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Jesus unter Verdacht - Gstrein behandelt fundamentale Probleme in neuem Roman

Jesus unter Verdacht - Gstrein behandelt fundamentale Probleme in neuem Roman

In "Eine Ahnung vom Anfang" zwingt ein hässlicher Bombenverdacht gegen den Ex-Schüler Daniel dessen Lehrer zum intensiven Nachdenken. In seinem neuen Roman geht es dem Österreicher Norbert Gstrein um fundamentale Probleme.

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Norbert Gstrein: Eine Ahnung vom Anfang. Hanser Verlag; 352 Seiten, 21,90 Euro

Quelle: Verlag

Leipzig. Mathematik faszinierte Norbert Gstrein von Kindesbeinen an. Er belegte das Fach an der Universität Innsbruck und promovierte schließlich über ein Thema aus dem Bereich der Logik. Insofern verwundert es wenig, dass der Ingeborg-Bachmann-Preisträger von 1989 den Helden seines jüngsten Romans ausgerechnet diese Wissenschaft studieren lässt.

Im Unterschied zum Autor bricht der Rechenkünstler Daniel jedoch nach wenigen Semestern seine Hochschulausbildung ab. Den Grund benennt er in illusionslosen Worten: "Das hat alles keinen Sinn. Wohin auch immer ich blicke, ich sehe nur Leute mit leeren, vergeudeten Leben, die sich mit sinnlosen Dingen beschäftigen, leere, sinnlose Gespräche führen und darauf warten, dass sie von dem Unsinn erlöst werden und sterben."

Diese provokante Formulierung zeigt, worauf Gstrein hinaus will. Es geht ihm um fundamentale Probleme: Warum gestalten wir unser Dasein oft wider besseres Wissen nicht anders? Weshalb fügen wir uns so gern Konventionen?

Daniel verkörpert das Gegenteil des Massenmenschen. Nie passt er sich dem Mainstream an. Vielmehr steigt er aus und kehrt den gesellschaftlichen Normen den Rücken. An einem Wintertag erscheint er überraschend bei seinem ehemaligen Gymnasiallehrer Anton: "Er stand unangemeldet mit leuchtenden Augen und einem neuen Rucksack vor der Tür, hatte einen Schlafsack und einen Gaskocher gekauft, beide von allerbester Qualität, ohne dass ich sagen konnte, woher er das Geld nahm, und bestand darauf, dass ich ihn an den Fluss hinausbrachte."

An diesem Fluss, der im Text nicht näher bezeichnet wird, befindet sich Antons Rückzugsort: Eine alte Mühle ohne Strom- und Wasseranschluss. Daniel kennt das karge Refugium bereits. Nach der Abiturzeit verbrachte er dort mit seinem Freund Christoph unter der Obhut Antons etliche Wochen. Bald schon begannen die Leute über diese sonderbare Kommune zu munkeln. Es kursierten Gerüchte, der Pädagoge pflege ein homosexuelles Verhältnis zu den beiden Jungen. Und tatsächlich ereignete sich in einem unbedachten Moment eine Umarmung zwischen Anton und Daniel. Sie passierte aus emotionalem Überschwang. Ob dabei erotische Erregung mitschwang, bleibt bis zuletzt strittig.

Gstrein entpuppt sich als Meister der Erzeugung von vagen Stimmungen. Das Unklare, Verschwommene, ja Verwaschene ist seine Spezialität. Er schätzt die Mehrdeutigkeit, das Doppelbödige und Nebulöse. Diese Leidenschaft entfaltet sich besonders in Szenen, die auf die Frage hinauslaufen, ob Daniel wegen seiner Außenseiterrolle zum Bombenleger wird. Als eines Tages auf dem Bahnhof von Daniels Heimatstadt ein Sprengsatz entdeckt wird, glaubt Anton auf dem Fahndungsfoto seinen ehemaligen Lieblingsschüler zu erkennen. Sicher wähnt er sich freilich nicht. Deshalb durchsiebt er alle Erinnerungen, um sich Gewissheit zu verschaffen, ob der Verdacht berechtigt ist.

Dabei entsinnt er sich vor allem jener Augenblicke, in denen er Daniel in religiöser Verzückung sah. Ein Sektenguru aus Amerika hatte den Halbwüchsigen mit fanatischen Parolen geködert und dann bekehrt. Altersgenossen verhöhnten ihn deshalb mit dem Spitznamen "Jesus". Selbst von Freunden erntete er Spott dafür, dass er regelmäßig fastete, noch als 14-Jähriger in der Schulmesse ministrierte und die Bibel als sein Lieblingsbuch betrachtete. War er wegen seiner "Neigung zum Spintisieren und Träumen und Sich-Verlieren in irrealen Welten" am Ende womöglich einer Bande von Terroristen ins Netz geraten? Verpflichtete er sich gar den Taliban? Nichts davon klärt sich auf.

Aus psychologischer Perspektive schreibt Gstrein glänzend, weil er Nuancen berücksichtigt und nie in Schematismus verfällt. Stilistisch holpert es bei ihm zuweilen ein wenig, denn er frönt dem Hilfsverbfetischismus, der zur Zeit unter Schriftstellern im deutschsprachigen Raum enorm grassiert. Seine gut gegliederten Sätze entbehren daher trotz des breit gefächerten Vokabulars häufig der Eleganz. Was sie rettet, ist der austarierte Tenor der Melancholie. Der permanent schwermütige Tonfall eignet sich freilich nicht zur Erbauung. Man benötigt eine ordentliche Portion seelischer Kraft, um diese in den 90er Jahren angesiedelte Geschichte bis zum Schluss zu ertragen. Wer es schafft, kommt in den Genuss eines inhaltlich bemerkenswerten Werkes der Gegenwartsliteratur, das sich den Innenwelten von Peter Handke nähert.

Norbert Gstrein: Eine Ahnung vom Anfang. Hanser Verlag; 352 Seiten, 21,90 Euro

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 14.08.2013

Ulf Heise

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