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„Jesus Christ Superstar“-Texter Tim Rice im Interview

Musical-Legende „Jesus Christ Superstar“-Texter Tim Rice im Interview

Mit „Jesus Christ Superstar“, einem Musical über den Sohn Gottes landete Sir Tim Rice zusammen mit Komponist Andrew Lloyd Webber vor über 40 Jahren einen Welthit. Anfang März gastiert das Stück an der Oper Leipzig. Zuvor gab der Texter der LVZ ein Interview.

„Jesus Christ Superstar“ gastiert in der Inszenierung aus dem Londoner West End an der Oper Leipzig.

Quelle: Pamela Raith

Leipzig. Die Geschichte vom Sohn Gottes, präsentiert in mitreißenden Rocksongs: Das ist das Rezept, mit dem Andrew Lloyd Webber und Tim Rice vor mehr als 40 Jahren mit „Jesus Christ Superstar“ einen Welthit landeten. Vom 2. bis 6. März gastiert das Musical aus dem Londoner West End an der Oper Leipzig. Die LVZ sprach mit Texter Tim Rice über Erfolg, Religion und Vorlieben von Queen Elizabeth II.

Frage: Als Sie gemeinsam mit Andrew Lloyd Webber die Arbeiten an „Jesus Christ Superstar“ aufnahmen – rechneten Sie damit, einen Welthit zu schaffen?

Tim Rice: (lacht) Nein, auf keinen Fall. Wenn Sie etwas schreiben, gerade wenn Sie so jung sind wie wir damals, rechnen sie nicht zwingend damit, einen Erfolg zu landen. Wir mochten einfach, was wir taten und wir schrieben, was wir wollten. Wir hatten alle Freiheiten im Studio, ich denke, sogar mehr, als wenn wir gezielt für die Bühne geschrieben hätten. Aber zu keiner Zeit sahen wir das Stück als etwas, das so lange Bestand haben würde.

Trotz der vielen Freiheiten im Studio wollten Sie das Werk auch auf die Bühne bringen.

Ja, wir wollten es eigentlich direkt auf die Bühne bringen, aber niemand war daran interessiert. Also nahmen wir das Album als eine Art Backup-Plan auf. Und das war, denke ich, sogar der Grund für den Erfolg von „Jesus Christ Superstar“. Im Studio konnten wir mit einer viel größeren musikalischen Bandbreite arbeiten. Orchester, Rockband – alles war möglich.

Wir entschieden uns deshalb auch gegen gesprochene Passagen. Auf einem Album kann man Dialoge nicht übermäßig oft einsetzen, weil es die Hörer sehr schnell langweilt. Zwar hätten wir für eine Bühnenproduktion eventuell auch einige Zeilen schreiben müssen, dachten uns aber: Lass es uns zunächst ohne versuchen. Und es funktionierte so gut, dass wir uns später überhaupt keine Gedanken mehr darüber machten. Der Gesang war völlig ausreichend.

Ihre Rockoper entstand in der Zeit der großen Konzeptalben, etwa „Tommy“ von The Who. Progressive Bands wie Pink Floyd erweiterten die Grenzen der Rockmusik. Wie sehr wurden Sie von solchen Künstlern beeinflusst?

Wir wurden nicht direkt von ihnen beeinflusst, auch wenn wir natürlich alle „Tommy“ gehört hatten. Es war ja auch nicht das, was wir mit unserer Arbeit erschaffen wollten. Alben wie „Tommy“ wurden von einer kleinen Gruppe, von Bands aufgenommen. Wir dagegen wollten etwas erschaffen, das einen großen Cast umfasste.

Trotzdem war der Zeitpunkt für die Veröffentlichung von „Jesus Christ Superstar“ im Rückblick natürlich perfekt, denn Albumverkäufe wurden in dieser Zeit zum ersten Mal wichtiger als die Verkaufszahlen von Singles.

Zudem hatte es etwas vergleichbares zuvor noch nicht gegeben. „Tommy“ etwa war brilliant, es war ein riesiger Erfolg, aber wir waren nicht der Meinung, das dies auch unser Markt sei. Natürlich können wir uns auch geirrt haben, natürlich könnten viele Menschen, die „Tommy“ kauften, auch „Jesus Christ Superstar“ eine Chance gegeben haben. Aber wir sahen „Superstar“ nie als etwas an, das wie etwas anderes war.

Für die Aufnahmen konnten Sie mit Deep-Purple-Sänger Ian Gillan einen waschechten Rockstar gewinnen. Wie kam es zu der Zusammenarbeit?

Wir hatten in einem Interview für ein Musikmagazin erwähnt, dass wir nach Sängern für unser Projekt suchen. Ians Manager, Tony Edwards, kontaktierte uns und schlug uns einen Sänger vor, einen typischen Theatersänger dieser Zeit. Er hatte einfach nicht die Art von Stimme, die wir uns vorstellten. Unser Jesus sollte sehr forsch und offen, teilweise auch hysterisch sein können – ein sehr kraftvoller Charakter, den am besten ein Rocksänger darstellen konnte.

Als wir Tony dann ein paar unserer Stücke vorspielten, schlug er Ian vor. Wir kannten ihn zwar noch nicht sehr gut, er war auch erst kurz zuvor zu Deep Purple gestoßen, aber wir wagten einen Versuch. Ian ging also mit uns ins Studio – und es war brilliant. Wir hätten niemand besseren finden können.

Sowohl Sie, als auch Komponist Andrew Lloyd Webber sind Briten, sie nahmen das Album mit britischen Musikern auf. Trotzdem fand „Jesus Christ Superstar“ zuerst in New York den Weg auf die Bühne.

