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John Eliot Gardiner beim Bachfest: Musikalischer Ausdruck als Brücke vom Wort zur Seele

John Eliot Gardiner beim Bachfest: Musikalischer Ausdruck als Brücke vom Wort zur Seele

Der "Backenstreich" des Dieners läutet bei Johannes die eigentliche Passion ein. Es ist die erste körperliche Gewalt, die dem Messias widerfährt. Bach hält inne, gibt der Gemeinde mit dem Choral "Wer hat dich so geschlagen" Raum zur kollektiven Vergegenwärtigung.

Und hier wird sinnlich spürbar, worin die Größe des Gestalters John Eliot Gardiner liegt: In der ersten Choralstrophe lässt er auf dem Wort "geschlagen" die Streicher sich am aufgewühlt fragenden Chor vorbei nach vorne schieben, wie, um die Ungeheuerlichkeit des Vorgangs noch einmal zu betonen. Die zweite Strophe, "Ich, ich und meine Sünden" nimmt er dagegen ganz zurück - und lässt die Instrumente schweigen. In den Noten steht das nicht. Doch ungeheuer eindringlich ist die Wirkung der Konzentration auf den Inhalt, tragfähig die Brücke, die dieses Gestaltungsmittel den Worten zur Seele baut.

Gardiner, ist der Universalist unter den Originalklingern. Dogmen sind ihm ein Gräuel, ihm ist Musik Ausdruck, Klangrede. Um sie zu formulieren, weitet er den Blick. Was indes nur funktioniert weil das Umfeld dieser unerhörten Details von erhabener Schönheit und stilistischer Vollkommenheit ist. Andernfalls nutzten sie sich ab, sackten in den Manierismus, verkämen zum selbstdarstellerischen Effekt.

So aber hält Gardiner vom forschen Eingangschor mit seinen Seufzerketten über pulsenden Sechzehnteln bis zum in sanfter Schlichtheit artikulierten "Ruhet wohl!" und der entschlossenen Zuversicht des Schlusschoras "Ach Herr, lass dein lieb Engelein" die Spannung. Woran die strategisch geschickt im Kirchenschiff verteilten Bronchialrüpel nichts ändern. Und auch nicht Matthew Brook, der diesmal, ausgerechnet als Jesus, vergleichsweise ungepflegt und grob tönt, überdies mit seltsamen Vokalverfärbungen.

Der Rest der Solisten hält indes das Niveau, das die Kombination Gardiner und Bachfest verspricht. Mark Padmore legt als Evangelist die Worte auf die Goldwaage, lässt sich im Dienste der Schrift Zeit, bleibt mit seinem weichen Tenor auch als Erzähler nicht unbeteiligt. Die Arien sind beim strahlend schlanken Sopran Hannah Morrisons und dem edlen Mezzo Meg Bragles, beim anschmiegsamen Tenor Nicholas Mulroys, dem wunderbar natürlichen Bass Peter Harveys gut aufgehoben.

Über den Monteverdi Choir muss man nicht viele Worte verlieren, trotz des einsamen Knödlers im Bass, der die Homogenität dieses unvergleichliche beweglichen und runden Chorklangs bisweilen empfindlich stört. Die Kraft der Turbae, die Reaktionsschnelle im Detail, die Übersicht im Großen, der kollektive gestalterische Instinkt dieses Ensemble, das Gardiners klare Gesten in Echtzeit in Klang umsetzt, sie markieren noch immer die Grenzen des Möglichen. Und auch die English Baroque Soloists sind wieder grandios. Runder, wärmer, sinnlicher, poetischer und subtiler lassen sich Originalinstrumente nicht bedienen. Obwohl gegen Ende, da fordern Feuchtigkeit und Hitze ihren Tribut, die Stimmung durchsackt.

Doch ist auch das Wetter für einen großen Moment gut: "Es ist vollbracht" stoßseufzt Jesus ermattet vom Kreuz. Und in die letzte Silbe hinein fährt von draußen der Donner.

iHeute, 20 Uhr, sind Sir John Eliot Gardiner und die Seinen erneut beim Bachfest zu erleben: In der Nikolaikirche setzen sie sich in den Tönen Bachs mit Auferstehung und Himmelfahrt auseinander.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom ..

Peter Korfmacher

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