolog, in dem Dante den antiken Dichterfürsten Vergil trifft, den Verfasser der "Aeneis", des Gründungsmythos des ewigen Rom. Der führt ihn 33 Gesänge lang durch die Hölle und 33 Gesänge lang den Läuterungsberg hinauf, bis er den Dichter, der am Karfreitag des Heiligen Jahres 1300, "in der Mitte seines Lebens" diese Reise durch die drei Jenseitsreiche antrat, an Beatrice weiterreicht. An die Jugendliebe, der er vor der Verbannungszeit bereits seine unsterblichen Gedichte im süßen neuen Stil zu Füßen gelegt hatte - Lobpreis der reinen Minne, in dem die Liebe zur unerreichbaren Frau und die zur Philosophie einander kunstvoll durchdringen. Beatrice schließlich führt den Jenseitswanderer wiederum 33 Gesänge lang durch die Sphären-Schalen des Himmels. Bis zur Gottesschau, zur "Liebe, die die Sonne bewegt und die anderen Sterne". Vor der indes die Worte des Dichters versagen.

So kunstvoll Dantes Weltbild gefügt ist, so mittelalterlich ist es - Kopernikus und Galileo waren noch nicht in Sicht. Auf unserer Seite der Erde klafft die Hölle, ein in Gräben unterteilter Trichter, den Luzifer bei seinem Sturz aus dem Himmel schlug und an dessen tiefster Stelle, genau im Mittelpunkt der Erde, der Leibhaftige in einem Eissee festgefroren auf den Erzverrätern herumkaut: Brutus, Cassius, Judas.

Von dort führt ein Gang auf die andere, die untere Seite der Welt. Dort hat sich ein Berg aufgetan aus all dem Erdreich, dass aus Abscheu vor Luzifer das Weite gesucht hat, der Läuterungsberg, wo die Seelen auf dem steilen Weg ins Paradies, das sich über ihm in neun Sphären entwickelt, ihre Sünden abtragen.

Man könnte fragen, was uns diese Weltsicht heute noch angehen mag. Aber diese Architektur, die überkommene Kosmologie sie ist eben nur eine Seite der Commedia-Medaille. Auf der anderen steht eine ungeheure Plastizität beim sozusagen humanistischen Übergang vom Allgemeinen ins Konkrete.

Sehr modern, saftig, diesseitig schildert Dante, was ihm auf seiner Reise widerfährt und wer ihm begegnet. Die beinahe genussvoll geschilderten Höllenqualen, denen er seine Widersacher aller Länder und Epochen aussetzt, die Zärtlichkeit, mit der er denen begegnet, die aus Liebe zu Sündern wurden, die ungefilterte Begeisterung, mit der er, ziemlich eitel, verblichene Kollegen im Himmel noch sein eigenes Schaffen lobpreisen lässt, das alles ist auch heute noch mit Genuss und Mehrwert zu lesen. Wenngleich durch die ungeheure Personenfülle und die Knappheit der Sprache nicht ohne Fußnoten-Apparat.

Italiener können dies übrigens heute noch ganz problemlos tun. Denn Dantes toskanisches Italienisch, es wurde im 19. Jahrhundert gemeinsam mit dem der anderen beiden Corone toscane, der toskanischen Kronen, Petrarca und Bocaccio zum Modell der Sprache im politisch geeinten modernen Italien. Eine Entwicklung, die er selbst bereits zu Lebzeiten angestoßen hat: Praktisch durch die sinnliche Kraft und Präzision seiner Dichtung, theoretisch durch den lateinischen Traktat "De volgari eloquentia" (Von der Redegewandtheit der Volkssprache, 1303-1305), mit dem er die Gelehrten seiner Zeit von der Tauglichkeit des Italienischen zu überzeugen versuchte.

Darum ist sein Werk lebendig geblieben, haben sich immer wieder Künstler seiner bedient. Literaten haben seit Bocaccio immer wieder in dieses Füllhorn der Stoffe und der Sprache gegriffen. Die Maler sind seit Botticelli nicht mehr davon losgekommen, die Komponisten haben Opern (Puccinis "Gianni Schicchi", von Giovacchino Forzano generiert aus ganzen drei Zeilen, Zandonais oder Rachmaninoffs "Francesca da Rimini"), Symphonische Dichtungen, Sonaten, Ballette (Liszt, Tschaikowsky ...) daraus destilliert. Kein Literat aus dieser längst vergangenen Zeit blieb über die Jahrhunderte auch nur annähernd so wirkmächtig wie Dante Alighieri.

Die leidenschaftliche Exegese seiner Texte, die Überhöhung ihres Schöpfers begannen durchaus schon zu Lebzeiten. Doch konnte ihn das nicht über den größten Verlust seines Lebens hinwegtrösten: den der Heimat. Bis zu seinem Tod in Ravenna hoffte Dante, doch noch nach Florenz zurückkehren zu können, in seine Stadt, die 1302 hatte verlassen müssen, weil er im unübersichtlichen Parteiengezänk auf dem Stiefel auf der falschen Seite stand.

Lese-Tipp: Die beste hierzulande greifbare Ausgabe der Divina commedia ist bei dtv erschienen: sechs Bände, Italienisch und Deutsch. Glänzend übersetzt und ausführlich kommentiert von Hermann Gmelin. Sie kostet 75 Euro.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 13.05.2015

Korfmacher, Peter

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