Ja, das stimmt, hatte aber auch einen sehr einfachen Grund: Das Album war in England zu Beginn schlicht nicht erfolgreich genug. In Amerika hingegen war es ein riesiger Hit. Und auch in Europa war es sehr beliebt. Wir brachten Aufführungen in Dänemark und Schweden, in Paris und eben New York auf die Bühne, bevor es in England diese Aufmerksamkeit erfuhr. Die erste Aufführung in London fand 1972 statt – zwei Jahre, nachdem das Album erschienen war.

Aus religiösen Kreisen gab es damals einige Kritik an „Superstar“. Das Werk sei blasphemisch, hieß es. Wie sind Sie damit umgegangen?

Es gab Kritik von einigen religiösen Gruppen, aber nichts wirklich ernsthaftes. Ich erinnere mich an ein, zwei Leute in Amerika, die lange Artikel über „Superstar“ schrieben und ich ging ein oder zweimal ins Fernsehen um zu erklären, dass wir einfach nur eine Geschichte erzählen und niemandes Glauben verletzen wollten. Oftmals kam die Kritik von Menschen, die weder das Album gehört, noch eine Aufführung besucht hatten. Sie stießen sich einfach an den Assoziationen, die Rockmusik auslöst – Sex und Drogen und all das. Meist war es sogar eher die Musik, die sie als anstößig empfanden und weniger die Texte, die sie vermutlich nicht einmal gelesen hatten. Die große Mehrheit der Kritiker erkannte aber bald, dass wir nichts haarsträubendes erzählten. Wir betrachteten die Geschichte nur aus einer anderen Perspektive: Durch die Augen von Judas statt durch die eines wahren Gläubigen.

Sind Sie selbst eigentlich religiös?

Nein, ich sehe mich nicht als religiöse Person. Ich bin nicht sonderlich begeistert von organisierter Religion. Trotzdem bin ich Teil einer christlichen Kultur und eigentlich ganz zufrieden damit. Ich gehe nicht oft in die Kirche, aber es beruhigt mich zu wissen, dass es sie gibt. Die Kirche hat eine sehr interessante Symbolik und sie tut viel Gutes für die Menschen – in guten und in schlechten Zeiten. Ich persönlich glaube zwar nicht, dass Jesus wirklich der Sohn Gottes war, bin aber gleichzeitig überzeugt, dass es da draußen etwas gibt, das wir nicht verstehen können.

Sie schreiben nicht nur Texte für Musicals, sondern sind auch seit mehr als 40 Jahren als Texter für andere Künstler und Filmproduktionen tätig. Woraus ziehen Sie nach all der Zeit immer noch Inspiration für Ihre Arbeit?

Nun, das ist manchmal durchaus schwierig, aber wenn etwas mein Interesse weckt oder jemand eine spannende Idee an mich heranträgt – und das passiert oft – dann stürze ich mich gerne in die Arbeit. Das Schreiben bereitet mir einfach viel Freude.

Ich hatte eine sehr schöne Zeit mit Disney und Produktionen wie etwa dem „König der Löwen“. Viele dieser Projekte liefen sehr erfolgreich – ich kann mich glücklich schätzen, auch wenn natürlich nicht alles, woran ich gearbeitet habe auch von Erfolg gekrönt war. Trotzdem ist es einfach schön, gerade wenn man älter wird, zu wissen, dass etwas das man als junger Mensch erschaffen hat auch heute noch populär ist. Wenn junge Leute, die noch gar nicht geboren waren, als wir die Arbeit aufnahmen, unsere Werke zu schätzen wissen – das ist großartig.

Ihr Musical „Chess“, ein Werk mit deutlichen politischen Referenzen zum Kalten Krieg, dass Sie in den 1980er-Jahren gemeinsam mit den ABBA-Musikern Björn Ulvaeus und Benny Anderson schrieben, war eines dieser Werke, das nicht auf der ganz großen Erfolgswelle mitschwamm.

Nicht ganz. „Chess“, vor allem die Albumversion, war besonders in Europa ziemlich erfolgreich, und der Song „One Night in Bangkok“ war ein Hit in Amerika. Aber es stimmt, wir hatten nie wirklich großen Erfolg mit der Bühnenversion. Es war einfach keine sonderlich gute Inszenierung, fürchte ich. Trotzdem ist es nach wie vor sehr beliebt und wird immer noch in kleinerem Rahmen gespielt - ich habe es etwa in Deutschland gesehen. „Chess“ ist nach wie vor gesund und munter.

„Jesus Christ Superstar“ kommt in einer Inszenierung von Bob Tomson nach Leipzig. Hat er größere Veränderungen vorgenommen?

Nein, das Stück ist im großen und ganzen so wie es schon immer war. Natürlich ist der Look Sache des Regisseurs, aber ansonsten haben wir nichts verändert. Es ist allerdings die Bühnenversion, die ein oder zwei zusätzliche Songs enthält. Ich persönlich hoffe ja, dass die Inszenierung insgesamt außergewöhnlich sein wird. (lacht)

Sie wurden 1994 von Königin Elizabeth II. zum Ritter geschlagen. Hat Ihnen Ihre Majestät auch verraten, welches ihr Lieblingsmusical ist?

(lacht) Ja, ich darf mich „Sir“ nennen. Es war eine sehr aufregende Zeremonie, aber auch ziemlich kurz. Man hat leider keine Zeit für eine längere Unterhaltung, ich konnte sie also nicht danach fragen.

Von Bastian Fischer

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