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Josep Pons dirigiert, Michael Schönheit schlägt die Orgel

Gewandhausorchester: Großes Concert Josep Pons dirigiert, Michael Schönheit schlägt die Orgel

Der spanische Dirigent Josep Pons und Gewandhausorganist Michael Schönheit präsentieren im Großen Concert des Gewandhausorchesters Werke von Bizet Bizet/Schtschedrin und Poulenc.

Leipzig. Der französische Komponist Francis Poulenc starb 1963, sein russischer Kollege Rodion Schtschedrin, Jahrgang 1932, lebt sogar noch. Das reicht, um die Leipziger vom Kartenkauf abzuhalten. Folglich sind die Großen Concerte dieser Woche weit weniger gut besucht als gewohnt – was absurd anmutet angesichts der sinfonischen Pralinenschachtel, die der spanische Dirigent Josep Pons da seinem Publikum hinhält: Georges Bizets bezaubernde erste L’Arlesienne-Suite ist drin, Schtschedrins Suite nach seiner Oper „Carmen“, dazwischen liegt Poulencs wunderbares Konzert für Orgel, Pauken und Streicher aus den 30ern.

Der Komponist zählte es zu seinen geistlichen Werken, und tatsächlich ist die unverkrampfte Sinnlichkeit dieser knappen halben Stunde getragen von tiefer Spiritualität, eine Kombination aus mystischem Raunen und monumentaler Kraft, subtiler Eleganz und rationaler Disziplin, die so nur aus Frankreich kommen kann.

Für dieses Werk ist Michael Schönheit ein fabelhafter Interpret. Aus einem Guss legt er dieses aus der Zeit gefallene Konzert an, scheut die große Geste ebenso wenig wie die innige Versenkung und registriert seine Schuke dabei so gekonnt, dass auch das kraftvollsten Plenum nie die Grenze zum Lärm überschreitet, sondern auch Details noch Luft zum Atmen lässt.

Zur Begleitung stellte Poulenc der Königin der Instrumente nur Pauken und Streicher zur Seite. Was nichts mit Kammerorchester zu tun hat, sondern eine Frage der Farben ist. Weil die der Bläser sozusagen dem Solisten anvertraut sind. Folglich ist 14er-Besetzung, mit der Gastdirigent Josep Pons das Gewandhausorchester antreten lässt. nicht Luxus, sondern Notwendigkeit. Nur so können die Streicher hinreichend Substanz, Intensität, Glanz und Schmelz entwickeln, um gleichberechtigt neben den vielen Tausend Pfeifen zu bestehen.

Für diese Gleichberechtigung tritt im konkreten Fall Pons ein, der das Orchester um Konzertmeister Sebastian Breuninger mit sparsamen, gleichwohl großen Gesten immer wieder zu neuen Wonnen antreibt. Im Ergebnis dringt Poulencs sehr individueller Klassizismus sofort zu den Seelen des Publikums vor und mündet in schrankenlose Begeisterung, für die sich Schönheit mit der Toccata aus Leon Boëllmanns „Suite gothique“ bedankt. Ein virtuoser Gassenhauer, der ebenfalls aus der Vergangenheit schöpft – im Vergleich zu Poulencs Konzert aber ein wenig halbseiden bleibt.

Halbseiden bleibt auch Schtschedrins „Carmen“-Suite aus den 60ern. Beherzt griff der Russe hinein in den unerschöpflichen musikalischen Fundus dieser spanischen Nationaloper aus Frankreich. Und am Anfang lässt seine Arbeit damit durchaus aufhorchen: Da vertraut er den Refrain von Carmens Zigeunerliebe-Habanera den Röhrenglocken an, spart aber die Zieltöne aus, ganz so, als wolle er ein Fragezeichen hinter die Liebe an und für sich setzen. Aber dieser Verfremdungs-Effekt nutzt sich alsbald ab, und spätestens, wenn dem Torero-Lied die Melodie abhanden kommt und die Begleitung im Leerlauf sich selbst genügen muss, ist aus der tönenden Deutung ein musikalischer Bastelbogen geworden, der auch durchs beständige Dengeln und Klingeln und Ploppen und Flirren und Sirren und Grollen der fünf fabelhaften Gewandhaus-Schlagwerker nicht ergiebiger wird. Auch nicht durch die sinnliche Magie, die Pons aus den Streichern herausholt, deren Linien satt glühen, deren Harmonien schwül schwelgen oder zart tasten. Die rund dreiviertelstündige Suite verfehlt ihre kalt kalkulierte Wirkung auch im Großen Concert nicht. Aber die Emotionen, die sie aufruft, sie bleiben seltsam hohl.

Ganz ganz anders ist dies bei der ersten „L’Arlesienne-Suite“ Bizets, zusammengestellt aus seiner Schauspielmusik zum gleichnamigen Schauspiel Alphonse Daudets. Seit beinahe 30 Jahren stand sie nicht mehr auf dem Spielplan des Gewandhausorchesters. Was mindestens erstaunlich ist. Denn der fast naiven Kraft der Außensätze, dem verspielten Charme des Menuetts, der beseelten Melancholie des Adagietto kann sich kaum jemand entziehen. Jedenfalls dann nicht, wenn die vier Charakter-Miniaturen so entwaffnend frisch, so berückend zart, so detailversessen durchmusiziert werden wie vom hier auch blasenden Gewandhausorchester unter Pons zum Anfang dieses Großen Estraden-Concerts.

Von Peter Korfmacher

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